„Blockchain sells“, so lautet zurzeit das Motto. Ob es dabei um Bitcoin, Fotodatenbanken oder Eistee geht, solange es irgendwie mit Blockchain zu tun hat, steigen tendenziell die Kurse. Was dahinter steckt, wird nicht immer genau unterschieden. Doch Differenzierungen sind unerlässlich. Denn drei Dinge werden häufig vermischt: Geht es um die durch exorbitante Kursschwankungen von sich Reden machende Kryptowährung Bitcoin? Handelt es sich um Kryptowährungen im Allgemeinen, sind also neben Bitcoin auch andere Digitaleinheiten wie Ripple und Ether gemeint? Oder wird die Blockchain-Technologie thematisiert, auf der auch Bitcoin beruht?

Unter „Kryptowährungen“ oder „virtuellen Währungen“ versteht man kryptografisch verschlüsselte digitale Einheiten, die zur Zahlung genutzt werden können. Sie haben in der Regel keinen Herausgeber, der mit seiner Bonität oder Reputation das Vertrauen gewährleistet. Solche Digitaleinheiten verdienen eigentlich nicht die Bezeichnung „Währung“, da sie nicht Teil der staatlichen Geldordnung sind.

„Die rasante Kursentwicklung sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass Bitcoin als Zahlungsmittel weiterhin kaum von Bedeutung ist.“

Von allen virtuellen Währungen zieht Bitcoin die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Die Berühmtheit, die Bitcoin erlangt hat, geht zum einen auf seine neuartige Konstruktion und zum anderen auf seine extremen Kursbewegungen zurück. Die ersten größeren Kurssprünge traten 2013 auf, als ein Bitcoin von rund 10 Euro am 1. Januar auf rund 820 Euro am 4. Dezember 2013 kletterte. Dies weckte die öffentliche Aufmerksamkeit. Im Zuge dessen wurde auch die technische Konstruktion mit der anonymen Herausgeberschaft auf Basis von Blockchain-Technologie viel diskutiert. Bitcoin kann ohne Banken herausgegeben und nach der Grundidee praktisch gebührenfrei währungsraumübergreifend genutzt werden. An der Schaffung von Bitcoin sollte sich auch jeder beteiligen können, indem er eigene IT-Rechenkapazitäten zur Verfügung stellt, darauf dem Bitcoin-Algorithmus entsprechend Bitcoin-Transaktionen verifiziert und dafür in Bitcoin entlohnt wird.

Über den Autor

Carl-Ludwig Thiele (64) ist Jurist und stammt aus Münster. Im Mai 2010 wurde er in den Vorstand der Deutschen Bundesbank berufen. Dort ist er aktuell zuständig für die Bereiche Bargeld, Controlling, Rechnungswesen und Organisation sowie Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme. Zuvor gehörte Thiele von 1990 bis 2010 dem Deutschen Bundestag an. Von 1994 bis 1998 war er Vorsitzender und von 1998 bis 2005 stellvertretender Vorsitzender des Finanzausschusses. Von Oktober 2002 bis April 2010 war er außerdem stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion.

Damit entstand ein alternatives globales Zahlungsmittel. Bis dahin waren alternative Zahlungsmittel vor allem für die regionale Nutzung – zum Beispiel „Der Chiemgauer“ – konzipiert worden. Bitcoin-Enthusiasten verweisen auf die globale Nutzbarkeit ohne Einbindung von Banken. Doch dies und die rasante Kursentwicklung sollten nicht den Blick darauf verstellen, dass Bitcoin als Zahlungsmittel weiterhin kaum von Bedeutung ist.

Wurden 2017 im Durchschnitt täglich rund 350.000 Transaktionen mit Bitcoin weltweit getätigt, so waren es alleine in Deutschland im konventionellen Zahlungsverkehr im Jahr zuvor pro Arbeitstag schon 70 Millionen Überweisungen, Lastschriften und Kartenzahlungen. Zu bedenken ist außerdem, dass bei Zahlungen in Bitcoin am Ende in den allermeisten Fällen der Umtausch in eine offizielle Währung steht. Und dies bringt für den Zahlungsempfänger ein nicht unerhebliches Wechselkursrisiko mit sich.

„Nach unseren Schätzungen wird für die Durchführung einer Bitcoin-Zahlung 350.000 mal so viel Strom verbraucht wie für eine SEPA-Überweisung.“

Zudem hält Bitcoin inzwischen aufgrund seiner technischen Restriktionen nicht mehr das, was es einst versprach: Die Gebühren, die für die Herstellung neuer Transaktionsblöcke (Mining) an die sogenannten „Miner“ für eine zeitgerechte Abwicklung zu zahlen sind, liegen teilweise bei über 30 Euro, wobei sich das Mining zwischenzeitlich zu einem hochspezialisierten Industriezweig entwickelt hat. Hinzu kommt die geringe Energieeffizienz: Nach unseren Schätzungen wird für die Durchführung einer Bitcoin-Zahlung 350.000 mal so viel Strom verbraucht wie für eine SEPA-Überweisung.

Dies zeigt deutlich, dass die Bedeutung von Bitcoin längst nicht mehr im Zahlungsverkehr zu suchen ist, sondern in seiner Rolle als Anlage- beziehungsweise Spekulationsobjekt. So wird das Thema auch auf den Finanzmärkten wahrgenommen. Es entstehen Finanzderivate auf Basis von Bitcoin (unter anderem Bitcoin-Future). Doch auch bei Anlageobjekten sollte der Nutzwert wichtig sein. Und dieser ist bei Bitcoin eher fragwürdig.

Es gibt weder einen festen Herausgeber noch ist bekannt, wer in der Entwicklergemeinde über seinen Algorithmus bestimmt. Damit ist es schwer zu sagen, ob Bitcoin in Zukunft noch gefragt ist. Jeder, der in Bitcoin oder in Bitcoin-Derivate investiert, riskiert auch immer den Totalverlust seiner Anlage.

Rückläufige Marktdominanz von Bitcoins

Unter den Kryptowährungen ist Bitcoin bisher die erfolgreichste. Aufgrund der hohen Nachfrage hat sie nach wie vor die höchste Marktkapitalisierung. Allerdings ist die Marktdominanz von Bitcoin eher rückläufig, weil die Kurse anderer virtueller Währungen teilweise schneller steigen als der Bitcoin-Kurs und weil sich die Zahl der virtuellen Währungen laufend erhöht. Unter den inzwischen rund 1460 virtuellen Währungen gibt es einige, die als Zahlungsmittel tauglicher erscheinen. Laut eigenen Angaben kann beispielsweise die von der Firma Ripple herausgegebene Einheit XRP im Ripple-System bis zu 1.000 Transaktionen pro Sekunde verarbeiten. Betrachtet man allerdings die Kursverläufe der virtuellen Währungen insgesamt in den letzten Monaten, kommt man schnell zu dem Schluss, dass es sich in erster Linie um Spekulationsobjekte handeln dürfte.

Virtuelle Währungen beruhen – wenn man vom Sonderfall des geplanten venezolanischen „Petrocoin“ absieht – auf einer freiwilligen Annahmebereitschaft privatwirtschaftlicher Akteure. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie vertrauenswürdig diese Systeme sind und ob sie ausreichend Akzeptanz finden können. Denn anders als von Zentralbanken emittierte offizielle Währungen sind sie nirgendwo gesetzliches Zahlungsmittel.

Denkbar ist es aber durchaus, dass offizielle Währungen in Teilen oder auch vollständig als virtuelle beziehungsweise digitale Einheiten ausgegeben werden. Ob es dafür eine Notwendigkeit geben könnte und in welcher Form Zentralbanken dieser begegnen sollten, wird zurzeit von Zentralbanken weltweit diskutiert. Die schwedische Zentralbank hat sich dabei weit vorgewagt. Angesichts der in ihrem Land um sich greifenden schwindenden Bargeldakzeptanz hat sie öffentlich die Frage aufgeworfen, ob digitales Zentralbankgeld in Form einer „e-krona“ eine Option sein könnte.

Im Euroraum sieht die Bundesbank derzeit keine Notwendigkeit, den Euro in digitaler Form einzuführen. Vielmehr arbeiten die Zentralbanken des Eurosystems daran, den Zahlungsverkehr weiter zu optimieren. Mit möglichst App-basierten Alltagszahlungen in Echtzeit („Instant Payments“) dürfte sich die Frage nach mehr Effizienz im europäischen Zahlungsverkehr durch höhere Geschwindigkeit kaum mehr stellen.

Konventionelle Zahlungssysteme sind überlegen

Vor diesem Hintergrund bleibt das Interessanteste an virtuellen Währungen weiterhin die Technologie, auf der sie basieren. Die Blockchain-Technologie ermöglicht verteilte Datenbanken, bei der jeder Teilnehmer Schreib- und Leserechte hat und die so programmiert werden können, dass sie auch selbstständig Transaktionen wie etwa Zahlungen auslösen können. Auf dieser Basis lassen sich Prozesse mit vielen Beteiligten völlig neu organisieren. Dies gilt beispielsweise für die Abgabe von Stromeinheiten, die Abwicklung von Zug-um-Zug-Zahlungen bei Außenhandelsgeschäften und die Einrichtung von Fotodatenbanken ebenso wie für zahlreiche Backoffice-Prozesse.

Die Bundesbank analysiert sehr sorgfältig die Möglichkeiten für eine Anwendung in den verschiedenen Bereichen des Finanzsektors. In einem Gemeinschaftsprojekt mit der Deutschen Börse wird die Anwendung und Leistungsfähigkeit von Blockchain-Technologien bei der Abwicklung von Wertpapiergeschäften zwischen Banken ausgelotet. Dabei sehen wir zurzeit den Zahlungsverkehr kaum als den geeigneten Anwendungsbereich, denn hier geht es vor allem um die Abwicklung millionenfacher bilateraler Transaktionen. Hier sind konventionelle Zahlungssysteme aufgrund ihrer niedrigeren Kosten und nicht zuletzt mit der Einführung von Instant Payments auf absehbare Zeit die überlegene Lösung.

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