99 Cent für den Liter Milch bezahlen, auch wenn es deutlich billigere Angebote gibt: das haben in den vergangenen Monaten schon mehr als fünf Millionen Franzosen getan. Sie griffen zu den höherpreisigen blauen Milchpackungen der neu gegründeten Pariser Genossenschaft „La Marque du Consommateur“ („Die Verbrauchermarke“), die seit Oktober 2016 in den Regalen französischer Supermärkte stehen. Zeitweise hatten Handelsketten wie Carrefour oder Intermarché sogar mit Lieferengpässen zu kämpfen.

Faire Preise und Urlaub für die Milchbauern

Woher kommt dieser Absatzerfolg? Offenbar traf die neu gegründete Genossenschaft bei den Franzosen einen Nerv: Die Milch wurde exakt unter den Produktionsbedingungen hergestellt, die den Verbrauchern wichtig sind. Welche das sind, darüber hatten mehr als 8.000 Franzosen auf der Webseite der Genossenschaft abgestimmt. Die Mehrheit sprach sich für die aufwendigste und damit auch teuerste Variante aus. Die Milch stammt von französischen Bauernhöfen, die Kühe dürfen auf die Weide und erhalten gentechnikfrei hergestelltes Futter.

Vor allem aber entschieden sich die Verbraucher für eine Milch, die den Landwirten ein angemessenes Einkommen ermöglicht: „Wir wollen nicht nur hochwertige Lebensmittel anbieten, sondern unseren Produzenten auch faire Preise garantieren“, sagt Laurent Pasquier, der die Vertriebsgenossenschaft zusammen mit Nicolas Chabanne und weiteren Mitstreitern gegründet hat. Die Bauern würden dabei nicht nur besser bezahlt, „sondern sie können sich sogar eine Woche Urlaub pro Jahr leisten“, ergänzt Mitgründer Chabanne. Auch darüber konnten die Verbraucher abstimmen. Sie zahlen nun pro Liter Milch der Marke „C’est qui le patron?“ neun Cent, damit die Milchbauern eine Arbeitskraft engagieren können, während sie Urlaub machen.

Das Grundprinzip der Genossenschaft: Sie stellt im Internet verschiedene Lebensmittel zur Abstimmung. Dabei wählen die Verbraucher, auf welche Qualitätskriterien sie bei diesem Produkt Wert legen. Bei Eiern zum Beispiel können die Nutzer anklicken, ob ihnen die Herkunft aus Frankreich oder aus ihrer Region wichtig ist, ob die Hühner in Käfigen oder im Freiland gehalten werden oder welches Futter sie erhalten. Je anspruchsvoller die Qualitätskriterien sind, desto höher ist der Preis für das Produkt. Die Spanne reicht von 98 Cent bis 3,56 Euro für die Sechserpackung.

Sobald genügend Personen abgestimmt haben, lässt die Genossenschaft die Produkte mit den gewünschten Qualitätskriterien produzieren und liefert sie dauerhaft an die Supermärkte. Die Entscheidung, was in die Regale kommt, treffen also die Verbraucher. „Erst wenn 8.000 Stimmen zusammengekommen sind, lassen wir das Produkt herstellen und vertreiben es“, erklärt Pasquier.

Die Genossenschaft hat derzeit rund 3.000 Mitglieder. Sie haben eine Stimme und können über die angebotenen Lebensmittel, die Kommunikationsstrategie und die Kontrolle der Produkte mitentscheiden. Dabei geht „La Marque du  Consommateur“ nicht nur online auf den Verbraucher zu, sondern auch in den Supermärkten, in denen die Genossenschaft über ihr Konzept informiert.

„Wir haben ein Modell erschaffen, das die Erzeugung revolutioniert“

Pasquier ist stolz auf das Erreichte. „Wir haben ein Modell erschaffen, das die Erzeugung revolutioniert“, sagt er. Das Selbstbewusstsein der Genossenschaft drückt sich auch in ihrem Slogan aus: „C’est qui le patron?“ – „Wer ist der Chef?“ Normalerweise bleibe den Konsumenten verborgen, mit welchen Qualitätseinbußen Niedrigpreise verbunden seien, kritisiert Pasquier. Deshalb setzt der Genossenschaftsgründer auf absolute Transparenz gegenüber dem Verbraucher: „Sie können auf unserer Webseite viel über die Qualität der Produkte und ihr Preis-Leistungs-Verhältnis lernen.“

Auch Régis Mainguy profitiert davon. Der Landwirt aus der Nähe von Nantes in Westfrankreich produziert rund eine Million Liter Milch pro Jahr. Bis 2016 lieferte er sie an den Großkonzern Lactalis. Dann wurde ihm gekündigt, weil er gegen die harten Preisverhandlungen des Konzerns protestiert hatte. Eine Zeit lang fand er keinen Abnehmer für seine gentechnikfreie Milch – bis Chabanne auf ihn zukam. Seither liefert er nur noch an „La Marque du Consommateur“. „Ich finde es toll, dass wir Landwirte uns dank der Genossenschaft mit dem Verbraucher austauschen können“, meint er. Die vier bis fünf Cent pro Liter Milch, die er bei der Genossenschaft mehr bekomme, ermöglichten ihm ein faires Gehalt.

Seit ihrer Gründung im Jahr 2016 hat die Genossenschaft ihre Produktpalette stetig ausgeweitet. Inzwischen gibt es neben Milch auch Butter, Apfelsaft, Apfelkompott, Hacksteak und Pizza von „La Marque du Consommateur“. Die Produkte in den Regalen heben sich durch eine auffällige Verpackung von der Konkurrenz ab. Darauf wird der Zusatz „des consommateurs“ abgedruckt, also zum Beispiel „Le beurre des consommateurs“: die Butter der Verbraucher.

„Die Verbrauchermarke“

Neben Milch hat die Genossenschaft „La Marque du Consommateur“ („Die Verbrauchermarke“) inzwischen viele weitere Produkte auf den Markt gebracht, darunter…
… Butter und Bio-Butter…
… Butter und Bio-Butter…
… Apfelsaft…
… Apfelsaft…
… Apfelmus…
… Apfelmus…
… und Pizza.
… und Pizza.

Die Genossenschaft beliefert mittlerweile alle großen Handelsketten in Frankreich wie Casino, Auchan und Carrefour, aber auch Lidl. Das Geschäftsmodell funktioniert besser als gedacht: „Nicht einmal in unseren kühnsten Träumen hätten wir geglaubt, so viele Supermarktketten gewinnen zu können“, schwärmt Chabanne. Bald gebe es 11.000 Verkaufsstellen.

Inzwischen setzt „La Marque du Consommateur“  33 Millionen Liter Milch pro Jahr ab und hat nun auch die Handelskette Leclerc überzeugt, ihre Produkte ins Sortiment aufzunehmen. Seit Anfang dieses Jahres stehen sie dort in den Regalen. 2018 wollen Pasquier und Chabanne Salate, Nudeln und süße Butter neu auf den Markt bringen und so den französischen Landwirten zu einem angemessenen Einkommen verhelfen. Am Beispiel Milch haben sie ausgerechnet, dass das die Franzosen nur vier Euro mehr pro Kopf und Jahr kostet. Das Geschäft wird vermutlich auch 2018 wie geschmiert laufen: Über 11.500 Franzosen haben für eine hochwertige Butter gestimmt, die im April auf den Markt kommt. Preis: 2,79 Euro.

Lebensmittel: Worauf die Franzosen Wert legen

„La Marque du Consommateur“ greift den Trend zu hochwertigen und nachhaltig produzierten Lebensmitteln in Frankreich auf. Über 40 Prozent der Franzosen gaben in einer Studie von Harris Interactive aus dem Jahr 2016 an, ihre Konsumgewohnheiten radikal verändert zu haben. Sie kochen wieder mehr und verwenden dafür zunehmend frische Produkte, deren Absatz seit 2014 um fast 30 Prozent gestiegen ist. Das Tierwohl liegt den Franzosen ebenfalls am Herzen: In einer Ipsos-Befragung aus dem Jahr 2016 erklärte fast die Hälfte der Teilnehmer, mehr Produkte zu konsumieren, die von Tieren aus artgerechter Haltung stammen. Auch das Bewusstsein für die Situation der Landwirte nimmt demnach zu: 40 Prozent gaben an, Lebensmittel zu kaufen, die den Bauern zu einem besseren Einkommen verhelfen.

Nina Schönmeier studierte in München Journalismus und lebt seit 15 Jahren in der Nähe von Montpellier. Auch sie findet die Idee der Genossenschaft „La Marque du Consommateur“ bestechend und greift im Supermarkt immer wieder zu deren Produkten.

Artikel lesen
Praxis