Zusammenspiel: Wer verstehen will, wie aus einem Getreidekorn ein qualitativ hochwertiges Brot wird, muss auf die ganze Wertschöpfungskette schauen.
Im Wald durchwühlt ein Wildschwein mit feiner Nase und kräftigem Rüssel den Boden. Es sucht nicht nur nach Eicheln und Wurzeln, sondern auch nach Insektenlarven, Käfern und Würmern – einer natürlichen Proteinquelle. Ähnlich ist es bei Hühnern: In freier Umgebung verbringen sie viel Zeit damit, im Boden nach Insekten und deren Larven zu scharren. Für viele Tiere gehören Insekten ganz selbstverständlich zum natürlichen Futter.
Helmut Hoffmann ist Vorstand der Erzeugergenossenschaft Insektivo.
Die 2025 gegründete Genossenschaft Insektivo will die Insektenproduktion als neues landwirtschaftliches Geschäftsfeld erschließen und setzt dabei bewusst auch auf die Verfütterung lebender Larven. „Gerade für Schweine sowie Geflügelarten wie Hühner oder Puten bieten lebende Larven einen besonderen Mehrwert, da Insekten der natürlichen Ernährungsweise der Tiere entsprechen“, sagt Helmut Hoffmann, Vorstand der Genossenschaft. „Die lebende Larve hat über ihre Inhaltsstoffe eine besonders gesundheitsfördernde Wirkung für Tiere.“
Insekten als Proteinquelle
Das Potenzial von Insekten als Proteinquelle gab den Anstoß für die Gründung von Insektivo. Hoffmann war zuvor als Projektmanager in den Bereichen Erneuerbare Energien, Bioökonomie, Indoor-Fischzucht und anderen verwandten Feldern tätig. Gemeinsam mit Tobias Söltl, geschäftsführender Gesellschafter der Agritech Solutions, stieß Hoffmann bei einem Fischzuchtprojekt auf das Thema Insekten als Proteinquelle. Ihre Faszination für das Thema wuchs. Als bei Söltl die eigene Hofübergabe anstand, verband sich diese inhaltliche Begeisterung mit der praktischen Überlegung, daraus ein neues landwirtschaftliches Geschäftsmodell zu entwickeln. „Wir verbanden unsere Leidenschaft für Insekten mit unserer Projektmanager-DNA“, fasst Genossenschaftsgründer Hoffmann zusammen.
Innovationstreiber für Landwirtschaft
Agritech Solutions ist ein junges Start-up. Ziel der GmbH ist es, Kundinnen und Kunden Perspektiven im Agritech-Sektor zu bieten, Technologie weiterzudenken und jede Lösung integrativ zu betrachten. Von der ersten Idee über die Erschließung von Synergien bis zum funktionierenden neuen Unternehmenszweig steht Agritech Solutions an der Seite der Kundinnen und Kunden. Somit bildet Agritech Solutions die Schnittstelle zwischen Technologieanbieter und Landwirtinnen sowie Landwirten, um Hofnachfolgern und Quereinsteigern neue Perspektiven zu eröffnen. Sitz von Agritech Solutions ist die Hallertau.
Aus dieser Idee entstand der Ansatz, landwirtschaftliche Betriebe beim Einstieg in die Insektenproduktion umfassend zu begleiten – von der ersten Idee über Planung, Genehmigungen und Wirtschaftlichkeitsberechnungen bis hin zur Umsetzung und Inbetriebnahme. Entscheidend für die Glaubwürdigkeit ihrer Geschäftsidee war dabei, dass Söltl auf dem eigenen Betrieb selbst eine Mastanlage für Larven der Schwarzen Soldatenfliege aufgebaut hat. „So können wir interessierten Landwirtinnen und Landwirten zeigen, dass unser Modell nicht nur theoretisch gedacht ist, sondern in der Praxis funktioniert“, sagt Hoffmann.
Den Erzeugern den Rücken freihalten
Die Erzeugergenossenschaft Insektivo spricht mit der Insektenproduktion unterschiedliche Gruppen von Betrieben an. Die einen verfüttern die Larven an ihre eigenen Tiere, andere sehen in der Insektenvermarktung ein zusätzliches Standbein.
Insektivo richtet sich an unterschiedliche Gruppen von Betrieben. Zum einen sind das Landwirtinnen und Landwirte mit eigenem Futtermittelbedarf, etwa Schweinehalter, die einen Teil der produzierten Larven selbst in der Ferkelfütterung einsetzen und nur Überschüsse vermarkten wollen.
Zum anderen spricht die Genossenschaft Betriebe an, die in der Insektenproduktion und -vermarktung ein zusätzliches Standbein sehen, um ihren Hof breiter und zukunftsfester aufzustellen.
Eine dritte Gruppe interessiert sich vor allem für die Nebenströme der Produktion – insbesondere für den sogenannten Insektenfraß, der sich etwa in Biogasanlagen nutzen lässt und damit zusätzliche wirtschaftliche Perspektiven eröffnet.
Die Genossenschaft entlastet die Landwirte
In Gesprächen mit den unterschiedlichen Akteuren wurde für die Gründer schnell deutlich, dass sich der Aufbau einer neuen Wertschöpfungskette nicht allein über Einzelbetriebe organisieren lässt. „Die naheliegende Lösung war demnach die Gründung einer Genossenschaft. Denn diese kann zentrale Aufgaben übernehmen, die Landwirtinnen und Landwirte im Alltag kaum zusätzlich leisten können“, sagt Hoffmann.
Der genossenschaftliche Gedanke dahinter ist klassisch: „Die Erzeuger sollen sich auf ihre Kernaufgabe konzentrieren können – Tiere versorgen und Produkte erzeugen –, während wir ihnen bei Vermarktung, Organisation und Markterschließung den Rücken freihalten“, sagt Hoffmann. „Aktuell haben wir eine Anlage mit 2.000 Tonnen Jahreskapazität in der Genossenschaft, nächstes Jahr kommen mindestens weitere 3.000 Jahrestonnen dazu.“
Hohe Anforderungen an Logistik und Qualität
Wie das in der Praxis funktioniert, zeigt sich besonders im Fokus auf lebende Larven. Während häufig verarbeitete Insektenprodukte im Mittelpunkt stehen, setzt Insektivo bewusst auch auf die direkte Verfütterung. „Die lebende Larve wird von den Tieren sehr gut angenommen. Aus den Praxisbetrieben gibt es ausgesprochen positive Rückmeldungen. Gleichzeitig bringt dieses Angebot hohe Anforderungen an Logistik und Qualitätssicherung mit sich“, erklärt Vorstand Hoffmann.
Lebende Larven werden von den Tieren sehr gut angenommen, erklärt Helmut Hoffmann, Vorstand der Erzeugergenossenschaft Insektivo.
Dafür hat Insektivo ein System aufgebaut, das auf gekühlten Transporten und standardisierten Kisten basiert. „Über die Barcodes lässt sich jederzeit nachvollziehen, wo sich welche Charge befindet. Hinzu kommen feste Hygieneprozesse mit Reinigung und Wiederaufbereitung der Kisten nach ihrem Einsatz beim Kunden.“ Hoffmann macht deutlich, dass Qualitätsmanagement und Rückverfolgbarkeit für die Genossenschaft eine zentrale Rolle spielen. Zugleich nutzt das Unternehmen biologische Eigenschaften der Larven für Lagerung und Transport: „Sinkt die Temperatur, fahren die Tiere ihren Stoffwechsel stark herunter. Das erleichtert den Transport und verbessert die Haltbarkeit.“
Neben Logistik und Qualitätssicherung verweist Hoffmann auch auf ein biologisches Grundprinzip der Insektenproduktion: Bei den Larven der Schwarzen Soldatenfliege fallen Futter und Lebensraum eng zusammen: Das Substrat dient den Tieren nicht nur als Nahrung, sondern zugleich als Umgebung, in der sie sich entwickeln. Nach einer Mastdauer von rund elf Tagen werden die Larven vom Restsubstrat, dem Insektenfraß, getrennt. Dabei entstehen zwei verwertbare Produktströme. „Der Insektenfraß kann beispielsweise in Biogasanlagen genutzt oder als Düngemittel weiterverwendet werden“, sagt Hoffmann.
Mehr Wertschöpfung durch Kreislaufwirtschaft
Für Insektivo endet die Wertschöpfung jedoch nicht bei der Larve als Proteinquelle. Auch die bei der Produktion entstehenden Nebenströme können wirtschaftlich nutzbar gemacht werden. Insektivo verfolgt das Ziel, Landwirtschaft, Futtermittelproduktion, regionale Stoffkreisläufe und weitere Nutzungspfade enger miteinander zu verzahnen. Reststoffe können verwertet werden, so dass zusätzliche Wertschöpfung entsteht und neue Einkommensperspektiven für landwirtschaftliche Betriebe eröffnet werden.
Organisatorisch sind Agritech Solutions und Insektivo voneinander getrennt, auch wenn es weiterhin einen engen Wissenstransfer gibt. Agritech Solutions bleibt als eigenständiges Unternehmen bestehen, ist bei Insektivo Genossenschaftsmitglied und bringt seine Expertise etwa bei Futtermittelentwicklung, Tests und fachlichen Dienstleistungen ein. Insektivo konzentriert sich dagegen auf den Aufbau der Genossenschaft selbst – auf Vertrieb, Logistik, Qualitätsmanagement, digitale Systeme, Marktorganisation und wissenschaftliche Begleitung.
Noch befindet sich die Genossenschaft in der Aufbauphase. Zunächst lief alles ehrenamtlich, seit Anfang 2026 treibt Hoffmann den Aufbau von Insektivo hauptamtlich voran. „Derzeit ist vieles in Bewegung“, sagt der Vorstand der Genossenschaft. „Strukturen müssen geschaffen, Prozesse etabliert und der Markt Schritt für Schritt entwickelt werden.“
Stärke des genossenschaftlichen Ansatzes
Eine der derzeit größten praktischen Herausforderungen sieht Hoffmann in der Fütterungstechnik im Stall. Zwar werde die Verfütterung lebender Larven von den Tieren hervorragend angenommen, bislang sei sie jedoch noch mit viel manueller Arbeit verbunden. Für die Zukunft stelle sich daher die Frage, wie sich einzelne Arbeitsschritte automatisieren oder zumindest teilautomatisieren lassen.
Gerade drin zeigt sich aus Hoffmanns Sicht die Stärke des genossenschaftlichen Ansatzes. In einem jungen Markt kann die Genossenschaft einzelne Betriebe entlasten, Kompetenzen bündeln und neue Strukturen gemeinsam aufbauen. Insektivo versteht sich damit als strukturierendes und absicherndes Bindeglied in einer Wertschöpfungskette, die noch jung ist, nach Einschätzung Hoffmanns aber großes Potenzial besitzt.