Unverzichtbar: Wie sorgen Genossenschaften in der Land- und Ernährungswirtschaft für Wertschöpfung? DRV-Hauptgeschäftsführer Jörg Migende kennt die Fakten.
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Wie sorgen Genossenschaften für Wertschöpfung in der Agrar- und Ernährungswirtschaft?
„Genossenschaften bündeln die Interessen von Erzeugern, Verarbeitern, Händlern und Verbrauchern. Im Dialog dieser Interessensgruppen untereinander und miteinander können alle Beteiligten der Wertschöpfungskette ein Gefühl dafür entwickeln, was den anderen Interessensgruppen wichtig ist und worauf sie achten müssen. Dadurch entstehen gemeinsame Vorstellungen von Qualität und Standards, die sich im Dialog entwickeln und nicht durch reine Durchsetzungsmacht einer Wertschöpfungsstufe“, sagt Stefan Dick, Geschäftsführer der Südstärke GmbH.
„Die Stärke der Genossenschaft liegt darin, Risiken gemeinsam zu tragen und Chancen gemeinsam zu nutzen“, meint Carlos Ruis, Vorstand der HVG Hopfenverwertungsgenossenschaft.
„Mit ihrem kooperativen Ansatz übernehmen Genossenschaften eine wichtige Bündelungs- und Steuerfunktion und ermöglichen es, Marktchancen zu nutzen und Marktrisiken gemeinsam zu tragen. Ohne sie gäbe es keine funktionierende Versorgungskette, viele Supermarktregale blieben leer“, sagt Jörg Migende, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Raiffeisenverbands (siehe auch das Interview mit Jörg Migende in dieser Ausgabe).
Kurzum: Genossenschaften sorgen durch ihre Tätigkeiten für eine enorme Wertschöpfung im ländlichen Raum, indem sie Marktmacht bündeln, den Vertrieb übernehmen, Produkte veredeln, Logistik und Lieferketten organisieren, Märkte erschließen, Innovationen vorantreiben oder Trends aufgreifen – um nur einige Beispiele zu nennen.
Bedeutung von Genossenschaften wird unterschätzt
Diese Wertschöpfung lässt sich auch in Zahlen fassen. Im vergangenen Jahr hat der Genossenschaftsverband Bayern (GVB) von dem Wirtschaftsforscher Christian Helmenstein in einer Wertschöpfungsstudie den ökonomischen Fußabdruck der Genossenschaften in Bayern untersuchen lassen und auf dem GVB-Verbandstag vorgestellt (siehe dazu auch das Interview mit Professor Helmenstein in „Profil“ 8/2025).
Sein Ergebnis, bezogen auf das Jahr 2023 und auf alle GVB-Mitglieder: „Der ökonomische Fußabdruck, gemessen anhand der Bruttowertschöpfung der GVB-Mitgliedsunternehmen, beläuft sich auf knapp acht Milliarden Euro. Das heißt, diese acht Milliarden Euro werden Jahr für Jahr als Beitrag zum Wohlstand in Bayern und Deutschland erwirtschaftet.“ Genossenschaften seien die Wirtschaftskraft vor Ort, würden aber nicht so wahrgenommen. „Die wirtschaftliche Bedeutung von Genossenschaften wird unterschätzt, weil sie so gut funktionieren und ihre Leistung für selbstverständlich genommen wird“, sagt Professor Helmenstein.
Wertschöpfungsstudie: der ökonomische Fußabdruck bayerischer Genossenschaften
Im Auftrag des Genossenschaftsverbands Bayern hat das unabhängige Wirtschaftsinstitut Economica eine Wertschöpfungsstudie durchgeführt. Mit dieser Studie zeigt der Genossenschaftsverband Bayern, welchen Beitrag die Genossenschaften, die in mehr als 30 Branchen aktiv sind, zum wirtschaftlichen Erfolg in Bayern und darüber hinaus leisten.
7,94 Milliarden Euro
Der gesamtwirtschaftliche Beitrag der bayerischen Genossenschaften im Jahr 2023 beläuft sich inklusive der vor- und nachgelagerten Wirtschaftsleistung auf 7,94 Milliarden Euro. Davon werden rund 80 Prozent in Bayern erwirtschaftet.
85.700 Vollzeit-Arbeitsplätze
Die bayerischen Genossenschaften sichern insgesamt rund 85.700 Vollzeit-Arbeitsplätze. Das bedeutet, dass etwa jeder 120. Vollzeit-Arbeitsplatz in Bayern mit einem GVB-Mitgliedsunternehmen verbunden ist.
92.600 Euro
Die bayerischen Genossenschaften sind besonders produktiv. 2023 generierten sie im Mittel 92.600 Euro pro Beschäftigtem. Das sind 2.800 Euro mehr als der bayerische Durchschnitt.
3,57 Milliarden Euro
Die GVB-Mitgliedsunternehmen leisteten 2023 einen bedeutenden Anteil für den Staatshaushalt. Die bayerischen Genossenschaften sorgten für einen Beitrag in Höhe von 3,57 Milliarden Euro zum Steuer- und Abgabenaufkommen in Deutschland.
4,39 Milliarden Euro
Im Jahr 2023 gingen Löhne und Gehälter in Höhe von 4,39 Milliarden Euro auf die bayerischen Genossenschaften zurück. Daraus ergab sich ein Durchschnittslohn, der deutlich über dem vergleichbaren Lohnniveau in Bayern liegt.
Helmenstein hebt besonders die ländlichen Genossenschaften hervor, die zu einer hohen Wertschöpfung in Bayern beitragen: „Wenn man das gesamte genossenschaftliche Wertschöpfungsnetzwerk in Bayern analysiert, dann sieht man schnell, dass es besonders starke Verbindungen einerseits von der landwirtschaftlichen Urproduktion zu den weiteren Verarbeitungsstufen in der Lebensmittelindustrie gibt, denken wir nur an den Bereich Milch und Käse.“ In weiterer Folge bestünden ausgeprägte Verbindungen aus vorgelagerten Produktionsbereichen zum Groß- und Einzelhandel. „Es ist wertvoll zu sehen, dass wir im Bereich der Landwirtschaft eine ganze Kaskade von Veredelungsstufen vorfinden, von der Urproduktion bis hin zu höher wertschöpfenden Produkten, die dann auch international exportfähig sind.“
Weinlese im Escherndorfer Lump: Die fränkischen Winzergenossenschaften produzieren aus den Trauben ihrer Mitglieder nicht nur Wein, sondern sie verfügen auch über die dazugehörigen Vertriebskanäle, um den Wein anschließend verkaufen zu können. Foto: GVB
Das genossenschaftliche Wertschöpfungsnetzwerk erlaube aufgrund seiner strukturellen Spezialisierung und der hohen Qualifizierung seiner Beschäftigten eine überdurchschnittliche Produktivität, stellt Helmenstein weiter fest. „Wenn es auf den höheren Wertschöpfungsstufen keine Genossenschaften gäbe, würden der Urproduktion wesentliche Absatzkanäle fehlen. Außerdem käme es dann zu Ineffizienzen in der Logistik, weil die Genossenschaften in ihrer weit über hundertjährigen Geschichte eine hocheffiziente Produktionslogistik und dazu passende Vertriebssysteme aufgebaut haben.“ Als Beispiel nennt der Professor die Winzergenossenschaften. „Diese produzieren aus den Trauben ihrer Mitglieder nicht nur Wein, sondern sie verfügen auch über die dazugehörigen Vertriebskanäle, um den Wein anschließend verkaufen zu können. Wenn das alles jeder einzelne landwirtschaftliche Betrieb auf jeder Produktionsebene selbst organisieren müsste, hätte dies beträchtliche Ineffizienzen zur Folge.“
Vom Getreide zum Brot
Vom Anbau über Erfassung, Verarbeitung und Logistik bis zum Verkauf ist es ein weiter Weg vom Getreide zum Brot. Bevor die fertige Ware in der Bäckerei ausliegt, haben entlang der genossenschaftlichen Wertschöpfungskette bereits zahlreiche Akteurinnen und Akteure dazu beigetragen, aus dem Rohstoff ein hochwertiges Lebensmittel zu formen. „Profil“ hat diese Wertschöpfungskette in einer Reportage nachvollzogen.
Jeder konzentriert sich auf seine Kernkompetenz
Stefan Dick ist Geschäftsführer der Südstärke GmbH.
Stefan Dick ist Geschäftsführer der Südstärke GmbH. Das genossenschaftlich geführte Unternehmen stellt Hightech-Produkte aus Kartoffeln her, wobei man den Begriff „Hightech“ wörtlich nehmen kann (siehe dazu auch den Beitrag „Hightech aus Kartoffeln“ in „Profil“ 10/2021). So umfasst das Portfolio native und modifizierte Kochstärken, kaltwasserlösliche Stärken, Flüssigstärken, Dextrine und Kartoffelprotein. 55 Prozent der Produkte gehen in die Herstellung von Lebensmitteln, 25 Prozent in die Papierindustrie, zehn Prozent in die Chemieindustrie und zehn Prozent in die Agrarwirtschaft. In der Chemieindustrie wird die Stärke zum Beispiel für umweltfreundliche Klebstoffe, Folienkleber und Furniere verwendet.
Das Wertschöpfungsmodell der Südstärke beschreibt Dick so: „Bei der Südstärke können sich die Kartoffelanbauer in der Liefergenossenschaft auf ihre Kernkompetenz konzentrieren, nämlich die optimale Bewirtschaftung ihrer Flächen. Die Veredelung der gewonnenen Stärke, die Entwicklung innovativer Anwendungen und Geschäftsfelder und die weltweite Vermarktung der Produkte liegt in der Kompetenz der Südstärke GmbH, die in der Wertschöpfungskette auf der Stufe der Verarbeiter steht. Dadurch kommt die Wertschöpfung der Verarbeitungsstufe direkt den Anbauern zugute, was ohne genossenschaftliches Modell so nicht gelingen könnte.“
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Wie wird aus Kartoffeln Stärke? Der Imagefilm der Südstärke GmbH erklärt es.
Wandel erfordert Innovationsbereitschaft
Doch auch die Südstärke muss sich an neue Gegebenheiten anpassen. So zwingt die Industrialisierung der Agrar- und Ernährungswirtschaft Erzeuger und Verarbeiter dazu, günstiger zu produzieren, um konkurrenzfähig zu bleiben. „Für die Südstärke bedeutet dies dauernde Innnovationsbereitschaft und die Fähigkeit, sich den wandelnden Ansprüchen des Handels und der Konsumenten anzupassen“, erläutert Dick. Beispielhaft nennt er Ernährungstrends wie Veganismus und „High Protein“, die neue Produkte und Formulierungen erfordern.
Innovationsbereitschaft und Anpassungsfähigkeit können jedoch nicht alle Entwicklungen ausgleichen, denen Agrargenossenschaften ausgesetzt sind. „Steigende bürokratische Anforderungen und praxisferne Vorgaben zur Bewirtschaftung der Flächen setzen die Einzelbetriebe zunehmend unter Druck“, stellt Dick fest. Die industrielle Verarbeitung sei eingekeilt zwischen hohen Energie- und Arbeitskosten, zunehmenden bürokratischen Anforderungen, praxisfernen Umweltauflagen und einem allgemeinen industriefeindlichen Umfeld. „Sowohl Anbauer als auch Verarbeiter fragen sich immer öfter, ob die Gesellschaft sie überhaupt noch hier haben will. Helfen würde ein klares Bekenntnis der Politik zu den Betrieben, ein sofortiger Stopp weiterer Auflagen und der Einstieg in den Rückbau von Auflagen“, wünscht sich der Südstärke-Geschäftsführer.
Genossenschaften bremsen den Strukturwandel
Genossenschaften helfen auch dabei, den Strukturwandel zu bremsen und so Wertschöpfung in der Region zu halten. Ein Beispiel dafür ist die Molkereigenossenschaft Berchtesgadener Land. „Unser Ziel ist es, möglichst viele unserer Mitglieder mit einem einträglichen Einkommen in der Landwirtschaft zu halten. Dazu informieren wir unsere Betriebe frühzeitig zu gesellschaftlichen Themen. So unterstützen wir seit über zehn Jahren den Weg aus der Anbindehaltung, haben dazu finanzielle Anreize wie die Bewegungsprämien eingeführt und im Rahmen der Wissenswerkstatt Stallbau-Seminare für Neu- und Umbaulösungen für kleine Laufställe angeboten“, sagt Molkerei-Geschäftsführer Bernhard Pointner. Siehe dazu auch das Interview mit Bernhard Pointner in dieser Ausgabe.
Stabilität und Perspektiven in schwierigen Zeiten
Dass sich Genossenschaften auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bewähren, zeigt die HVG Hopfenverwertungsgenossenschaft aus Wolnzach. „Der Hopfenmarkt befindet sich in einer ausgeprägten Konsolidierungsphase“, sagt HVG-Vorstand Carlos Ruiz. Die Kombination aus wirtschaftlicher Unsicherheit und Kaufkraftverlust habe nach der Covid-Pandemie zu einer deutlichen Abschwächung der Biernachfrage geführt, die erhoffte Erholung sei ausgeblieben. Das betreffe auch wichtige Exportmärkte für deutschen Hopfen wie die USA und Brasilien.
In Deutschland sei der Bierabsatz seit 2019 um knapp 14 Prozent beziehungsweise 12 Millionen Hektoliter gesunken, erläutert Ruiz. Die deutsche Hopfenproduktion werde daher ebenfalls angepasst: Bis zur Ernte 2026 erwartet der HVG-Vorstand gegenüber dem Höchststand 2021 ein Flächenrückgang von etwa 15 Prozent. „Die Kombination aus sinkenden Volumina und Umsätzen bei gleichzeitig steigenden Anforderungen in den Bereichen Bürokratie, Umweltauflagen und Pflanzenschutz stellt unsere 926 Mitgliedsbetriebe vor erhebliche wirtschaftliche Herausforderungen.“
Chancen gemeinsam nutzen, Risiken gemeinsam teilen
Carlos Ruiz, Vorstand der HVG Hopfenverwertungsgenossenschaft. Foto: HVG
Genossenschaften seien gut darin, Chancen gemeinsam zu nutzen, aber auch Risiken gemeinsam zu tragen, sagt Ruiz. „Als genossenschaftlicher Zusammenschluss von Hopfenpflanzern aus den Anbaugebieten Hallertau, Elbe-Saale und Tettnang ist es unsere zentrale Aufgabe, gerade in dieser Konsolidierungsphase Stabilität und Perspektiven zu schaffen.“ Die HVG sei seit ihrer Gründung 1953 der Vermarktungsarm der Pflanzer. „Wir kaufen ihren Hopfen zu transparenten Bedingungen ab und vermarkten ihn weltweit – mit einer Exportquote von nahezu 80 Prozent. Unsere Mitglieder profitieren direkt von diesem Modell. In den vergangenen 20 Jahren haben wir über 30 Millionen Euro als Warenrückvergütungen und Dividenden ausgeschüttet – ein wesentlicher Unterschied zu rein privaten Vermarktungsstrukturen.“
Investitionen in die Zukunftsfähigkeit der Betriebe
Gleichzeitig investiere die HVG gezielt in die Zukunftsfähigkeit der Betriebe. „Als einziges Unternehmen in der deutschen Hopfenwirtschaft vergütet die HVG nachhaltiges Wirtschaften: Seit 2021 fließen jährlich rund 200.000 Euro in Form von Betriebspauschalen, Beratung und Zuschlägen an die Betriebe“, erklärt Ruiz. Darüber hinaus investiere die HVG konsequent in Forschung und Resilienz, etwa in klimaangepasste Sorten und den Bewässerungsverband Hallertau, der perspektivisch über 12.000 Hektar absichern soll. Durch die Beteiligung der Genossenschaft an modernen Verarbeitungswerken partizipierten die Mitglieder zudem direkt an der Wertschöpfung, und als EU-anerkannte Erzeugerorganisation vertrete die HVG die Interessen der Mitglieder gegenüber Politik und Behörden, wie Ruiz erklärt.
Schnelle und zuverlässige Zahlungen
Gudrun Höfter bewirtschaftet rund um Neuhausen (Gemeinde Volkenschwand) in der Hallertau 50 Hektar Hopfengärten (siehe dazu auch den Beitrag „Hopfenanbau in der Hallertau: Herkules schwächelt“ in „Profil“ 10/2023). Einen großen Teil ihrer Ernte verkauft sie an die HVG. Die Vorteile der Mitgliedschaft liegen für sie klar auf der Hand. „Ich erhalte als Mitglied eine Dividende und bei einem positiven Geschäftsverlauf am Jahresende eine Warenrückvergütung. So profitiere ich vom Erfolg der Genossenschaft.“ Außerdem übernehme die HVG Überproduktionen in einen Pool, um den Hopfen gesammelt zu vermarkten. So bleibe das einzelne Mitglied nicht auf seiner Ernte sitzen. Und nicht zuletzt: Die HVG zahlt schnell und zuverlässig. „In der Erntezeit werden hohe Summen umgesetzt. Es beruhigt, wenn man sich auf den Geschäftspartner verlassen kann. Bei Direktverträgen mit privaten Händlern muss man immer schauen, dass man an sein Geld kommt“, sagt Höfter.
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Mäßiger Ertrag, geringer Alphagehalt: „Profil“ hat Gudrun Höfter im Herbst 2023 einen Tag lang bei der Hopfenernte begleitet. Video: Florian Christner und Karl-Peter Lenhard, Genossenschaftsverband Bayern
Dennoch müsse sich einiges verändern, um den Hopfenanbau in eine gute Zukunft zu führen. „Der Klimawandel macht uns sehr zu schaffen“, sagt Höfter. Hopfenbewässerung, die Züchtung klimaunempfindlicher Hopfensorten, Innovationen beim integrierten Pflanzenschutz und der Energieeffizienz, es gebe viel zu tun. Hier engagiere sich die HVG in vielen Bereichen zusammen mit Partnern aus der Hopfenbranche. Davon profitiere der Hopfenanbau in ganz Europa. Wie schnell der Niedergang kommen kann, zeige das Beispiel England. „Das war früher ein führendes Hopfenanbauland, aber sie haben nichts in Züchtung und Forschung investiert, und jetzt sind sie so gut wie weg vom Fenster“, sagt Höfter.