Zusammenhalt: Kommunen und Genossenschaften können gemeinsam bürgerschaftliches Engagement, soziale Infrastruktur und die Lebensqualität in einer Gemeinde stärken.
Ein Wirtshaus im Dorf hat einen unschätzbaren Wert: Es ist der Mittelpunkt des Dorflebens, hier essen, trinken, diskutieren, scherzen und feiern die Dorfbewohner und ihre Gäste. Umso schlimmer, dass bayernweit immer mehr Dorfkneipen schließen. Im kleinen Ort Wölsauerhammer, einem Stadtteil von Marktredwitz in Oberfranken, hat sich die Dorfgemeinschaft zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen, um das eigene Dorfwirtshaus zu retten. Mit Erfolg.
Der Schock für die gut 500 Köpfe zählende Dorfgemeinschaft von Wölsauerhammer kam im Frühjahr 2023: Die langjährige Wirtin des Dorfwirtshauses „Im Winkel“, Gabi Marth, kündigte damals an, ihre Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen zu beenden. Das hätte das Ende für die traditionsreiche, 200 Jahre alte Gaststätte bedeutet – das einzige Wirtshaus am Ort.
Der langjährige Ortssprecher von Wölsauerhammer, Norbert Maiwald, und einige Gleichgesinnte wollten sich damit nicht abfinden und sannen auf Abhilfe: „Wir haben uns Gedanken gemacht, was könnten wir unternehmen, um das Projekt Dorfwirtshaus einigermaßen in Schwung zu bringen.“ Dazu habe man erst einmal Gespräche mit dem Oberbürgermeister von Marktredwitz, Oliver Weigel, und einem Berater des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB) geführt.
Wollte sich nicht mit der Schließung des Wirtshauses abfinden: Norbert Maiwald, langjähriger Ortssprecher von Wölsauerhammer und Vorstandsvorsitzender der Hammerner Dorfkneipe eG.
Das Einzige, was hilft, ist eine Genossenschaft
Dabei wurde allen bewusst: Ohne Renovierung des Wirtshauses – also ohne viel Kapital und Arbeit – wird es nicht gehen. Und weil viele Schultern mehr tragen können als wenige, war den Wirtshausrettern von Wölsauerhammer schon bald klar: „Das Einzige, was hilft, ist, eine Genossenschaft zu gründen. Je mehr Leute, desto mehr Geld kommt in die Kassen. Wir haben gesagt, machen wir mal eine Informationsveranstaltung oben im Saal. Schauen wir mal, ob überhaupt Interesse besteht“, erinnert sich der langjährige Ortssprecher.
Während Norbert Maiwald dies in der gemütlichen Gaststube erzählt, bereiten die Köchin Gabi Marth – die frühere Wirtin – und ihre Helferin Elke Holler das Tagesmenü vor: An diesem sonnigen Donnerstagabend im Mai gibt es Kronfleisch, eine Spezialität aus dem Fichtelgebirge, die aus dem Zwerchfell von Rindern besteht. Und zwar in zwei Varianten: in einem würzigen Sud und vom Grill, dann hat es beinah die Konsistenz eines saftigen Rindersteaks, wenn auch in sehr dünnen Scheiben.
Bei der Rettung des Hammerner Dorfwirtshauses stießen die Initiatoren bereits beim ersten Informationstreffen auf großes Interesse der Dorfbewohner, wie Norbert Maiwald weiter erzählt: „An diesem Tag waren gleich 50, 60 Interessenten im Saal und haben sich die Informationen angehört. Ein Berater vom Genossenschaftsverband war auch dabei und hat einige Beispiele genannt“, unter anderem was Genossenschaften so alles leisten können. Und siehe da: „50 Leute haben gleich gesagt, sie sind da dabei. Wir haben gesagt, Mindesteinlage 500 Euro pro Teilnehmer.“
Köchin Gabi Marth – die frühere Wirtin – und ihre Helferin Elke Holler bereiten an einem Donnerstag im Mai das Tagesmenü vor: Kronfleisch, eine Spezialität aus dem Fichtelgebirge.
Auf Anhieb 60 Gründungsmitglieder
Da das so gut lief, fühlten sich Norbert Maiwald und seine Mitstreiter ermutigt, den nächsten Schritt zu gehen. „Wir haben dann eine Gründungsversammlung einberufen, da waren dann wieder 50, 60 Leute, die gleich an dem Tag unterschrieben haben. Da haben wir gewusst: Die Sache funktioniert!“, erinnert sich der langjährige Ortssprecher mit einem Lächeln. Norbert Maiwald selbst übernahm als Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft die Hauptverantwortung.
Genossenschaft ein solides Fundament
Warum die Hammerner Wirtshausretter gerade eine Genossenschaft gegründet haben, da muss Norbert Maiwald nicht lange nachdenken. „Wir hätten auch einen Verein gründen können. Aber eine Genossenschaft, das ist eine Institution, wo man sagen kann, die hat einen starken Rücken, worauf wir uns verlassen können.“ Natürlich koste die Mitgliedschaft im Genossenschaftsverband Geld, „und das nicht wenig“, wie er sagt.
Aber das sei die Sache wert: Die Genossenschaft werde alle zwei Jahre geprüft, denn der Verband wolle sehen, dass alles richtig funktioniert. „Wir wurden vom GVB ausführlich beraten, und man hat wirklich gemerkt, auf die Leute kann man sich verlassen. Da wird nicht irgendein Schmarrn dahergeredet. Man muss so ein Projekt auch auf ein solides Fundament stellen, um es durchzuführen. Anders funktioniert das nicht“, erklärt der Vorstandsvorsitzende.
Kellnerin Petra Wassilonga hat gut zu tun. Die Gäste der Hammerner Dorfkneipe trinken am liebsten das Zoiglbier.
Nach dem ersten Prost bestellen die Stammgäste ihr Abendessen
Derweil treffen an diesem Donnerstagabend gegen 18 Uhr die ersten sechs, acht Gäste im Dorfwirtshaus ein. Es handelt sich bei ihnen größtenteils um Stammgäste, meistens sind es Vorstandsmitglieder der heute 180 Genossen zählenden Genossenschaft „Hammerner Dorfkneipe e.G.“. Sie stoßen mit ihrem ersten Feierabendbier an – am beliebtesten ist hier das Zoiglbier.
Denn in Wölsauerhammer, wenige Kilometer vor der tschechischen Grenze, wo die oberfränkische Mundart schon deutlich ins Oberpfälzische übergeht, ist man stolz auf das traditionsreiche Zoigl aus dem nahen Windischeschenbach. Nach dem ersten Prost bestellen die Stammgäste bei der ebenso agilen wie freundlichen Kellnerin Petra Wassilonga ihr Abendessen: Eine Currywurst mit Pommes für 9,80 Euro, ein Schnitzel für 12,50 Euro. Und natürlich das Tagesgericht, die wunderbare Fichtelgebirgs-Spezialität Kronfleisch im Sud oder vom Grill.
Gericht des Tages: Kronfleisch im Sud.
Stadt springt ein und kauft das Wirtshaus
Wie Norbert Maiwald in seiner Erzählung fortfährt, waren seinerzeit mit der Gründung der Genossenschaft die Weichen bereits richtig gestellt, aber noch lang nicht alle Probleme gelöst: „Das Gebäude hat der Brauerei Nothhaft gehört, und die haben erklärt, sie investieren hier kein Geld mehr.“ Somit stellte sich die Frage: Wer kauft das 200 Jahre alte Wirtshaus? Die Genossenschaft selbst hätte nach Bezahlung des Kaufpreises wohl kaum noch finanziellen Spielraum für die notwendige Renovierung gehabt. Daher waren die Wirtshausretter recht dankbar, dass an dieser Stelle die Stadt Marktredwitz einsprang.
Bei den Verhandlungen kam Norbert Maiwald seine langjährige Tätigkeit als Ortssprecher zugute, wie er berichtet: „Ich war viele Jahre bei jeder Stadtratssitzung dabei. Von daher kenne ich den Oberbürgermeister und die Stadträte. Dann sind wir also beim OB im Büro zusammengesessen. Die Stadt hat gesagt, sie würde den Kaufpreis übernehmen und das Gebäude der Genossenschaft auf 100 Jahre auf Erbpacht zur Verfügung stellen.“ Damit war auch dieses Problem gelöst.
Rustikal und gemütlich: Blick in den Gastraum der Hammerner Dorfkneipe.
Förderung vom Amt für Ländliche Entwicklung
Somit stand immer noch die Renovierung aus, doch dafür reichten die Eigenmittel der Genossenschaft bei Weitem nicht aus. Für eine Förderung galt es, das Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) ins Boot zu holen, früher auch als Flurbereinigungsamt bekannt. „Für den Förderantrag brauchten wir eine Baukostenberechnung, und die belief sich auf 250.000 bis 300.000 Euro“, skizziert Maiwald.
Unter anderem der Abriss alter Nebengebäude, eine komplett neue Küche, die den neuesten Hygienestandards entspricht, sowie „neuer Fußboden, neue Fenster, neue Türen, neue Wasserleitungen und so weiter, war alles in dem Plan drin“. Bei der Zusammenstellung der Unterlagen für den komplizierten Förderantrag erwies es sich als sehr nützlich, dass der Aufsichtsratsvorsitzende der Genossenschaft, Stefan Walberer, hauptamtlich Verwaltungsdirektor der Stadt Marktredwitz ist und sich bestens mit bürokratischen Vorgängen auskennt.
Eine Bedingung des ALE war aber schwierig einzuhalten, erinnert sich Vorstandsvorsitzender Maiwald: „Es darf kein Stein bewegt werden, bevor die Genehmigung da ist, sonst ist die Förderung hinfällig.“ Vor allem dürfen vor einer Förderzusage keine Aufträge erteilt werden. Somit beschränkte sich die Genossenschaft erst einmal in Eigenleistung auf die Arbeiten, die erlaubt waren, nämlich das Entkernen des historischen Gebäudes.
Regionale Bierspezialitäten, wöchentliche Schmankerl und bayerische Brotzeiten: Die Karte der Hammerner Dorfkneipe ist übersichtlich, trifft aber den Geschmack der Gäste.
Renovierung binnen vier Monaten
Wie ein Nikolausgeschenk vom ALE empfand die Genossenschaft dann die Förderzusage am 6. Dezember 2023. „Da haben wir dann gleich die Firmen beauftragt. Aus meinem ehemaligen Beruf kenne ich viele gute Handwerker“, so Norbert Maiwald. Ein Vorstandskollege von der Genossenschaft übernahm die Schreinerarbeiten, dazu musste ein Heizungsbauer her, ein Fliesenleger und so weiter.
Mit viel Eigenleistung und fleißigen Handwerkern schafften die Hammerner Kneipen-Genossen in Rekordzeit das Wunder: Schon am 5. April 2024 konnte die Einweihung gefeiert werden, mit vielen Ehrengästen, dem OB, dem Stadtrat, vielen Abgeordneten und dem ALE sowie natürlich vielen Genossen und Bürgerinnen und Bürgern. „Die haben alle das Projekt in den Himmel gelobt, ein super Projekt habt ihr da gemacht und so weiter. Und seit dem Tag ist das Haus wieder das, was es immer war, eine Dorfkneipe“, erzählt Norbert Maiwald mit sichtlicher Genugtuung.
Die Gäste sind sich einig: Die Bedeutung einer funktionierenden Kneipe für ein Dorf kann man gar nicht hoch genug einschätzen.
Ein Dorf ohne Wirtshaus ist ein totes Dorf
Auch der Stammtisch der Hammerner Wirtshaus-Genossen ist sich beim Abendessen einig: Die Bedeutung einer funktionierenden Kneipe für ein Dorf kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Schließlich heißt es auch: Ein gutes Wirtshaus ersetzt den Psychiater. „Das kann man schon so sagen: Wenn nichts da ist auf dem Dorf, dann zerfällt der Zusammenhalt. Dann trifft keiner den anderen mehr“, sagt Vorstandschef Norbert Maiwald. „Ein Dorf ohne Wirtshaus ist ein totes Dorf.“
In dem deutlich größeren Nachbarort Brand habe es einmal 14 Wirtshäuser gegeben, heute keines mehr, wie Maiwald erzählt. Das sei nur eines von vielen Beispielen für das allgemeine Wirtshaussterben. „In jedem Dorf rundherum gab es eine oder zwei Wirtschaften, jetzt ist keine mehr da. Deshalb kommen die Leute aus den anderen Orten heute zu uns, weil die Hammerner Dorfkneipe das einzige Wirtshaus ist, wo man sich nach einer Beerdigung treffen oder einen Geburtstag feiern kann.“
Gegen 20 Uhr ist die Hammerner Gaststube richtig voll, ein neunköpfiger Stammtisch von Freunden alter Autos und Traktoren hat sich eingefunden, fünf Männer aus der benachbarten Siedlung, eine weitere Runde von fünf Frauen. Eine vierköpfige Familie aus dem Ort hat am Stammtisch Platz genommen, ebenso der evangelische Pfarrer aus einem Nachbarort.
Eine Currywurst mit Pommes für 9,80 Euro, ein Schnitzel für 12,50 Euro: Die Preise in der Hammerner Dorfkneipe sind bewusst niedrig gehalten, damit keiner ausgeschlossen wird.
Niedrige Preise gehören zum Dorf
Die Stimmung in der Kneipe ist bestens, das zeigt das muntere Stimmengewirr. Die Gäste diskutieren intensiv über Beruf, Familie, Fußball und Politik, flachsen herum und nehmen sich gegenseitig auf den Arm. Wie es sich gehört in einer Dorfkneipe. Vor allem das naturtrübe Zoigl, aber auch Weizen, Pils und Helles finden starken Zuspruch. Auch Schnitzel, Currywurst, die verschiedenen Brotzeiten mit Wurst, Presssack und Käse gehen gut – insbesondere aber das Kronfleisch, von dem alle Gäste begeistert sind. Die nimmermüde Kellnerin Petra Wassilonka und die zwei Kolleginnen in der Küche haben keine Pause.
Ganz bewusst habe man die Preise niedrig gehalten, wie Norbert Maiwald erklärt: „Wir sind ein Dorf, das muss ein Dorf bleiben und das muss auch dörfliche Preise haben. Bei uns kostet ein Bier 2,90 Euro, die Speisen kosten rund um 10 Euro, Schnitzel, Currywurst, Brotzeitteller, so dass die Leute sagen, das können wir uns leisten.“
Fünf Frauen seien auf Minijobbasis angestellt, weitere zehn bis zwölf Personen helfen ehrenamtlich bei der Kneipe mit, rechnet Maiwald vor. Ein Nachbar erledige viele Aufgaben rund ums Haus. Einen hauptamtlichen Koch könne man sich nicht leisten, wie sich herausgestellt habe, denn die kleine Kneipe werfe einfach nicht so viel ab. Seit der Trennung von dem hauptamtlichen Koch im Herbst 2025 befinde sich die Hammerner Dorfkneipe wirtschaftlich „auf dem leicht aufsteigenden Ast. Das wird immer besser, immer besser“.
Norbert Maiwald mit Kellnerin Petra Wassilonga und weiteren Gästen: Ziel der Genossenschaft ist es, die Hammerner Dorfkneipe für die Dorfgemeinschaft und künftige Generationen zu erhalten.
Neue Genossen immer willkommen
Noch sind die Bauarbeiten nicht völlig beendet, im Obergeschoss stehen noch einige Vorhaben an. Und die Genossenschaft der Hammerner Kneipenretter sucht auch noch weitere Unterstützer: „Bei uns kann ein jeder Genosse werden, jeder ist willkommen, in der Kneipe wie auch in der Genossenschaft. Wir haben sogar Genossen aus der Schweiz und Norddeutschland. Die kommen vielleicht nie hierher, aber die haben von uns gelesen und sie sagen, wir unterstützen das, was ihr macht“, so der Vorstandschef der Genossenschaft. Unter hammernerdorfkneipe.de gibt es Informationen über Öffnungszeiten, Speisen und Getränke der Gastwirtschaft sowie über die Genossenschaft.
Wenn er über das ganze Projekt nachdenkt, lehnt sich Norbert Maiwald mit einer gewissen Zufriedenheit auf seinem Stuhl zurück und rückt sein Bierglas zurecht. „In dieser Wirtschaft ist schon mein Opa gesessen, der war Maurer und Polier in Marktredwitz, nach der Arbeit ist er hierhergekommen. Mein Vater war auch da, davon habe ich Bilder. Auch meine Mutter ist schon hier gesessen. Mittlerweile bin ich auch ein alter Mann und sitze ebenfalls hier. Das wollen wir bewahren, indem wir dieses Wirtshaus erhalten.“ Damit auch die nächste Generation hier noch essen, trinken, diskutieren, scherzen und feiern kann. Norbert Maiwald wirkt glücklich.