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Herr Migende, der DRV bezeichnet seine Mitgliedsunternehmen selbst als „wichtiges Glied der Wertschöpfungskette Lebensmittel“. Wie drückt sich das aus?

Jörg Migende: Auf Genossenschaften der Agrar- und Ernährungswirtschaft entfällt ein erheblicher Anteil der Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte und Rohstoffe. Damit sind sie für die Land- und Ernährungswirtschaft schlichtweg unverzichtbar. Ohne sie gäbe es keine funktionierende Versorgungskette, viele Supermarktregale blieben leer. Man muss es sich immer wieder vor Augen führen: 67 Prozent der in Deutschland erzeugten Milch werden an Genossenschaften geliefert. Sie vermarkten 33 Prozent der lebenden Schweine und Rinder in Deutschland. Und durch sie geht die Hälfte des deutschen Getreides. Außerdem: Jede zweite Pommes Frites kommt von einer Genossenschaft. Und auch jede zweite Flasche deutschen Weins im Lebensmitteleinzelhandel ist ein Genossenschaftswein.

„Die genossenschaftliche Wertschöpfungskette beginnt schon, bevor das erste Saatkorn vom Landwirt in die Erde gebracht wird.“

Das beschreibt vor allem das Endprodukt. Aber das Wirken von Genossenschaften setzt doch bereits früher an?

Migende: Richtig. Nehmen Sie das Beispiel Weizenanbau. Die genossenschaftliche Wertschöpfungskette beginnt schon, bevor das erste Saatkorn vom Landwirt in die Erde gebracht wird. Genossenschaften kümmern sich um zertifiziertes Saatgut, um notwendigen Pflanzenschutz und Düngemittel – inklusive qualifizierter Beratung zum effizienten und ressourcenschonenden Einsatz. Auch die Maschinen kommen oft von Genossenschaften. Das gedroschene Getreide verkauft der Landwirt an seine Genossenschaft, die sich um die Lagerung und Gesunderhaltung kümmert und es an Brotmühlen, die Futtermittelwirtschaft oder in internationale Märkte liefert. Denn auch Logistik und Transport gehören zur Kernkompetenz von Genossenschaften. Und das ist nur eine sehr verkürzte Kette, die ebenso, ausgehend vom Futtergetreide, in der Nutztierhaltung bis hin zu heimischer Wurst und heimischem Fleisch weitererzählt werden könnte. Ich stelle mal eine These auf, die zwar nicht wissenschaftlich belegt, aber durchaus denkbar ist: Nahezu jedes landwirtschaftlich produzierte Lebensmittel in Deutschland hat direkt oder indirekt Kontakt mit Genossenschaften, bis es letztendlich beim Verbraucher ankommt.
 

In welchen Handlungsfeldern wirken Genossenschaften noch im Agrar- und Ernährungssektor?

Migende: Auch viele gewerbliche Genossenschaften aus den Bereichen Handel, Handwerk, Dienstleistungen oder Energie als Unternehmen des vor- oder nachgelagerten Bereichs spielen eine wichtige Rolle für den Agrar- und Ernährungssektor. Dazu sind sie Energielieferant, sie betreiben Tankstellen, PV-Anlagen, Windräder, stellen Biomethan her oder kümmern sich um den Ausbau der dezentralen Ladeinfrastruktur für die E-Mobilität. So steigern sie die Wertschöpfung im ländlichen Raum insgesamt.

Warum sind es gerade Genossenschaften, die sich in der Wertschöpfungskette Lebensmittel auszeichnen?

Migende: Lassen Sie mich vier Aspekte nennen: 

  1. Mit ihrem kooperativen Ansatz übernehmen Genossenschaften eine wichtige Bündelungs- und Steuerfunktion und ermöglichen es, Marktchancen zu nutzen und Marktrisiken gemeinsam zu tragen.
  2. Dann ist da der gerade beschriebene hohe Marktanteil und die Tatsache, dass Genossenschaften entlang der gesamten Kette aktiv sind. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Viele Herausforderungen, die wir heute in der Branche sehen, sind am besten in der Kette lösbar.
  3. Ein Merkmal von Genossenschaften ist ihre hohe Professionalität, nachhaltige und innovative Produkte zu erzeugen. Beispiel Milch: Die Molkereigenossenschaften veredeln die Milch in Käse, in Joghurtprodukte, Skyr, in hochwertige Aminosäuren. Das schlägt sich auf lange Sicht dann auch in höheren Einnahmen nieder.
  4. Und nicht zuletzt die besondere Eigentümerstruktur von Genossenschaften: Das verdiente Geld bleibt in der Region und beim Erzeuger. Die Landwirte entscheiden als Eigentümer mit, ob in der Genossenschaft erzielte Gewinne ausgezahlt, in die Rücklagen gesteckt oder investiert werden.

„Egal wie groß oder klein ein landwirtschaftlicher Betrieb ist: Die Genossenschaft ermöglicht eine barrierefreie Teilhabe am Wirtschaftsleben.“

Wer profitiert von dieser genossenschaftlichen Wertschöpfungskette?

Migende: Unterm Strich alle: Die Erzeuger, die einen starken Partner an ihrer Seite haben, der sie mit allen wichtigen Betriebsmitteln versorgt und sich um die bestmögliche Vermarktung kümmert. Egal wie groß oder klein ein landwirtschaftlicher Betrieb ist: Die Genossenschaft ermöglicht eine barrierefreie Teilhabe am Wirtschaftsleben. Außerdem stellt die Genossenschaft fachliche Beratung zur Verfügung und bringt Innovationen auf den Hof. Der Förderauftrag einer Genossenschaft wird nicht zuletzt dadurch erlebbar, dass sie es ihren Eigentümern ermöglicht, sich weiterzuentwickeln. Die Verbraucherinnen und Verbraucher profitieren, da sie auf gesunde, bezahlbare und regional erzeugte Lebensmittel vertrauen können. Die genossenschaftliche Wertschöpfungskette sorgt für Ernährungssicherheit. Außerdem profitieren die Regionen und die ländlichen Räume. Genossenschaften sind dort aktiv, wo andere sich zurückziehen. Damit schaffen sie Arbeits- und Ausbildungsplätze, sorgen für regionale Wertschöpfung und sind Garant für eine dezentrale und resiliente Nahrungsmittelproduktion. Zur Einschätzung: 47 Millionen Menschen und damit mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland lebt auf dem Land.

„Die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft lebt in hohem Maße vom offenen und fairen Welthandel. Dies gilt für den Export, aber ebenso für den Import von Betriebsmitteln.“

Wie beeinflussen die internationalen Märkte unsere Agrar- und Ernährungswirtschaft?

Migende: Die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft lebt in hohem Maße vom offenen und fairen Welthandel. Dies gilt für den Export, aber ebenso für den Import von Betriebsmitteln. Zur Exportseite: Rund ein Drittel der Wertschöpfung in unserer Branche wird im Export in Drittlandstaaten außerhalb der EU erzielt – das entspricht etwa 18 Milliarden Euro jährlich. Einige Zahlen aus der Milchwirtschaft: 49 Prozent der deutschen Milch und Milchprodukte gehen in den Export – davon 80 Prozent ins EU-Binnenland. Deutschland hat vergangenes Jahr Milchprodukte im Wert von 13,4 Milliarden Euro exportiert. Das ist ein gutes Beispiel, wie die Erzeuger von der genossenschaftlichen Struktur profitieren. In vielen Bereichen können für unsere qualitativ hochwertigen Lebensmittel auf den Weltmärkten höhere Preise erzielt werden. Der einzelne Landwirt hätte da keinen Zugang dazu. Die Genossenschaft schon. Daher brauchen wir den Wochenmarkt und den Weltmarkt. Gleichzeitig machen uns aber globale Krisen, Zollstreitigkeiten und gestörte Lieferketten deutlich, wie abhängig und damit verwundbar wir sind. Da ist es mehr als ein Gebot der Stunde, starke Abhängigkeiten von einzelnen Märkten zu minimieren und den Export wie den Import breiter aufzustellen. Es geht um echte Diversifikation der Absatz- wie Importmärkte. Dies ist ein Akt der Vernunft, dies ist zwingend notwendig. Hinzu kommt: Viele Preise werden auf dem Weltmarkt gemacht, wie etwa für Getreide.

Wo steht die genossenschaftliche Wertschöpfungskette Ernährung unter Druck?

Migende: Wie die gesamte Branche stehen die genossenschaftlichen Unternehmen unter einem massiven Kostendruck und einer nachlassenden Wettbewerbsfähigkeit. Überbordende Bürokratie, hohe Energiekosten, steigende Personal- und Betriebsmittelkosten – all dies bringt die Branche an den Rand des Machbaren. Viele Betriebe finden keine Nachfolger und verschwinden vom Markt, mit der Konsequenz, dass die Produktion ins Ausland verlagert wird. Das ist eine gefährliche Entwicklung – gerade vor dem Hintergrund der Ernährungssicherheit.

„Genossenschaften müssen sich ihrer Stärken bewusst sein und diese konsequent in Wirkung bringen. Ein großer Vorteil ist ihre Nähe zum Kunden, der gleichzeitig Eigentümer ist.“

Wie müssen sich die Genossenschaften generell aufstellen, damit ihr Wertschöpfungsmodell auch in Zukunft für die Agrar- und Ernährungswirtschaft relevant bleibt?

Migende: Sie müssen sich ihrer Stärken bewusst sein und diese konsequent in Wirkung bringen. Ein großer Vorteil von Genossenschaften ist die Nähe zum Kunden, der gleichzeitig Eigentümer ist. Dadurch weiß die Genossenschaft immer genau, was ihre Kunden wollen und brauchen. Diese Relevanz für die Mitglieder und Kunden darf nicht verloren gehen. Gleichzeitig muss die breite demokratische Basis in Handlungsstärke umgemünzt werden, um gemeinsam die Zukunftssicherheit der Genossenschaft zu stärken – inklusive Investitionen und die Ausrichtung des Geschäftsmodells. Dass dabei auch manchmal schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen, liegt in der Natur der Sache. Wenn sich die Rahmenbedingungen im Markt verändern, muss reagiert werden. Daher ist es wichtig, neben dem professionellen Management des Tagesgeschäfts auch den strategischen Weitblick zu haben, um frühzeitig Risiken und Chancen zu erkennen, und sich darauf auszurichten. Auch hier kann die besondere Eigentümerstruktur helfen: Denn in den Aufsichtsgremien sitzen ebenfalls Kunden und Lieferanten, die damit idealer Sparringspartner für die operative Unternehmensleitung sein können. Wichtig ist es, die Professionalisierung des Ehrenamts in den Gremien zu fördern und weiter zu stärken.

„Generell ist unsere Forderung stets: Die Politik muss für vernünftige Rahmenbedingungen sorgen und dann die Unternehmen ihren Job machen lassen.“

Wo sehen Sie politischen Handlungsbedarf, damit das genossenschaftliche Wertschöpfungsmodell auch in Zukunft seine Vorteile ausspielen kann?

Migende: Zentral ist, dass Genossenschaften in ihrer Besonderheit anerkannt bleiben. Wenn Kunden auch Eigentümer sind, ist vieles anders. Bei der Diskussion um den Artikel 148 Gemeinsame Marktorganisation (GMO) und der Forderung nach verpflichtenden, vorher vertraglich festgelegten Auszahlungspreisen für Milchlieferungen an Molkereigenossenschaften haben wir in Deutschland und Brüssel hart für die berechtigte Sonderstellung von Genossenschaften gekämpft – mit großartiger Unterstützung auch des Genossenschaftsverbands Bayern und der bayerischen Genossenschaften. Der Einsatz hat sich gelohnt: Es konnten Markteingriffe und ein drohender Bürokratieaufbau verhindert werden. Von zentraler Bedeutung ist auch der Erhalt der genossenschaftlichen Pflichtprüfung, sie ist ein Eckpfeiler für die hohe Stabilität der Unternehmen. Generell ist unsere Forderung stets: Die Politik muss für vernünftige Rahmenbedingungen sorgen und dann die Unternehmen ihren Job machen lassen.


Herr Migende, herzlichen Dank für das Gespräch!

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