Energiewende: Wer Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien will, muss Investitionen ermöglichen, kritisiert GVB-Präsident Stefan Müller in seiner Kolumne „Impuls“.
Anzeige
Anzeige
Deutschland diskutiert viel über Gerechtigkeit. Über Steuern. Über soziale Sicherheit. Über Umverteilung. Im Land Berlin wird allen Ernstes über die Enteignung und Vergesellschaftung von Wohnungsbeständen nachgedacht.
Was mich dabei umtreibt: Eine der entscheidenden Fragen für sozialen Aufstieg und gesellschaftlichen Zusammenhalt wird erstaunlich selten gestellt. Wie können Menschen in unserem Land überhaupt Vermögen aufbauen? Für Generationen von Bürgerinnen und Bürgern lautete die Antwort darauf: durch Wohneigentum.
Statt der Frage nachzugehen, wem man Eigentum wegnehmen soll, wäre die eigentliche Frage deshalb: Wie können wir mehr Menschen zu Eigentum verhelfen?
Die Entwicklung in Deutschland ist alarmierend. Während Wohneigentum in vielen europäischen Ländern selbstverständlich ist, bildet Deutschland inzwischen das Schlusslicht in der EU. Die Wohneigentumsquote ist auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten gefallen. Gleichzeitig wünschen sich die meisten Menschen weiterhin ein eigenes Zuhause, schaffen den Schritt ins Eigentum aber immer seltener. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Pestel-Instituts im Auftrag der Bausparkasse Schwäbisch Hall.
Beste Vorsorge fürs Alter
Das ist weit mehr als eine wohnungspolitische Randnotiz. Denn Wohneigentum ist für breite Bevölkerungsschichten der wichtigste Weg zur Vermögensbildung. Wer Eigentum erwirbt, baut Vermögen auf, schafft Sicherheit für die Familie und sorgt für das Alter vor.
Die Studie kommt dabei zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Länder mit einer höheren Wohneigentumsquote weisen tendenziell eine ausgewogenere Vermögensverteilung auf. Fehlendes Wohneigentum verschärft das Problem wachsender Ungleichheit. Genau deshalb ist die Entwicklung in Deutschland so problematisch.
Während wir über die Verteilung vorhandenen Vermögens diskutieren, erschweren wir gleichzeitig die Bildung neuen Vermögens. Hohe Baukosten, steigende regulatorische Anforderungen, knapper Wohnraum und fehlendes Eigenkapital machen den Weg ins Eigentum für viele Familien immer schwieriger.
Keine Prestigefrage
Wie groß die Bedeutung von Wohneigentum ist, zeigt sich für mich besonders beim Blick auf die Altersvorsorge. Wer im Ruhestand mietfrei wohnen kann, hat einen gewaltigen Vorteil. Eigentümer tragen im Alter deutlich geringere Wohnkosten als Mieter. Das Eigenheim ist deshalb weit mehr als Beton und Ziegel. Es ist ein Schutzschild gegen finanzielle Unsicherheit. Wer in jüngeren Jahren Vermögen bilden kann, ist im Alter seltener auf staatliche Unterstützung angewiesen. Wohneigentum ist deshalb keine Frage des Prestiges. Es ist eine Frage der persönlichen finanziellen Sicherheit.
„Viele Familien sind bereit, langfristig Verantwortung zu übernehmen, zu sparen und verlässlich zu finanzieren.“
Auch für die Volksbanken und Raiffeisenbanken ist diese Entwicklung von zentraler Bedeutung. In den Gesprächen unserer Banken mit ihren Kundinnen und Kunden zeigt sich immer wieder: Viele Familien sind bereit, langfristig zu denken, zu sparen und in die eigene Immobilie zu investieren. Trotzdem scheitert ihr Wunsch nach den eigenen vier Wänden oft an den Rahmenbedingungen.
Vermögensbildung in breiten Bevölkerungsschichten gehört seit jeher zum Kern des genossenschaftlichen Gedankens. Wird der Weg ins Eigentum verbaut, geht es nicht nur um Häuser und Wohnungen. Es geht um Aufstiegschancen, gesellschaftliche Teilhabe und die Zukunft der breiten Mitte unseres Lands.
Bauen muss für Familien wieder bezahlbar werden, fordert GVB-Präsident Stefan Müller. Foto: mauritius images / fSTop Images / Jutta Klee
Prioritäten neu setzen
Deutschland braucht mehr Wohnraum. Keine Frage. Vor allem aber braucht Deutschland wieder eine Politik, die Eigentumsbildung ermöglicht statt erschwert.
Wer Vermögensbildung ernst meint, muss Bauen wieder bezahlbar machen. Er muss Erwerbsnebenkosten senken, Verfahren beschleunigen und bürokratische Hürden abbauen. Vor allem aber braucht es verlässliche Rahmenbedingungen statt ständig neuer Vorschriften und Förderprogramme auf Zeit.
Wer jungen Familien den Weg ins Eigentum erleichtern will, sollte zudem die Grunderwerbsteuer senken oder zumindest großzügige Freibeträge für Ersterwerber schaffen. Gerade die Kaufnebenkosten sind heute häufig die entscheidende Hürde auf dem Weg in die eigenen vier Wände. Gleichzeitig braucht es eine Förderung, die langfristig verlässlich ist und nicht im Rhythmus politischer Legislaturperioden immer wieder neu erfunden wird.
Ebenso wichtig ist die Eigenkapitalbildung. Aus der Beratungspraxis unserer Banken wissen wir: Viele Menschen können eine monatliche Kreditrate tragen, scheitern aber am erforderlichen Startkapital. Staatliche Bürgschaftsmodelle oder gezielte Eigenkapitalhilfen für Familien könnten hier einen entscheidenden Beitrag leisten. Wer Vermögensbildung ermöglichen will, darf den Zugang zum Eigentum nicht an der ersten Hürde scheitern lassen.
Faire Chance statt Umverteilung
Die Menschen brauchen keine neuen Debatten über Umverteilung. Sie brauchen eine faire Chance, selbst Vermögen aufzubauen. Für mich trifft das den Kern des genossenschaftlichen Prinzips: Hilfe zur Selbsthilfe. Genau darum geht es auch beim Wohneigentum.
Ein Land, in dem immer weniger Menschen Eigentum bilden können, wird nicht gerechter. Es wird abhängiger: von Mietsteigerungen, von staatlicher Unterstützung und von Umverteilung. Deshalb ist die Förderung von Wohneigentum keine Randfrage der Wohnungs- oder Baupolitik. Sie ist eine Frage von Wohlstand, Chancen- und Generationengerechtigkeit. Und damit eine der zentralen Zukunftsfragen unseres Lands.
„Eine Gesellschaft gewinnt an Stabilität, wenn möglichst viele Menschen selbst etwas aufbauen können.“
Wer soziale Sicherheit stärken und die Mitte der Gesellschaft stabilisieren will, sollte Wohneigentum wieder als strategisches Ziel begreifen. Nicht jede Familie wird Eigentümer werden. Aber jede Familie sollte eine realistische Chance dazu haben. Denn eine Gesellschaft gewinnt an Stabilität, wenn möglichst viele Menschen selbst etwas aufbauen können. Nicht die Zahl neuer Förderprogramme ist dafür der Maßstab, sondern die Chancen, die wir den Menschen eröffnen. Genau daran muss sich gute Wohnungs-, Finanz- und Gesellschaftspolitik messen lassen.
Stefan Müller ist Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern.
Zu seinem Profil auf LinkedIn.