Weinlese: Die Ernte 2025 ist gut ausgefallen, doch in Deutschland wird immer weniger Wein getrunken. Wie gehen die fränkischen Winzergenossenschaften damit um?
Frau Becker, herzlichen Glückwunsch, die Mitglieder des Fränkischen Weinbauverbands haben Sie im Juni 2026 zur Präsidentin gekürt, als Nachfolgerin von Artur Steinmann und erste Frau in der Verbandsgeschichte. Welche Ziele haben Sie sich als fränkische Weinbaupräsidentin gesetzt?
Barbara Becker: Danke für die Glückwünsche. Mein Ziel ist ganz einfach: Das Beste für meine fränkischen Winzerinnen und Winzer zu erreichen!
Sie sind auch Abgeordnete des Bayerischen Landtags und vertreten dort den Stimmkreis Kitzingen. Welche Schnittmengen sehen Sie zwischen Ihren Ämtern als Politikerin und Weinbaupräsidentin?
Becker: Mein Mandat bleibt im Zentrum. Die Verbandsarbeit gibt mir zusätzlichen Praxiszugang zu einer Schlüsselbranche unserer Region. Der Weinbau steht exemplarisch für viele Fragen des ländlichen Raums: Wasser, Klima, Familienbetriebe, Tourismus, regionale Wertschöpfung. Wer hier Lösungen entwickelt, hilft nicht nur einer Branche, sondern der ganzen Region.
Blick auf das Winzerdorf Escherndorf und die Weinlage Escherndorfer Lump: Die gelesene Weinmenge ist dieses Jahr, bedingt durch lange Trockenheit und hohe Hitze gering, jedoch ist die Qualität sehr gut. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/LWG
Sie haben Anfang September in Iphofen die Weinlese in Franken offiziell eröffnet, mittlerweile liegt eine erste Erntebilanz vor. Wie fällt der Jahrgang 2026 hinsichtlich Menge und Qualität im Vergleich zu den Vorjahren aus?
Becker: Rund drei Wochen nach Beginn der Weinlese konnten die fränkischen Winzerinnen und Winzer eine Erntebilanz ziehen. Für das Jahr 2026 gehen wir von einer Weinernte in Franken mit einem Durchschnittsertrag in Höhe von 55 Hektoliter pro Hektar und einer Weinmosternte von 320.251 Hektoliter aus. Das durchschnittliche Mostgewicht beträgt 89 Grad Oechsle. Das endgültige Ergebnis steht erst nach Auswertung der Weinerzeugungsmeldung fest. Die gelesene Menge ist dieses Jahr, bedingt durch lange Trockenheit und hohe Hitze gering, jedoch ist die Qualität sehr gut. Die fränkischen Winzerinnen und Winzer haben 2026 in einer intensiven und arbeitsreichen Zeit geschafft, einen Top-Jahrgang einzufahren. Was in den Kellern blubbert, stimmt mich sehr zuversichtlich.
„So manche Familie hat ihren Urlaub abgebrochen, um die Ernte rechtzeitig zu starten.“
Die Weinlese 2026 hat in Franken so früh wie noch nie begonnen, vermehrt griffen Winzer bereits im August in ihren Weingärten zur Schere. Was waren die Ursachen für diese frühe Lese?
Becker: Unsere Weinlese war eine Woche früher als im Vorjahr und 18 Tage früher als das langjährige Mittel. So manche Familie hat ihren Urlaub abgebrochen, um die Ernte rechtzeitig zu starten. Aber von Anfang an: Das Weinjahr 2026 begann mit viel Schnee im Januar und Februar, wodurch der Boden viel Wasser speichern konnte. Das Knospenschwellen erfolgte zwölf Tage früher als im Vorjahr. Ab April kündigte sich Trockenheit an. In einigen Weinbaugegenden Frankens entsprach der Niederschlag von Januar bis September mit 225 Litern nur rund der Hälfte des langjährigen Mittels. Die Blüte der Weinreben war bereits Anfang Juni. Den Sommer prägten anhaltende Trockenheit und hohe Temperaturen. Kühle Nächte im August sorgten für eine gute Entwicklung der Aromen. Die Winzerregel, dass es von der Blüte bis zur Lesereife rund 100 Tage dauert, wurde im Jahr 2026 deutlich unterboten. Nur 85 Tage dauerte es, dann ging die Ernte los. Je nach Regen, Bodenbeschaffenheit und Weinlage waren die Trauben unterschiedlich reif. Die Winzer des Weinanbaugebiets Franken haben dieses Jahr genau nach Reifezeitpunkt gelesen. Es war eine schnelle Lese und ich erwarte tolle Frankenweine.
Offizielle Eröffnung der Weinlese 2026 im Weinanbaugebiet Franken am 3. September mit (v. li.) der Präsidentin des Fränkischen Weinbauverbands Barbara Becker, der 68. Fränkischen Weinkönigin Angelina Seiler, Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer und der Bayerischen Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber: Die fränkischen Winzerinnen und Winzer erlebten einen von Trockenheit und Hitze geprägten Sommer. Foto: Rudi Merkl / Fränkischer Weinbauverband
Inwiefern bildet das Jahr 2026 meteorologisch und klimatisch im Vergleich zum langjährigen Trend eine Ausnahme? Müssen wir uns in Zukunft auf immer frühere Weinlese-Termine einstellen?
Becker: Jedes Jahr ist anders im Weinbau, gerade das ist das Spannende. Tatsächlich lässt sich eine Tendenz zu einer immer früheren Reife feststellen. Von dem Reifebeginn bis zur Lesereife waren es im Jahr 2000 noch 54 Tage, dieses Jahr hatten wir nur noch 30 Tage. Das ist eine richtige Umstellung für die Winzerinnen und Winzer. Wir hoffen nicht, dass wir stets bei sommerlichen Temperaturen in die Weinlese gehen müssen.
„Der Weinbau in Franken steht in Konkurrenz zu vielen anderen Weinbauländern, doch unsere höheren Produktionskosten können wir am Markt nicht wieder hereinholen.“
Neben dem Klimawandel ist auch der sinkende Alkoholkonsum der Deutschen für den Weinbau eine Herausforderung. Fachleute sprechen bereits seit längerem von einer „Weinkrise“ und einem notwendigen Strukturwandel. Wie bewerten Sie die Situation in Franken, auch im internationalen Vergleich?
Becker: Deutschland ist ein Weinanbauland und trotzdem eines der wichtigsten Weinimportländer der Welt: Rund acht Millionen Hektoliter Wein produzieren die deutschen Winzer, getrunken werden hierzulande aber etwa 17 Millionen Hektoliter. In Deutschland stammen daher nur vier von zehn verkauften Weinflaschen von heimischen Weingütern. Daher spüren die deutschen Winzerinnen und Winzer den internationalen Weinmarkt natürlich deutlich und stehen in einem starken Konkurrenzkampf. Dazu kommen stark gestiegene Produktionskosten, auch durch den gestiegenen Mindestlohn, der ebenso für Saisonarbeitskräfte aus dem EU-Ausland gilt. Der Weinbau steht also in Konkurrenz zu vielen anderen Weinbauländern, doch unsere höheren Produktionskosten können wir am Markt nicht wieder hereinholen. Die fränkischen Winzer setzen daher vor allem auf den Direktvertrieb und eine Diversifizierung. Unsere Angebote für den Weintourismus federn einiges ab.
Weinberg in Steillage in Franken: Höhere Temperaturen lassen die Reben früher austreiben, damit sind die Spätfröste eine größere Gefahr. Trockenheit macht der Rebe selbst wenig aus, kann aber den Ertrag schmälern. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/LWG
Wie können die fränkischen Winzer und Weinkeller auf Klimawandel und Weinkrise reagieren?
Becker: Wer mit der Natur arbeitet, muss auch mit den Auswirkungen des Klimawandels arbeiten. Höhere Temperaturen lassen die Reben früher austreiben, damit sind die Spätfröste eine größere Gefahr. Trockenheit macht der Rebe selbst wenig aus, kann aber den Ertrag schmälern. Wir stellen uns auf den Klimawandel ein: Bodenschutz, weniger Blattmasse und ein schonender Schnitt sind für uns selbstverständlich. Tröpfchenbewässerung in Trockenjahren sichert das Überleben unserer Rebstöcke. Daran arbeiten wir. Die Qualität der Weine hingegen ist sehr gut – wir konnten die ersten Jungweine des Jahrgangs 2026 bereits verkosten. Hier müssen wir uns keinesfalls Sorgen machen.
„Die fränkischen Genossenschaften sind ganz klar systemrelevant für den Weinbau in Franken.“
Welche Rolle spielen die fränkischen Winzergenossenschaften für den Weinbau in Franken?
Becker: Die fränkischen Genossenschaften sind ganz klar systemrelevant für den Weinbau in Franken. Sie prägen die Weinkulturlandschaft und werden getragen von den Winzerfamilien. Mit ihren Weinen sind sie zudem großflächig im Lebensmitteleinzelhandel vertreten und können dort Kooperationen eingehen, die einzelnen Weingütern in dieser Form kaum offenstehen. Sie besitzen die Möglichkeit und die Fähigkeit zur Distribution in der gesamten Bundesrepublik und tragen damit den Namen Franken weit über die Region hinaus. Außerdem leisten sie einen entscheidenden Beitrag zum Erhalt unserer einzigartigen fränkischen Kulturlandschaft.
Ein Winzer bei der Arbeit: Die Steillagen und Terrassen, die Weinfranken prägen, sind nicht nur Grundlage für hochwertigen Wein, sondern auch ein kulturelles Erbe, das Generationen von Winzern geschaffen haben. Foto: Rolf Nachbar / Gebietsweinwerbung Frankenwein-Frankenland GmbH
Wie können der Fränkische Weinbauverband und die Winzergenossenschaften dazu beitragen, die Folgen der Krise für die Winzer und die Weinregion so gut wie möglich abzufedern?
Becker: Wir priorisieren eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage und den Erhalt der landschaftsprägenden Weinkulturlandschaften. Die Steillagen und Terrassen, die unsere Region prägen, sind nicht nur Grundlage für hochwertigen Wein, sondern auch ein kulturelles Erbe, das Generationen von Winzern geschaffen haben. Wenn Betriebe aufgeben müssen, drohen diese Flächen zu verwildern. Daher haben wir mit Landschaftsarchitekten und Weinbaugemeinden ein Pilotprojekt zur Gestaltung und Stärkung der „Fränkischen Kulturlandschaft Wein“ gestartet. Ziel ist es, dass die richtigen Weinbauflächen erhalten bleiben und gleichzeitig die landschaftsprägende, für den Tourismus wichtige Weinkulturlandschaft gesichert wird. Wir gehen sozusagen von einer Flurbereinigung hin zu einer Flurbereicherung.
„Wir können und wollen mit den Billigimporten preislich nicht konkurrieren. Deshalb setzt Franken bewusst nicht auf Menge, sondern auf Qualität.“
Franken setzt auf Qualitätsweine, um sich abzuheben. Dennoch ist Deutschland laut dem Deutschen Weinbauverband der weltgrößte Weinimporteur – Sie haben es bereits gesagt. Warum ist das so?
Becker: Mit rund acht Millionen Hektolitern decken die deutschen Winzerinnen und Winzer nur etwa die Hälfte dessen, was hierzulande tatsächlich an Wein getrunken wird. Hinzu kommt die Preisfrage. Ein Großteil der importierten Weine kommt als günstiger Fasswein aus Italien, Spanien und Frankreich. Länder, die durch ihre Anbaugröße und niedrigere Produktionskosten deutlich preisgünstiger produzieren können als wir in Franken oder anderswo in Deutschland. Und genau hier müssen wir uns in Franken positionieren: Wir können und wollen mit den Billigimporten preislich nicht konkurrieren. Deshalb setzt Franken bewusst nicht auf Menge, sondern auf Qualität: auf Weine mit Charakter, Herkunft und Geschichte, die sich über ihren Wert statt über ihren Preis behaupten.
Weinlese in Franken: Frankens Winzer machen tolle Natur- und Orange-Weine und begeistern mit ihren Winzersekten und alkoholfreien Weinen, betont Weinbaupräsidentin Barbara Becker. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/LWG
Wenn die Deutschen lieber zu Weinen aus Italien, Frankreich oder Spanien greifen: Hat der Frankenwein ein Imageproblem?
Becker: Frankenwein steht für Qualität, trockene Weine und die Trias aus Muschelkalk, Keuper und Buntsandstein. Mit dem Silvaner haben wir ein Aushängeschild, das wie keine andere Rebsorte für Franken steht. Frankens Rieslinge holen internationale Auszeichnungen, unsere Spätburgunder zählen zur weltweiten Spitze, und mit Scheurebe, Muskateller oder Müller-Thurgau haben wir Rebsorten mit eigenständigem Charakter. Frankens Winzer machen tolle Natur- und Orange-Weine und begeistern mit ihren Winzersekten und alkoholfreien Weinen. Diesen Schatz nach außen zu tragen, ist mir ein echtes Herzensanliegen.
„Wir wollen besser herausarbeiten, welches Lebensgefühl wir mit unserem Wein vermitteln. Da haben wir noch Luft nach oben.“
Welche Ansätze sehen Sie, den Frankenwein in der Vermarktung zu stärken und neue Absatzmärkte zu erschließen?
Becker: Wir wollen den Frankenwein noch gezielter positionieren und die Geschichte rund um die Silvanerheimat Franken nach außen tragen. Als Symbol für Regionalität und Charakter, das sich klar von anderen Weinregionen abhebt. Zugleich wollen wir besser herausarbeiten, welches Lebensgefühl wir mit unserem Wein vermitteln. Da haben wir noch Luft nach oben. Auch der Weintourismus spielt eine wichtige Rolle. Betriebe, die Weinerlebnis, Übernachtung und Gastronomie miteinander verbinden, zeigen, wie man Besucher für die Region begeistern kann. Ebenso setzen wir international auf Präsenz, um den Frankenwein auch außerhalb Deutschlands bekannter zu machen. Unser Silvaner passt hervorragend zur nordischen Küche, weshalb er bereits in den Niederlanden und in Skandinavien vertreten ist.
„Winzerfamilien sind Unternehmerfamilien. Sie jammern nicht, sondern wollen besten Wein machen und ihre Kundinnen und Kunden verwöhnen.“
Was wünschen Sie sich von der Politik, um den fränkischen Weinbau zu stärken und im Vergleich zur internationalen Konkurrenz wettbewerbsfähiger zu machen?
Becker: Winzerfamilien sind Unternehmerfamilien. Sie jammern nicht, sondern wollen besten Wein machen und ihre Kundinnen und Kunden verwöhnen. Bei drei Themen brauchen wir die Politik:
- Es muss es wieder möglich werden, dass auch Familienbetriebe und kleinere Genossenschaften sich darauf konzentrieren können, einfach gute Weine zu produzieren, statt sich täglich mit Bürokratie, rechtlichen Neuerungen für den Onlineshop, Meldungen und so weiter neben ihrem alltäglichen Geschäft zu beschäftigen. Jede zusätzliche Dokumentations- und Meldepflicht bindet Zeit und Personal.
- Zweitens braucht es weitere gezielte Förderung für den Erhalt der Steillagen und Terrassen. Diese Flächen sind wirtschaftlich besonders aufwendig zu bewirtschaften, prägen aber unsere Kulturlandschaft und den Tourismus in Franken.
- Ein paar Jahre noch benötigen wir Unterstützung bei der Anpassung an den Klimawandel. Etwa bei Bewässerungsinfrastruktur, Frostschutzmaßnahmen oder der Erforschung klimaresistenter Rebsorten. Die Herausforderungen werden hier in den kommenden Jahren eher zu- als abnehmen.
Als Verband begleiten wir den Generationenwechsel in den Betrieben und die Nachwuchsförderung. Denn am Ende sind es die Menschen, die diese Weinlandschaft und Weinkultur in Franken am Leben erhalten.
Weinfest in Iphofen, ausgerichtet von der Weinfreunde Iphofen eG: Auch Weinbaupräsidentin Barbara Becker schätzt die Gastfreundschaft und die unkomplizierte Lebensfreude der Menschen in Weinfranken. „Profil“ hat das Weinfest in Iphofen im Juli 2024 besucht. Foto: Christof Dahlmann/GVB
Abschließende Frage: Sie sind selbst Winzerin im Nebenerwerb. Was verbinden Sie persönlich mit fränkischem Wein und dem Weinland Franken?
Becker: Von klein auf habe ich im Weinberg und auf dem Hof mitgearbeitet und bin bis heute begeisterte Nebenerwerbswinzerin. Franken bedeutet für mich echte Menschen, echter Wein. Schon mein Vater hat mit dem Bioweinbau begonnen. Wir bleiben also nie stehen, Franken steht für Innovation. Frankenwein steht für Qualität, Leidenschaft und unkomplizierte Lebensfreude. Gastfreundschaft ist bei uns ohne Wein nicht denkbar. In fast jedem Dorf treffen sich die Menschen abends auf dem Dorfplatz mit einem Glas Wein und haben einfach eine gute Zeit. Das ist wundervoll.
Frau Becker, herzlichen Dank für das Interview!