Finanzselbstvertrauen: Adriana Richter, Juristin und Finanzökonomin, zeigt, wie Kommunikation, Beratung und Begleitung den Zugang zu Finanzthemen für Frauen erleichtern.
Andere Bankengruppen haben „Female Finance“ schon für sich entdeckt. Viele Sparkassen etwa sprechen das Thema auf ihren Webseiten direkt an – nicht alle so kreativ wie die Stadtsparkasse Düsseldorf, die mit Slogans wie „WOMANage dein Leben“ und „Frauen stehen in der Familie ihren Money“ für den selbstbewussten Umgang von Frauen mit ihren Finanzen wirbt.
Auch viele Volksbanken und Raiffeisenbanken haben „Female Finance“ mittlerweile auf dem Schirm. Einige wenige ausgewählte Beispiele: In Bayern setzt die VR-Bank Donau-Mindel auf eine Beratung, die die Lebenswirklichkeit und die finanziellen Bedürfnisse von Frauen stärker in den Blick nimmt (siehe dazu den Beitrag in dieser Ausgabe). Die Volksbank Stuttgart hat mit „Vemale Finance“ eine Initiative für finanzielle Selbstbestimmung von Frauen ins Leben gerufen und dazu einen Ratgeber entwickelt, der über die Altersvorsorge und Absicherungslücken von Frauen informiert.
Ebenfalls in Baden-Württemberg vernetzt die Volksbank eG – Die Gestalterbank mit Sitz in Villingen-Schwenningen Frauen im Female Finance Club. Dazu kommen Events wie die Female Finance Night, die einen „Abend voller Inspiration, Nähe und echter Verbundenheit“ für über 400 Frauen verspricht. Die DZ Privatbank treibt das Thema ebenfalls voran, unter anderem bietet sie den VR-Banken Vorträge zu „Female Finance“ an (mehr dazu weiter unten).
„Endlich mal Finanzen auf Augenhöhe“
Andere Kreditgenossenschaften greifen das Thema „Female Finance“ in Veranstaltungen speziell für Kundinnen auf. Die VR-Bank Mittelfranken Mitte zum Beispiel hatte im Frühjahr 2025 Janin Ullmann in der Kulturfabrik Roth zu Gast. Ihr Thema: „Frauen in der Finanzwelt“. Die Moderatorin, Finanz-Podcasterin und Autorin beschäftigt sich seit mehreren Jahren intensiv mit den Themen finanzielle Unabhängigkeit, Altersvorsorge und Female Finance und möchte insbesondere Frauen dazu ermutigen, ihre Finanzen selbstbewusst in die eigene Hand zu nehmen. Zwar hätten sich einige Teilnehmer mehr Fachlichkeit gewünscht, bei den Teilnehmerinnen sei der Vortrag jedoch gut angekommen, wie Eventmanager Thomas Appel von der VR-Bank Mittelfranken Mitte berichtet.
Janin Ullmann (3. v. li). im Frühjahr 2025 zu Gast bei der VR-Bank Mittelfranken Mitte mit (v. li.) Richard Oppelt, Gerhard Walther, Bettina Schacht, Marc Pröchel und Erwin Einzinger. Ullmann hielt in der Kulturfabrik Roth einen Vortrag zum Thema „Frauen in der Finanzwelt“. Foto: VR-Bank Mittelfranken Mitte
Hohe Reichweiten in den sozialen Medien
Das Event mit Janin Ullmann habe hohe Reichweiten in den sozialen Medien erzielt, berichtet Appel. Der Frauenanteil sei bei vergleichbaren Veranstaltungen noch nie so hoch gewesen, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren im Durchschnitt mehr als zehn Jahre jünger als sonst. Vor allem wegen der Resonanz wertet Appel die Veranstaltung insgesamt als Erfolg. „Wir haben Menschen für ein wichtiges Thema sensibilisiert und Zielgruppen erreicht, zu denen wir zuvor kaum Zugang hatten oder die sich bislang wenig für unsere Angebote interessiert haben. Durch die Veranstaltung hat sich das spürbar verändert. Insbesondere die weiblichen Gäste waren begeistert: Sie wollten einen verständlichen, lebensnahen Einstieg und gerade kein Fachchinesisch.“
Die eigenen Möglichkeiten kennen
Auch andere VR-Banken haben Janin Ullmann schon als Referentin gebucht. Die Autorin machte unter anderem mit dem Finanzratgeber „Female Finance“ auf sich aufmerksam. Das Buch vermittelt Finanzwissen auf einer sehr breiten Basis und soll Frauen Mut machen, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. „Female Finance ist für mich ein Herzensthema, weil ich selbst erlebt habe, wie sehr Geld die eigenen Möglichkeiten beeinflusst“, sagt Ullmann. Finanzielle Unabhängigkeit sei für sie eine wesentliche Voraussetzung für Selbstbestimmung. „Es geht darum, die eigenen Möglichkeiten zu kennen und dadurch Entscheidungen treffen zu können. Dafür muss man kein Finanzprofi sein.“
Finanzen können auch Spaß machen
Gerade Regionalbanken seien nah an den Menschen und ihren Lebenssituationen. Das mache sie zu wichtigen Ansprechpartnern zum Beispiel bei Themen wie Vermögensaufbau, Teilzeit oder Altersvorsorge. Mit Workshops oder Vorträgen könnten die VR-Banken Frauen vermitteln, dass Finanzen keine Raketenwissenschaft sind und sogar Spaß machen können. Am wichtigsten sei es, bei Frauen die Hemmschwelle abzubauen, sich selbst mit ihren Finanzen zu beschäftigen, verständlich zu informieren und Vertrauen zu schaffen. „Außerdem finde ich es wichtig, den Frauen zuzuhören. Welche Fragen haben sie, was fehlt ihnen beim Thema Finanzen und was wünschen sie sich von ihrer Bank?“ Eine junge Frau, die gerade ins Berufsleben startet, habe andere Fragen als eine Mutter, die nach der Elternzeit wieder einsteigt. „Genau diese Lebensrealitäten sollten die Banken in der Beratung aufgreifen.“ Vor allem aber sollten die Banken den Frauen Mut machen, sich mit ihren Finanzen zu beschäftigen. „Wir können das! Wir müssen es nur tun“, betont Ullmann.
Frauen bei der Gestaltung ihrer Finanzen unterstützen
Janina Matern, Professorin für Bankwirtschaft und Finanzierung an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt.
Janina Matern ist Professorin für Bankwirtschaft und Finanzierung an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Aktuell plant sie mit Studierenden einen Workshop, um ein Konzept zu „Female Finance“ für Banken zu erarbeiten. Im Kern gehe es darum, Frauen stärker für die eigene Finanzplanung zu sensibilisieren, ihr Finanzwissen zu erhöhen und den eigenen Vermögensaufbau, die Vorsorgeplanung und ihre finanzielle Unabhängigkeit dauerhaft zu stärken. „Da Frauen immer noch einen größeren Anteil an der Care-Arbeit haben, häufig in Teilzeitmodellen arbeiten und dadurch teilweise andere Erwerbsbiografien aufweisen und in vielen Berufen noch ein Gender-Pay-Gap besteht, ist es aus meiner Sicht wichtig, Frauen in Abhängigkeit von ihrer jeweiligen Lebensphase und ihren Lebensumständen bei der aktiven Gestaltung ihrer Finanzen zu unterstützen“, sagt Matern.
Viele Ansatzpunkte für Beratungsleistungen
„Female Finance“ sei für Regionalbanken ein sehr interessantes Geschäftsfeld, findet auch die Professorin. „Mit einem höheren Bewusstsein von Frauen für die eigene Finanzplanung, aber auch durch eine stärkere gemeinsame Finanzplanung in Partnerschaften, bestehen für Banken viele Ansatzpunkte für Beratungsleistungen und den Aufbau langfristiger Kundenbeziehungen.“ Die gezielte Befähigung von Frauen, die eigenen Finanzen aktiv zu planen und finanzielle Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen, komme den Banken entgegen, meint Matern. Eines ihrer laufenden Forschungsprojekte zeige, dass Frauen mit höherem Finanzwissen, eigener Erfahrung in Finanzanlagen und einer höheren Einschätzung der eigenen finanziellen Fähigkeiten häufiger in Kapitalanlagen investieren und dadurch der Unterschied zu Männern – der Gender-Investment-Gap – deutlich geringer ausfalle.
Zudem bestehe die Möglichkeit, „Female Finance“ als strategisches Geschäftsfeld zu definieren und das Thema explizit und dauerhaft in die Beratungspraxis und bestehende Beratungskonzepte zu integrieren. „Dazu gehört auch eine höhere Aufmerksamkeit bei den Beraterinnen und Beratern für dieses Thema. Entsprechende Schulungen können dabei helfen, Female Finance stärker in der Beratung zu verankern und unterschiedliche Beratungsansätze in Abhängigkeit von Lebenssituation, Alter und finanzieller Erfahrung der Kundinnen zu entwickeln“, sagt Matern. Denkbar sei auch, in der Bank Expertinnen und Experten für „Female Finance“ aufzubauen, die von Kundinnen, aber auch intern von Kolleginnen und Kollegen angesprochen werden können.
Gleichberechtigter Zugang zu Finanzthemen
Maria Maas ist Senior-Managerin Geschäftsentwicklung bei der DZ Privatbank, daneben promoviert sie am Lehrstuhl für Banking and Finance der Universität Witten/Herdecke. Foto: Sebastian Schüler / DZ Privatbank
Maria Maas, Senior-Managerin Geschäftsentwicklung bei der DZ Privatbank, betrachtet „Female Finance“ aus der Perspektive des Private Bankings. Sie wird von VR-Banken gerne für Vorträge zu diesem Thema gebucht. Wobei sie mit dem Begriff „Female Finance“ wenig anfangen kann. „Am liebsten bräuchten wir den Begriff gar nicht. Finanzen sind weder weiblich noch männlich, sie betreffen uns alle gleichermaßen. Wir sprechen intern und in unserer Arbeit lieber von Women & Finance, weil es uns nicht um spezielle Finanzprodukte für Frauen geht, sondern um eine inklusive Beratung und einen gleichberechtigten Zugang zu Finanzthemen“, betont Maas. Dass sich „Female Finance“ trotzdem etabliert habe, habe dennoch gute Gründe. „Der Begriff steht heute für ein berechtigtes Anliegen, nämlich Frauen den Zugang zu Finanzthemen, zur Vermögensanlage und vor allem zum Vermögensaufbau zu erleichtern.“
Frauen an den Kapitalmärkten deutlich unterrepräsentiert
Frauen seien an den Kapitalmärkten nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. Im Durchschnitt investierten sie seltener in Wertpapiere und hielten einen größeren Teil ihres Vermögens in vermeintlich sicheren, aber renditeschwächeren Anlageformen. Gleichzeitig seien sie stärker vom Gender-Pay-Gap und von Rentenlücken betroffen. Im Private Banking werde das besonders deutlich, und das habe historische Gründe. „Große Vermögen wurden über Generationen überwiegend von Männern aufgebaut, verwaltet und weitergegeben. Unternehmen gingen meist an die Söhne. Frauen waren lange Zeit rechtlich und gesellschaftlich vom eigenständigen Wirtschaften ausgeschlossen.“ Bis 1977 habe in Westdeutschland eine gesetzliche Rollenverteilung gegolten, nach der die Erwerbstätigkeit von Frauen mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar sein musste. Erst die Reform des Ehe- und Familienrechts habe die rechtliche Gleichberechtigung der Ehepartner in diesem Punkt klargestellt. Diese Entwicklung wirke bis heute nach. „Frauen sind deshalb unter vermögenden Kundinnen und Kunden noch immer weniger vertreten. Das Thema Finanzen bei Frauen stärker in den Vordergrund zu rücken, ist deshalb nicht nur sinnvoll, sondern notwendig“, betont Maas.
Für die DZ Privatbank sei das Thema „Woman & Finance“ schon seit Jahren relevant, und es gewinne weiter an Bedeutung. Prognosen zufolge wachse das Vermögen von Frauen stärker als das von Männern. Dafür gebe es mehrere Gründe. „Die große Erbschaftswelle kommt gerade richtig in Gang, und dabei geht immer mehr Vermögen in die Hände von Frauen über. Hinzu kommen immer mehr Frauen, die ihre Finanzen in Single-Haushalten eigenständig verantworten, mehr Frauen in Führungspositionen und mehr Unternehmerinnen. Frauen sind damit eine hochrelevante Zielgruppe“, meint Maas.
„Stereotypisierung wollen wir vermeiden“
Die DZ Privatbank unterscheide im Private Banking und in ihrem Produktportfolio nicht nach Geschlecht, das ist Maas wichtig zu betonen. „Eine solche Stereotypisierung wollen wir ausdrücklich vermeiden.“ Denn die eine homogene Zielgruppe „Frauen“ gebe es nicht. „Wir denken Zielgruppen konsequent über Bedarfe: Erben und Vererben, Unternehmertum und Nachfolge, strukturierte Vermögensanlage und -verwaltung, komplexe Vermögen oder Stiftungen. Innerhalb dieser Bedarfe möchten wir Frauen noch gezielter erreichen und stärker an uns binden. Spezielle Produkte oder Angebote für Frauen entwickeln wir dafür bewusst nicht, und von solchen Ansätzen grenzen wir uns auch klar ab. Es geht uns vor allem um die richtige Ansprache“, sagt Maas.
An bestehende Frauennetzwerke anknüpfen
Die Volks- und Raiffeisenbanken könnten beim Thema „Women & Finance“ durch ihre regionale Verankerung häufig an bestehende Strukturen anknüpfen, weiß Maas aus Erfahrung. Vor Ort gebe es oft Frauennetzwerke und Zusammenschlüsse von Unternehmerinnen, die sich gezielt ansprechen und einbinden lassen. „Viele Unternehmerinnen schätzen regionale Netzwerke und den Austausch mit ihresgleichen.“ Zudem seien Unternehmerinnen eine bedeutende Zielgruppe. „Gerade sie stehen biografisch vor Herausforderungen, die sich von denen ihrer männlichen Kollegen unterscheiden. Familienphasen, Elternzeiten und eine zeitweise reduzierte Erwerbstätigkeit können die Unternehmens- und Vermögensbiografie beeinflussen. Das sollte in der Finanzplanung frühzeitig berücksichtigt werden.“ Unternehmerinnen in der Region zusammenzubringen und ihnen eine Plattform für den Austausch über solche Themen zu bieten, sei ein guter Anknüpfungspunkt für Kreditgenossenschaften, um diese Zielgruppe gezielt anzusprechen.
Sparringspartner für VR-Banken
VR-Banken, die „Female Finance“ bei sich etablieren wollen, werden von der DZ Privatbank unterstützt. „Wir nehmen das Thema seit Jahren sehr ernst. Wir kennen die Studienlage und die aktuellen Aktivitäten im Markt sehr gut. Den VR-Banken bieten wir Veranstaltungsformate an, die sie für ihre Kundinnen und Kunden vor Ort nutzen können. Außerdem stehen wir den Häusern als Sparringspartner zur Verfügung: Wir stellen die Studienlage vor, regen die Reflexion an und machen deutlich, wie wichtig diese Zielgruppe ist“, sagt Maas. VR-Banken, die Interesse an einer Unterstützung haben, können sich per E-Mail an Maria Maas wenden: Maria.Maas(at)dz-privatbank.com.
„Female Finance“ ist auch Männersache
Ein Punkt ist Maas dabei wichtig zu betonen: „Female Finance ist kein Thema, das nur Frauen voranbringen können. Gerade in Häusern, deren Bereichsleitungen überwiegend mit Männern besetzt sind, darf nicht der Eindruck entstehen, das Thema liege ausschließlich in der Verantwortung von Frauen. Entscheidend ist, dass es authentisch vertreten wird und nicht in Klischees abgleitet, in denen plötzlich alles rosa ist.“ „Female Finance“ bedeute nicht, Frauen anders zu behandeln oder spezielle Produkte für sie zu entwickeln, fasst Maas zusammen. „Es bedeutet, genauer hinzusehen: Welche Lebenssituation, welche Ziele und welchen Beratungsbedarf bringt ein Mensch mit?“ Die DZ Privatbank unterstütze die VR-Banken dabei, Frauen als eigenständige und relevante Kundinnen stärker anzusprechen, ohne in Stereotype zu verfallen.