Arbeitgeberattraktivität: HR-Experte Stefan Scheller erklärt im Interview, warum erfolgreiche Personalarbeit heute den gesamten Employee Lifecycle umfasst.
Was bewegt Mitarbeitende? Welche Faktoren stärken die Arbeitgeberattraktivität? Wie entwickeln sich Veränderungsbereitschaft, Innovationsfähigkeit oder Führungskultur? Antworten auf diese Fragen sind eine wichtige Grundlage für eine zukunftsorientierte Personalarbeit. Mit seinen Personalstudien bietet der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) den Genossenschaftsbanken deshalb ein ganzes Bündel an wissenschaftlich fundierten Befragungsformaten, die aktuelle Entwicklungen sichtbar machen, Benchmarks ermöglichen und konkrete Impulse für strategische Entscheidungen liefern.
Die BVR-Personalstudie: Das Stimmungsbild der genossenschaftlichen Finanzgruppe
Kernstück der Studienlandschaft ist die jährlich durchgeführte BVR-Personalstudie. Sie erhebt Erwartungen, Bewertungen und Erfahrungen von Mitarbeitenden und Führungskräften entlang zentraler Fragestellungen des strategischen Personalmanagements. Die inhaltliche Ausrichtung orientiert sich dabei eng am strategischen Zielbild Personal der genossenschaftlichen Finanzgruppe und dessen drei Säulen Arbeitgeberattraktivität, Erfolgsfaktor Mitarbeitende und HR-Wirksamkeit.
Die Themenfelder decken den gesamten Employee Lifecycle ab – von Arbeitgebermarke, Karriere- und Entwicklungspfaden sowie Onboarding über Arbeitszufriedenheit, Veränderungsbereitschaft und Führungskultur bis hin zu Innovationsfähigkeit sowie Fragen rund um Mitarbeitendenbindung, Ausstieg und Alumni-Arbeit. Ergänzend werden jährlich wechselnde Fokusthemen aufgenommen. Im Jahr 2026 steht dabei die Nutzung und Wahrnehmung Künstlicher Intelligenz im Mittelpunkt.
Viele Mitarbeitende kommen über Empfehlungen
Die Ergebnisse der BVR-Personalstudie 2025 geben wertvolle Einblicke in die Erwartungen, Motive und Bindungsfaktoren der Mitarbeitenden. So zeigt sich, dass mehr als die Hälfte der Befragten ursprünglich über Freunde und Bekannte auf ihre Genossenschaftsbank aufmerksam geworden ist – ein deutliches Zeichen für die Bedeutung persönlicher Empfehlungen und einer starken Arbeitgeberreputation. Gleichzeitig sind rund zwei Drittel der Befragten stolz darauf, für ihre Genossenschaftsbank zu arbeiten.
Die meisten Mitarbeitenden sehen ihre berufliche Zukunft in der eigenen Bank
Außerdem zeigt sich, dass die meisten Mitarbeitenden ihre berufliche Zukunft grundsätzlich in der eigenen Bank sehen – häufig verbunden mit dem Wunsch nach Weiterentwicklung oder einem beruflichen Aufstieg. Interessant dabei: Eine Karriere wird nicht zwangsläufig mit einer Führungsrolle gleichgesetzt. Viele Mitarbeitende bevorzugen die Entwicklung als Fachexpertin oder Fachexperte, und auch mehr als die Hälfte der befragten Führungskräfte kann sich langfristig einen Karriereweg ohne Führungsverantwortung vorstellen. Dies unterstreicht die zunehmende Bedeutung alternativer Laufbahnmodelle neben klassischen Führungskarrieren.
Gute Laune am Arbeitsplatz: Die meisten Mitarbeitenden sehen ihre berufliche Zukunft grundsätzlich in der eigenen Bank – häufig verbunden mit dem Wunsch nach Weiterentwicklung. Foto: mauritius images / Maskot
BVR-Personalstudie 2026 erscheint im August
Die Ergebnisse liefern nicht nur Erkenntnisse für die einzelne Bank, sondern ermöglichen auch einen gruppenweiten Blick auf Entwicklungen und Handlungsfelder. Alle teilnehmenden Institute können nach Erfüllung einer Mindestteilnahmequote einen bankindividuellen Bericht erhalten, der die eigene Positionierung im Vergleich zur gesamten genossenschaftlichen Finanzgruppe sichtbar macht. Damit entsteht ein wertvolles Benchmarking für die strategische Weiterentwicklung der Personalarbeit. Die Ergebnisse der laufenden BVR-Personalstudie 2026 werden im August über das BVR-Extranet veröffentlicht und liefern den teilnehmenden Instituten erneut wertvolle Impulse für die strategische Weiterentwicklung ihrer Personalarbeit.
Fünf Kennzahlen für die Personalarbeit von morgen
Ein besonderer Mehrwert der BVR-Personalstudie liegt in der Ableitung von fünf wissenschaftlich fundierten HR-Indizes. Sie beschreiben zentrale Erfolgsfaktoren moderner Personalarbeit und schaffen eine einheitliche Vergleichsbasis innerhalb der Gruppe. Erhoben werden
- der Organisational Commitment Index (OCI),
- der Index für Veränderungsbereitschaft,
- der Index für Arbeitszufriedenheit,
- der Index für Innovationsfähigkeit sowie
- der Index für Führungskultur.
Die Indizes werden nicht nur für das bankindividuelle Reporting genutzt, sondern fließen zugleich in weitere strategische Instrumente des BVR ein. So finden sie sich beispielsweise im strategischen Benchmarking und im bundesweiten HR-Dashboard wieder, wo sie die Steuerung entlang des strategischen Zielbilds Personal unterstützen. Dadurch werden Befragungsergebnisse unmittelbar in die strategische Personalarbeit übersetzt.
Die Berechnung der Indizes basiert auf folgendem Bewertungssystem: Die Teilnehmenden bewerten verschiedene Aspekte auf einer sechsstufigen Skala. Für eine bessere Vergleichbarkeit werden die Ergebnisse anschließend auf eine 100-Punkte-Skala übertragen. Für die Interpretation kann man sich am bekannten Schulnotensystem orientieren: Werte zwischen 81 und 100 Punkten entsprechen in etwa einem sehr guten Ergebnis (Note 1 bis 1,9), ein Wert von 70 Punkten liegt ungefähr im Bereich der Note 2,5. Damit lassen sich die Kennzahlen auch ohne vertiefte statistische Kenntnisse gut einordnen.
Die Indizes der BVR-Personalstudie lassen sich in Schulnoten übersetzen. Auf einer Skala von 100 bis 0 Punkten werden die Schulnoten in 20-Punkte-Schritten abgestuft. Grafik: BVR
Hohe Bindung und Veränderungsbereitschaft, Innovationsfähigkeit ist ausbaufähig
Die nachfolgenden Indexwerte der BVR-Personalstudie 2026 liefern – noch vor der offiziellen Veröffentlichung der Studienergebnisse im BVR-Extranet – einen ersten kompakten Überblick über die Stimmungslage und zentrale Entwicklungen innerhalb der genossenschaftlichen Finanzgruppe. Sie zeigen zugleich, welche Themen die Personalarbeit in den kommenden Jahren besonders prägen werden.
- Der Organisational Commitment Index (OCI) für die Bindung an die Organisation erreicht 2026 einen Wert von 75 Punkten und bestätigt damit die insgesamt hohe emotionale Verbundenheit der Mitarbeitenden mit ihren Genossenschaftsbanken.
- Der Index für Veränderungsbereitschaft liegt bei 75 Punkten und verdeutlicht, dass die Befragten den Veränderungen in der Arbeitswelt grundsätzlich offen gegenüberstehen.
- Die Arbeitszufriedenheit erreicht 72 Punkte und bewegt sich damit weiterhin auf einem guten Niveau.
- Die Führungskultur wird mit 72 Punkten ebenfalls positiv bewertet und unterstreicht die hohe Bedeutung guter Führung für die Bindung und Motivation von Mitarbeitenden.
- Der Index für Innovationsfähigkeit liegt bei 64 Punkten. Er erreicht im Vergleich zu den anderen Indikatoren den niedrigsten Wert und zeigt, dass insbesondere bei der Förderung von Innovationen und neuen Arbeitsweisen weiteres Entwicklungspotenzial besteht.
In der Gesamtschau zeichnen die Ergebnisse das Bild einer engagierten, zufriedenen und veränderungsbereiten Belegschaft. Gleichzeitig machen sie sichtbar, wo bereits heute Stärken liegen und welche Handlungsfelder künftig stärker in den Fokus rücken sollten, um Innovationskraft, Arbeitgeberattraktivität und Zukunftsfähigkeit weiter zu stärken.
Personal-Indizes Kompakt: Weniger Fragen, gleicher strategischer Nutzen
Nicht jedes Institut möchte oder kann jedes Jahr an der umfassenden Personalstudie teilnehmen. Für diese Fälle bietet der BVR mit den Personal-Indizes Kompakt eine schlanke Ergänzung an. Die kostenfreie Kurzbefragung konzentriert sich ausschließlich auf die Fragen, die zur Erhebung von vier zentralen Indizes erforderlich sind: OCI, Veränderungsbereitschaft, Führungskultur und Arbeitszufriedenheit.
Mit einer Befragungsdauer von rund zehn Minuten und einem standardisierten Kurzreporting eignet sich das Format insbesondere für Banken, die zwischen zwei umfassenden Befragungen ihre Indexentwicklung beobachten möchten und gleichzeitig ausreichend Zeit für die Umsetzung bereits identifizierter Maßnahmen benötigen. Ebenso interessant ist die Kurzbefragung für Institute, die bereits eigene Mitarbeitendenbefragungen durchführen, diese jedoch um gruppenweite Vergleichswerte und Benchmarks des BVR ergänzen möchten.
Spezialstudien: Fokus auf ausgewählte Zielgruppen
Neben den regelmäßigen Befragungen führt der BVR jährlich Spezialstudien zu ausgewählten Zielgruppen und Zukunftsthemen durch. Ziel ist es, Herausforderungen und Erwartungen bestimmter Mitarbeitendengruppen noch genauer zu verstehen und daraus gezielte Handlungsempfehlungen abzuleiten.
Im Jahr 2025 stand die Generation Z im Fokus. Die nextGen-Personalstudie untersuchte die Sicht junger Mitarbeitender, Auszubildender und dual Studierender auf Arbeiten und Karriere in Genossenschaftsbanken. Betrachtet wurden unter anderem Arbeitgeberattraktivität, Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten, Wohlbefinden am Arbeitsplatz, Mitarbeitendenbindung und Nachhaltigkeit. Ziel war es, besser zu verstehen, welche Erwartungen die junge Generation an ihren Arbeitgeber stellt und welche Faktoren ihre Bindung an die Institute fördern.
Die nextGen-Personalstudie des BVR zeigt, dass junge Mitarbeitende das Vertrauen zu Kolleginnen, Kollegen und Führungskräften sowie das Arbeitsumfeld besonders positiv bewerten. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass Karrierewege für viele junge Mitarbeitende noch nicht ausreichend transparent sind. Foto: mauritius images / Perfect Wave
Karrierewege für viele junge Mitarbeitende noch nicht ausreichend transparent
Die Ergebnisse zeichnen insgesamt ein positives Bild. Über alle Dimensionen hinweg erreicht der Organisational Commitment Index einen Wert von 77 Punkten. Zudem geben 79 Prozent der Befragten an, mit ihrem derzeitigen Arbeitgeber insgesamt zufrieden zu sein. Rund drei Viertel würden ihre Genossenschaftsbank einem guten Freund oder einer guten Freundin weiterempfehlen. Besonders positiv werden das Vertrauen zu Kolleginnen, Kollegen und Führungskräften sowie das Arbeitsumfeld bewertet. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass Karrierewege für viele junge Mitarbeitende noch nicht ausreichend transparent sind: Nur weniger als die Hälfte der Befragten weiß, welche Voraussetzungen für den nächsten Karriereschritt erfüllt werden müssen. Die Ergebnisse unterstreichen damit die Bedeutung klarer Entwicklungs- und Perspektivangebote für die langfristige Bindung junger Talente.
2026 richtet sich der Blick auf eine andere, ebenfalls hochrelevante Zielgruppe: die Generation E („Etabliert & Erfahren“). Die GenE-Personalstudie richtet sich gezielt an Mitarbeitende ab 55 Jahren – eine Gruppe, die inzwischen mehr als ein Viertel der Belegschaft in der genossenschaftlichen Finanzgruppe ausmacht. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Arbeitszufriedenheit, Arbeitsbedingungen, Unterstützung bei Veränderungsprozessen sowie Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Ziel ist es auch hier, die Erwartungen und Bedarfe von erfahrenen Mitarbeitenden besser zu verstehen und daraus konkrete Impulse für Personalbindung, Wissenstransfer und demografiefeste Personalstrategien abzuleiten. Die Befragung läuft aktuell noch bis zum 30. September 2026.
Abgestimmtes Instrumentarium für eine datenbasierte Personalarbeit
Ob umfassende BVR-Personalstudie, kompakte Indexerhebung oder zielgruppenspezifische Spezialstudie – gemeinsam bilden die Befragungsangebote des BVR ein abgestimmtes Instrumentarium für moderne und datenbasierte Personalarbeit. Sie unterstützen Banken dabei, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, Maßnahmen gezielt auszurichten und die eigene Position im Vergleich zur genossenschaftlichen Finanzgruppe einzuordnen.
Damit liefern die BVR-Personalstudien weit mehr als reine Stimmungsbilder: Sie schaffen eine fundierte Grundlage für strategische Entscheidungen, ermöglichen ein gruppenweites Benchmarking und leisten einen wichtigen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Personalarbeit in den Genossenschaftsbanken.
Nicola Schehadat ist Referentin Personalmanagement beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR).