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Frau Klotz, Sie sind Biersommelière und Herausgeberin des Online-Magazins hopfenhelden.de. Was fasziniert Sie an Bier?

Nina Anika Klotz: In erster Linie fasziniert mich die geschmackliche Vielfalt. Bier kann sauer oder herb sein, genauso wie es an Schokolade oder Kaffee erinnern kann. Früher habe ich Bier getrunken, weil es gesellig ist und weil es schmeckt. Heute genieße ich jede Sorte bewusst und freue mich, wenn ich dabei Gleichgesinnte treffe. So oder so ist Bier ein Getränk, das Menschen verbindet.
 

Sehen Sie die Vielfalt im klassischen Bereich genauso wie bei den sogenannten Craft-Bieren?

Klotz: Ich würde die Biervielfalt nicht der einen oder anderen Branche zurechnen. Jeder Brauer kann gutes Bier brauen, egal ob er den Familienbetrieb in fünfter Generation führt oder sich der Craft-Bier-Szene zugehörig fühlt. Ich finde es vielmehr sehr schön, dass sich auch die traditionellen Brauereien wieder ihrer Fähigkeiten besinnen, sich an besondere Biere wagen und auch mal einen Maibock, ein Weihnachtsbier oder ein besonders leichtes Weizen brauen. So merken die Menschen, dass es mehr gibt als nur Helles oder Weißbier. Dieses Bewusstsein für die Vielfalt der Biersorten kommt wiederum den kleinen Brauereien zugute, die diesen Markt bedienen.

Wenn Sie an Bier und Bayern denken: Was fällt Ihnen dazu spontan ein?

Klotz: Heimat. Ich komme vom Ammersee. Im Sommer im Biergarten unter einer Kastanie zu sitzen und Radler zu trinken, ist einfach schön. Bier gehört zu unserer Kultur und zu unserem Leben. Deshalb verbinden viele Menschen Bier mit Heimat und Herkunft – unabhängig davon, wo sie inzwischen ihren Lebensmittelpunkt haben. Bier wird für sie zum Lebensgefühl. Örtliche Brauereien und Brauereigenossenschaften können diese Einstellung sehr gut vermitteln, denn sie heben sich von der breiten Masse ab und stehen für Individualität.
 

Sie wohnen inzwischen in Berlin. Hat sich Ihre Einstellung zu Bier verändert, seitdem Sie Ihre bayerische Heimat aus der Distanz erleben?

Klotz: Wenn ich heute nach Hause fahre, dann genieße ich es noch mehr, im Biergarten zu sein. Das Heimatgefühl ist viel intensiver. Deshalb trinke ich auch an der Spree gerne mal ein Helles aus Bayern. Und ich freue mich, wenn ich in Berlin eines der wenigen Lokale erwische, die bayerisches Bier ausschenken. Alles aus alter Heimatverbundenheit.
 

„Bier hat vielleicht noch mehr als andere Getränke das Potenzial, Identität zu stiften und bestimmte Werte zu vermitteln.“

Was signalisieren denn Menschen mit der Wahl ihres Bieres?

Klotz: Das ist von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich. Lebensgefühl hat ja auch viel mit persönlichem Geschmack und persönlicher Prägung zu tun. Aber ich glaube, dass Bier vielleicht noch mehr als andere Getränke das Potenzial hat, Identität zu stiften und bestimmte Werte zu vermitteln, etwa Tradition, Heimatliebe und Zusammengehörigkeitsgefühl. Bier schafft Heimat. Wobei das nicht nur in Bayern so ist, sondern auch in anderen Teilen Deutschlands. Es gibt auch eine sehr starke Bierkultur im Westen und Norden Deutschlands.
 

Manche Brauerei-Anhänger nehmen selbst auf Fernreisen ihr gewohntes Bier mit. Die Genossenschaftsbrauerei Lang Bräu aus Freyung postet regelmäßig Fan-Bilder auf Facebook, die eine Flasche Lang Bräu vor ortstypischer Kulisse zeigen, zum Beispiel vor der Copacabana in Brasilien oder der Golden Gate Bridge in San Francisco…

Klotz: Das ist der Spezialfall einer regional verwurzelten Genossenschaftsbrauerei, der sich die Menschen zugetan fühlen und die dieser Brauerei etwas Gutes tun wollen. Indem sie das Bier ihrer Wahl hinaus in die Welt tragen, signalisieren sie ihre Zugehörigkeit und ihren Stolz auf die Heimat. Da ist viel Lokalpatriotismus dabei. Im Gegensatz zur klassischen Markenbindung ist das herzlicher gemeint, weil es eben die Marke von „daheim“ ist. Ich glaube, das Stichwort Heimat ist in diesem Zusammenhang ganz, ganz wichtig. Wer bin ich? Wo komme ich her? Manche Menschen suchen Antworten auf diese emotionalen Fragen, indem sie sich mit ihrer Heimatbrauerei identifizieren – ähnlich vielleicht wie bei einem Fußballverein. Bei Genossenschaften dürfte diese Bindung noch stärker ausfallen, weil die Fans auch als Mitglied an ihrer Brauerei teilhaben können. Dazu kommt das Bekenntnis zum Anti-Mainstream, zum Nicht-Industrie-Produkt. Anhänger lokaler Brauereien wollen sich von den sogenannten Fernseh-Bieren abgrenzen, also von allen Brauereien, die das Geld haben, um Fernsehwerbung zu schalten. Dazu kommt die Verbundenheit mit Gleichgesinnten, die ebenfalls dieses Bier trinken und damit offenbar so ähnlich ticken wie ich.
 

In Deutschland legen die Verbraucher immer mehr Wert auf Lebensmittel aus der Region. Profitieren davon die Brauereien vor Ort?

Klotz: Absolut. Die Verbraucher wollen nicht nur wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen, sondern sie hinterfragen auch immer häufiger, was sie da eigentlich genau essen und trinken. Wer hat das Produkt eigentlich hergestellt? Gibt es eine Alternative zur Massenware, die von einem Menschen mit Herz und Leidenschaft gemacht wurde? Solche Fragen beschäftigen die Menschen zunehmend. Das kommt den lokalen Brauereien und auch den Brauereigenossenschaften mit ihrer handwerklichen Bier-Tradition sehr entgegen.
 

Nach vielen Jahren des Brauereisterbens werden in Deutschland und Bayern seit einiger Zeit wieder neue Brauereien gegründet. Worauf ist das zurückzuführen?

Klotz: Auch wenn der Craft-Bier-Trend oft viel höher geredet wird, als er in der Realität messbar ist, hat er an den Neugründungen der Brauereien einen erheblichen Anteil. Das weiß ich aus Gesprächen mit jungen Brauern, die frisch von der Universität kommen. Vor zehn Jahren hat niemand Brauwesen studiert, um eine Brauerei zu gründen. Das gab es einfach nicht. Die Absolventen sind entweder in den Familienbetrieb eingestiegen oder sie haben sich einen gut dotierten Job in der Industrie gesucht. Die dritte Möglichkeit war der Weg ins Ausland. Dort haben deutsche Brauer traditionell einen guten Ruf. Das hat sich durch die Craft-Bier-Bewegung radikal geändert. Heute gehen viele Brauer mit einer Start-up-Mentalität ans Werk, die man sonst nur aus dem digitalen Bereich kennt. Nun widmen sie sich mit viel Liebe und Sachverstand einem alten, handwerklichen Produkt. Und sie haben Erfolg damit.
 

Was ist Craft-Bier?

Im Gegensatz zu den USA („Ein amerikanischer Craft-Brauer ist klein, unabhängig und traditionell“) fehlt in Deutschland eine exakte Definition für Craft-Bier, doch ein paar Grundregeln dürften allgemein akzeptiert sein. „Craft“ steht im Englischen für Handwerk, aber auch für Geschicklichkeit. Demnach ist Craft-Bier handwerklich gebrautes Bier aus hochwertigen Zutaten. Besondere Aromahopfen und Malze sorgen für unkonventionelle Geschmacksrichtungen – Brautradition trifft Innovation. Zum Selbstverständnis der Bewegung gehört auch, unabhängig zu bleiben und einen Gegenpol zu den großen Braukonzernen zu bilden. Ein Beispiel aus Bayern ist die Brauerei Camba Bavaria aus dem Chiemgau, die 2008 gegründet wurde und inzwischen überregional bekannt ist. Ursprünglich stammt die Craft-Bier-Bewegung aus den USA. Dort dominieren wenige Braukonzerne mit industriell hergestellten Biersorten den Markt. Daraufhin begannen viele Amerikaner in den 1970er Jahren, ihr eigenes Bier zu brauen. Heute gibt es in den USA über 6.000 Brauereien und Pubs mit eigener Braustätte, die der Craft-Bier-Szene zugerechnet werden.

Gibt es eine gemeinsame Motivation, die man allen Brauereigründern unterstellen kann?

Klotz: Natürlich startet jeder Gründer mit dem Wunsch, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Brauereigründer wollen darüber hinaus etwas erschaffen, was sie selber glücklich macht und von dem sie auch wissen, dass es andere glücklich macht, nämlich gutes Bier. Ich sehe da sehr viel Leidenschaft. Da finden sich Menschen zusammen, die nicht die großen Märkte wittern, sondern die Bier brauen wollen, das den Leuten schmeckt.
 

Das wäre auch ein idealer Ansatz, um eine Brauereigenossenschaft zu gründen…

Klotz: Natürlich! Bei Genossenschaften können die Mitglieder ihre unterschiedlichen Talente gleichberechtigt einbringen. Viele Gründer gehen in der ersten Zeit noch einem anderen Beruf nach, bis sich die Brauerei trägt. Da ist es gut, wenn sich die Teilhaber der Genossenschaft die Aufgaben teilen können und niemand volles wirtschaftliches Risiko gehen muss, indem er zum Beispiel seinen Brotjob aufgibt.
 

Obwohl die Zahl der Brauereien in Deutschland wieder zunimmt, geht der Bierkonsum weiter zurück. Passt das zusammen?

Klotz: Ich finde, das passt sogar sehr gut zusammen. Die Menschen trinken weniger Bier, aber dafür besseres. Aus dem Bewusstsein für regionale Produkte heraus erlebt das Heimatbier so etwas wie eine Renaissance. Ich finde, das ist ein positiver Trend. Ich zahle auch gerne ein bisschen mehr für mein Bier, wenn ich es dafür genießen kann. Im handwerklich gebrauten Bier steckt einfach mehr drin. Es hat einen individuellen Geschmack und ich kenne vielleicht auch noch seine Geschichte. Deshalb finde ich es total in Ordnung, wenn ich am Ende des Abends vielleicht nur halb so viel Bier getrunken habe wie sonst, aber dafür doppelt so gutes.
 

Letzte Frage: Sie sind zu einem festlichen Abendessen eingeladen. Bestellen Sie dazu ein süffiges Bier oder einen guten Wein?

Klotz: Sowohl Wein wie auch Bier sind gute Essensbegleiter. Zurzeit finde ich Bier noch etwas aufregender, insofern würde meine erste Wahl wohl ein zum Menü passendes Bier sein.

Herzlichen Dank für das Gespräch!
 

Nina Anika Klotz ist als gebürtige Oberbayerin mit Bier aufgewachsen. Über ihre Arbeit als freie Journalistin fand sie mehr und mehr Gefallen an der Craft-Bier-Szene und gründete 2013 das Craft-Bier-Magazin Hopfenhelden. 2015 ließ sie sich zur Biersommelière ausbilden. Seit 2010 lebt sie in Berlin.

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