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Die Nacht ist tiefdunkel, nur die Straßenlaternen spenden etwas Licht. Erst in zwei Stunden wird die Sonne aufgehen. Selbst die Nachtschwärmer sind bereits zu Hause. Doch plötzlich unterbricht ein lauter Knall in einer Bankfiliale die nächtliche Stille. Die Fenster bersten, Glasscherben und Rahmen fliegen auf den Gehweg. Kurze Zeit später heult ein Motor auf, ein Auto rast in Richtung der nahen Autobahn.

Was sich liest wie ein Krimi, ist so am Samstag, den 29. April 2023, in Rothenburg ob der Tauber passiert. Gegen 4:10 Uhr haben Verbrecher drei Geldautomaten in der Hauptstelle der VR-Bank Mittelfranken Mitte gesprengt. Anschließend sind sie über die A7 geflohen. Bis heute fehlt von den Gangstern jede Spur.

Titelfoto

Das Titelfoto zeigt bei der Wiedereröffnung der Hauptstelle Rothenburg der VR-Bank Mittelfranken Mitte (v. li.): Kurt Förster (Bürgermeister Stadt Rothenburg ob der Tauber), Hans Hartmann-Thoma (Hartmann Planwerk), Gerhard Walther (Vorstandsvorsitzender VR-Bank), Hermann Meckler (stellvertretender Vorstandsvorsitzender VR-Bank), Richard Oppelt (Vorstand VR-Bank), Christian Stein (Bauunternehmen Stein) und Dieter Kölle (Zweiter Bürgermeister Stadt Rothenburg ob der Tauber).

„Zentrale Botschaft: Wir sind wieder da!“

Achteinhalb Monate später, Mitte Januar 2024. In dem Gebäude erinnert nur noch ein Foto, das von Zeit zu Zeit auf den Displays der zahlreichen Flachbildschirme erscheint, an den Überfall. Im Foyer der Bank haben sich rund 50 Personen versammelt, von Seiten des Kreditinstituts der Vorstand, Aufsichtsratsmitglieder, Führungskräfte sowie das Team der Hauptstelle. Auch Vertreter der Kommune, der beteiligten Bau- und Planungsfirmen sowie die Presse ist vor Ort. Das Rothenburger Stadt- und Jugendblasorchester spielt, Gläser mit Sekt oder Orangensaft werden gereicht. „Ich freue mich, dass Sie alle gekommen sind, um mit uns die Wiedereröffnung unserer Hauptstelle Rothenburg zu feiern. Die zentrale Botschaft lautet: Wir sind wieder da!“, betont der Vorstandsvorsitzende der Bank, Gerhard Walther, in seiner Rede.

Erdgeschoss war ein Trümmerfeld

Der Vorstandschef kann sich noch gut an die Stunden nach der Sprengung erinnern. Die Kriminalpolizei hatte das Gebäude abgesperrt, da zunächst unklar war, ob es einsturzgefährdet war. Am Nachmittag dann durften Walther und Kollegen die Räume selbst in Augenschein nehmen. „Man konnte nur gebückt gehen, weil die Deckenverkleidung und Kabel herunterhingen. Überall lagen Metallteile und Staub herum und sammelten sich zu kleinen Schutthaufen. Das war alles, was von den Geldautomaten übriggeblieben ist. Das gesamte Erdgeschoss war ein Trümmerfeld. Wir waren erschüttert und schockiert über das Ausmaß der Gewalt, das uns entgegengebracht wurde“, sagt Walther.

Am stärksten frequentierte Geschäftsstelle

Die Sprengung traf die VR-Bank Mittelfranken Mitte ins Mark. Schließlich ist die Hauptstelle in Rothenburg nicht nur eines der baulichen Aushängeschilder des Kreditinstituts, sondern mit durchschnittlich rund 2.000 Servicekontakten pro Monat die am stärksten frequentierte Geschäftsstelle. Das Gebäude hat die Bank Anfang des Jahrtausends erworben, zuvor residierte dort das Hauptpostamt. 2012 wurden die Räumlichkeiten aufwendig für 2,2 Millionen Euro renoviert. „Das Gebäude hat eine tolle Lage und ist dank der zahlreichen Parkplätze bestens zu erreichen. Es hat erheblich zum Erfolg der Bank in den vergangenen zwei Jahrzehnten beigetragen“, resümiert Walther.

Übergangslösung geschaffen

Zunächst musste nach der Sprengung eine Übergangslösung her. Denn einerseits war abzusehen, dass das Gebäude der Hauptstelle statisch überprüft werden musste und deshalb einige Zeit lang nicht genutzt werden konnte. Andererseits wollte das Kreditinstitut die Bargeldversorgung schnell wieder sicherstellen. Wegen des Festivals „Stadtmosphäre“, das am selben Wochenende stattfand, waren die Automaten der SB-Filiale der Bank in der Innenstadt von Rothenburg bereits am Nachmittag leer. Dorthin waren die Kunden als erstes ausgewichen. Mit der Sparkasse vor Ort wurde umgehend vereinbart, dass die Kunden deren Geräte kostenfrei nutzen konnten. Außerdem entschieden die Führungskräfte noch am Samstag, in der SB-Filiale Gebsattel, wenige Kilometer südlich von Rothenburg gelegen, provisorisch Service und Beratung einzurichten. Am Dienstag war die Geschäftsstelle entsprechend ausgestattet.

Rund vier Wochen nach der Sprengung, im Juni 2023, wurden zwei Container geliefert, die die Bank auf den Parkplatz neben der Rothenburger Hauptstelle aufstellte. Dort wurden neue Geldautomaten installiert sowie die Kasse eingerichtet. Diese Lösung hatte bis zur Wiedereröffnung der Hauptstelle diesen Januar Bestand. Ebenfalls im Juni gab der Statiker grünes Licht für die Weiternutzung des Gebäudes. Demnach konnte die Bank die oberen Stockwerke, in denen es nur leichte Schäden gab, umgehend wieder in Betrieb nehmen. Im Erdgeschoss musste eine spezialisierte Entsorgungsfirma zunächst die Reste der gesprengten Geldautomaten sowie weiteren Schutt wegschaffen. Anschließend konnte der Wiederaufbau starten. Dazu arbeitete die Bank eng mit dem Planungsbüro Hartmann Plan Werk aus Nürnberg sowie dem Ingenieurbüro und Bauunternehmen Stein aus Rothenburg zusammen. „Zwei langjährige und vertrauensvolle Partner, die uns erneut ideal begleitet haben“, betonte Walther. Beispielsweise habe das Unternehmen Stein noch am Tag der Sprengung kurzfristig die beschädigten Fenster mit Sperrholz verschlossen, um das Gebäude gegen Einbrüche zu sichern.

Wiederaufbau kostete 1,5 Millionen Euro

Der Wiederaufbau der Hauptstelle hat rund 1,5 Millionen Euro gekostet. Eine halbe Million Euro gab es als Zeitwert von der Versicherung, eine Million Euro steuerte die Bank selbst bei. „Unsere Prämisse: Wenn wir das Gebäude sowieso ertüchtigen müssen, dann bringen wir es auf den neuesten Stand“, erklärt Walther. Beispielsweise hat das Kreditinstitut die modernsten Servicegeräte, die derzeit erhältlich sind, angeschafft. Ebenso wurden die Laufwege im SB-Bereich optimiert. Auch dem Thema Nachhaltigkeit wurde Rechnung getragen. So sorgt ein zeitgemäßes Lüftungskonzept dafür, dass immer angenehme Temperaturen herrschen.

Außerdem hat die Bank energiesparende LED-Leuchten sowie Bewegungsmelder eingebaut. Wenn niemand durch den Flur geht, gehen die Lichter nach einiger Zeit automatisch aus. Durch die Maßnahmen könnte man den Energieverbrauch merklich reduzieren, sagt Walther. Ebenfalls neu gestaltet wurden die Beratungsräume. Früher wurde dort mit Projektoren gearbeitet, nun hängt in jedem der acht Zimmer ein Flachbildschirm. Auf diesem spielen die Bankberater etwa Präsentationen ab. Der Vorstandschef fasst die Vorteile für die Kunden zusammen: „Sie können ihre SB-Geschäfte schneller und bequemer erledigen, finden in allen Räumen eine angenehme sowie einladende Atmosphäre vor und erleben dank der neuen Ausstattung eine hochwertige Beratung auf Top-Niveau.“

Teambüros statt Einzelbüros

Die Bank hat die Umbauten genutzt, um für die Mitarbeiter eine neue Arbeitswelt einzuführen. Statt Einzelbüros gibt es nun Teambüros. Auf diese Weise können sich die Mitarbeiter so zusammensetzen, wie sie es benötigen. Auch der Vorstand setzt sich auf einen freien Platz, es gibt für ihn kein Extrazimmer. Mit diesem Prinzip habe man an anderen Standorten gute Erfahrungen gesammelt und das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt, bekräftigt Walther.

Eines der acht Beratungszimmer. Alle Räume sind mit Flachbildschirmen ausgestattet.

Blick ins Teambüro.

Bilder vermitteln Heimatatmosphäre

Sehr viel Wert hat das Kreditinstitut auf das Design und die Optik gelegt. Jedes der acht Beratungszimmer ist nach stadtprägenden Rothenburger Orten benannt, etwa Spitaltor, Stadtmauer, Marktplatz, Rödertor oder St.-Jakobs-Kirche. Ein oder mehrere Bilder im Raum setzen das Objekt in Szene. „Die Motive vermitteln Heimatatmosphäre“, betont Walther. Ein besonderer Hingucker ist ein Panorama-Bild von Rothenburg im Eingangsbereich. Dieses hat ein Fotograf von einem Turm aufgenommen, der nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist. „Das Foto steht sinnbildlich für ein zentrales Ansinnen unseres Hauses, nämlich neue Blickwinkel auf bewährte Dinge zu schaffen. Übersetzt bedeutet das: Wir wissen um unsere genossenschaftlichen Wurzeln und unsere Heimatregion. Gleichzeitig stellen wir moderne Konzepte bereit, um unsere Kunden mit zeitgemäßen Lösungen bestmöglich zu unterstützen“, sagt Walther.

Signal an die Kunden, Mitarbeiter und die Öffentlichkeit

Der Vorstandsvorsitzende ist überzeugt, dass der Wiederaufbau ein wichtiges Signal in drei Richtungen ist. Erstens an die Kundinnen und Kunden, für die das Kreditinstitut eine Hauptstelle mit zeitgemäßer Optik und Technik bereitstellt und dazu selbst Geld in die Hand genommen hat. Zweitens an die Mitarbeiter, denen die Bank moderne Arbeitswelten sowie einen zukunftssicheren Arbeitsplatz zur Verfügung stellt. Drittens an die Öffentlichkeit, dass man sich von den Kriminellen das Bankgeschäft nicht vermiesen lasse. „Wir haben einen Treffer eingesteckt, aber dem Angriff getrotzt und dadurch Standhaftigkeit bewiesen“, betont Walther.

Neueste Sicherheitsstandards

Apropos Kriminelle: Die Bank möchte die Hürden für die Gangsterbanden so hoch wie möglich setzen. Um sich vor künftigen Sprengungen zu schützen, hat sie in der Hauptstelle Rothenburg neueste Sicherheitsstandards wie Einfärbesysteme für Geldscheine oder aktuelle Alarmtechnik eingebaut. Die Außentüren sind von 22 bis 6 Uhr geschlossen, um den Kriminellen den Zugang zu den Geldautomaten zu verwehren. Generell hat das Kreditinstitut die Sprengung zum Anlass genommen, ihr Sicherheitskonzept in Absprache mit der Kriminalpolizei zu verschärfen. Die Nachtschließung sowie die Umrüstung der Geldautomaten werden sukzessive an allen Standorten umgesetzt. Dadurch schaffe man einerseits Abschreckung für die Diebe und andererseits Sicherheit für Kunden, Mitarbeitende und Bankgebäude. Gerhard Walthers Fazit: „Die Modernisierung der Hauptstelle Rothenburg war nicht geplant, aber wir haben das Beste aus der Situation gemacht. Ich bin überzeugt, dass wir stärker, engagierter und motivierter aus dieser Herausforderung hervorgehen werden.“

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