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Ein vertrauter, sozialer Ort mitten in der Stadt – das ist das Johannis Café in Dorfen. „Zu uns kommen 60- oder 70-Jährige genauso wie 18-Jährige – vielleicht zu unterschiedlichen Zeiten, aber sie kommen alle“, sagt Seppo Schmid. Das Café entstand in den 1980er-Jahren. Als der langjährige Betreiber altersbedingt nach einer Nachfolgelösung suchte, stand nicht nur ein gastronomischer Betrieb auf dem Spiel. Es ging um mehr: Die Menschen aus Dorfen im oberbayerischen Landkreis Erding sorgten sich, dass sie einen wichtigen Treffpunkt verlieren.

Das Café bietet nicht nur Speisen und Getränke an. Es bringt Menschen zusammen und übernimmt eine wichtige gesellschaftspolitische Rolle: „Im Johannis Café ist immer schon diskutiert worden – von Menschen mit ganz unterschiedlichen Weltanschauungen“, berichtet Schmid. „Diskussionen ergeben sich ganz von selbst, wenn man beieinandersitzt.“ So ist das Johannis Café für Dorfen zugleich vertrauter Anlaufpunkt und ein lebendiger Mittelpunkt.

Ein Café in Mitarbeiterhand

Als die Zukunft des Cafés auf dem Spiel stand, nahmen die Dorfener sie selbst in die Hand: 2019 gründeten engagierte Bürgerinnen und Bürger eine Genossenschaft, die das Johannis Café übernahm. 

Die späteren Genossenschaftsmitglieder kannten das Café gut. Während ihrer Schul-, Ausbildungs- oder Studienzeit hatten viele im Café gearbeitet. Seither sind sie dem Johannis Café eng verbunden und besuchen es immer noch regelmäßig. 

Aktuell hat die Genossenschaft 27 Mitglieder und setzt sich ausschließlich aus Personen zusammen, die entweder früher einmal oder heute im Café arbeiten. „Wir wollten unsere Arbeitsplätze erhalten – und zugleich eine Institution in Dorfen“, sagt Schmid. 

Gemeinsam mit Veronika Empl und Michael Göschl bildet Schmid heute das Vorstandsteam der Genossenschaft. Bei der Gründung konnten sie auf das gegenseitige Vertrauen zählen, das aus ihrer langjährigen Zusammenarbeit bereits vorhanden war. „Wir wussten, dass wir zusammenarbeiten können. Deshalb war für uns klar, dass eine Genossenschaft funktioniert“, sagt Schmid, der Vorstandsvorsitzende.

Johannis Café in Dorfen

Ehemalige und aktive Mitarbeitende des Cafés am Johannisplatz 4 in Dorfen haben 2019 eine Genossenschaft gegründet, um das Café weiterzuführen. 

Das Johannis Café hat werktags außer Montag von 18 bis 1 Uhr geöffnet. Am Samstag und Sonntag öffnet es erst um 14 Uhr. 

Weitere Informationen zum Johannis Café in Dorfen gibt es hier.

„Wenn wir uns nicht dazu entschieden hätten, das Café genossenschaftlich weiterzuführen, hätte Dorfen einen wichtigen Versammlungsort verloren“, sagt Schmid. Eine Gemeinschaft braucht einen Raum, einen sozialen Anker. 

Ein Dorf holt sich sein Wirtshaus zurück

Wie wichtig ein solcher Raum für das Zusammenleben sein kann, zeigt auch das Beispiel Pischelsdorf im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm. Dort stand die einzige Gastwirtschaft sogar 40 Jahre lang leer. Die Wirtin war verstorben, jahrzehntelang war ihr keiner nachgefolgt. Bis sich die Pischelsdorfer zusammentaten und das 150 Jahre alte Gebäude in Eigenregie wiederherrichteten. Seit 2023 nun hat die Fanni – benannt nach der letzten Wirtin –, das neue Dorfheim, jeden Freitag geöffnet. Außerdem gibt es nun im Ortskern wieder einen Veranstaltungsraum für Sitzungen, Hochzeiten, Vereinstreffen oder sonstige Ereignisse. 

Im Wechsel bewirtschaften die Pischelsdorfer ihr Dorfheim. Die Gründung einer Genossenschaft hat demnach auch in Pischelsdorf dazu beigetragen, dass die Bürgerinnen und Bürger ihr Wirtshaus, die Fanni, retten konnten und dadurch ihr Dorf beleben. Über die Rettungsaktion hat der Filmemacher Hubert Neufeld, der selbst aus Pischelsdorf stammt, einen Dokumentarfilm gedreht. „Profil“ hat mit dem Regisseur über diesen Dokumentarfilm für die Ausgabe 01/2025 gesprochen.

Das Dorfheim Fanni in Pischelsdorf

Die genossenschaftlich organisierte Gastwirtschaft „Fanni“ am St.-Michael-Weg 1 in Pischelsdorf ist ein Begegnungsraum für Jung und Alt. Die Fanni hat immer freitags geöffnet, aber die Räumlichkeiten stehen darüber hinaus für Feuerwehrstammtische, Kaffeekranzerl, Trauercafés oder Familienfeiern zur Verfügung.

Ende 2025 wurden die Pischelsdorfer mit dem bayerischen Staatspreis für „Dorferneuerung und Baukultur" ausgezeichnet. Die für die ländliche Entwicklung zuständigen bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber überreichte den mit 3.000 Euro dotierten Preis.  

In Neufelds Dokumentarfilm „Fanni“ kommt auch Gerhard Polt zu Wort. Das Wirtshaussterben beschäftigt den Kabarettisten nicht zuletzt deshalb, weil das Wirtshaus in seinem Werk eine zentrale Rolle spielt: „Im Wirtshaus spielt sich das echte Leben ab, in den Gaststuben sitzen Polts Protagonisten“, sagt Neufeld im Gespräch mit „Profil“.  Im Wirtshaus, so der Filmemacher, offenbare sich der Charakter eines Dorfs – und kaum jemand wisse das besser zu würdigen als Gerhard Polt. Polt vergleicht eine Gaststube mit dem Forum der Italiener, der Piazza – nur eben überdacht. Hier kann die Dorfgemeinschaft zusammenkommen.

„Wirtshaussterben? Wirtshausleben!"

Schon lange vor der Corona-Pandemie begann das Wirtshaussterben. Traditionsgasthäuser wurden nicht weitergeführt, weil sich der Betrieb womöglich nicht länger rentierte oder Wirtinnen und Wirte keinen Nachfolger fanden. 

Das Haus der Bayerischen Geschichte (HDBG) hat 2022 eine Ausstellung „Wirtshaussterben? Wirtshausleben!" entwickelt. Bereits seit Ende der 1960er-Jahre sei eine Abnahme klassischer bayerischer Wirtschaften zu beobachten. Die Ausstellung, die 52.275 Menschen in Bayern gesehen haben, zeigte auf, wie Dorfgemeinschaften ihren Mittelpunkt verloren haben, wenn Bürokratie, Personalmangel oder ein verändertes Freizeitverhalten Wirtinnen und Wirte zum Aufgeben bewegt haben. 

Die Ausstellung erkundete die Entwicklung von der römischen Taverne über das gemütliche Wirtshaus bis hin zum pompösen „Bierpalast“. Bayerische Brauereien machten die Wirtshauskultur um 1900 auf den Weltausstellungen international berühmt. Ebenso ging es in der Ausstellung um die Wirte, Kellnerinnen und Stammgäste.

Wirtshäuser als Orte der Begegnung

Der Verein zum Erhalt bayerischer Wirtshauskultur (VEBWK) zitiert auf seiner Webseite den Theologen Walter Friedberger, der in den 1990er-Jahren bereits feststellte: „Das Wirtshaus ist die Seele eines Ortes – und stirbt das Wirtshaus, stirbt auch der Ort.“ Seit 2007 setzt sich der VEBWK für den Erhalt der Wirtshauskultur im Freistaat ein. 

Wirtshäuser unter Druck

Die Gastronomie ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Bayern: Rund 317.800 Menschen sind in der Branche tätig, der Jahresumsatz lag 2024 bei knapp 14,7 Milliarden Euro. 

Doch die wirtschaftlichen Herausforderungen bleiben groß. Im Juli 2026 ging der reale Umsatz von Restaurants, Gaststätten und ähnlichen Betrieben gegenüber dem Vorjahr um 1,9 Prozent zurück. Im gesamten Gastgewerbe stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen 2025 sogar um 47,7 Prozent. (Quelle: Bayerisches Landesamt für Statistik)

Der VEBWK ist politischer Interessenvertreter für die Gastronomie, zugleich möchte er den Austausch zwischen Wirten, Gästen und Wirtshausfreunden fördern. Sein Ziel ist es, Wirtshäuser in ihrer Funktion als „Orte der Begegnung, des Miteinanders, der Geselligkeit und der Unterhaltung“ zu bewahren.

Wie sich dieser Anspruch in der Praxis mit Leben füllen lässt, zeigt das Johannis Café in Dorfen. Für Seppo Schmid ist dabei vor allem entscheidend, offen und vielseitig zu bleiben. „Wir bekommen immer wieder gesagt, dass es bei uns so schön unkompliziert zugeht“, sagt Schmid. Dass ihr Café eine soziale Funktion übernehmen kann, machen sie zum Beispiel daran fest, dass sie schon mehrfach nach Beerdigungen als Treffpunkt angefragt wurden. „Gerade bei Zusammenkünften wie nach einer Beerdigung merken wir, dass unsere unkomplizierte Atmosphäre den Menschen guttut“, sagt Schmid. 

Ohne besondere Erwartungen an Kleidung oder Verhalten sollen Gäste ins Johannis Café kommen können. „Wir freuen uns ebenso, Anlaufstelle für kommunalpolitisch engagierte Personen verschiedener Parteien nach deren Sitzungen zu sein“, fährt Schmid fort. „Bei uns geht es locker zu: Man kann laut lachen, Karten spielen und einfach so sein, wie man ist.“ 

Viele tragen, alle entscheiden

Die Gründung einer Genossenschaft stellt sich in Dorfen als ideale Lösung dar. Übernimmt eine Genossenschaft als Team einen gastronomischen Betrieb, verteilt sich die Führung des Betriebs auf mehrere Beteiligte. „Entscheidungen über Preise, Sortiment oder Veranstaltungen besprechen wir im Kollektiv – und im Zweifel stimmen wir demokratisch darüber ab“, erklärt der Vorstand. In der Praxis sei es meist so: „Wer gerade arbeitet, hat den Hut auf. Bei uns hat man mehr Freiheiten“, fasst Schmid zusammen und ergänzt: „Aber eben auch mehr Pflichten.“

Dass sich die Aufgaben eines gastronomischen Betriebs auf viele Schultern verteilen lassen, zeigt auch die Hammerner Dorfkneipe. Als das einzige Wirtshaus in Wölsauerhammer, einem Ortsteil von Marktredwitz, vor dem Aus stand, gründeten engagierte Bürgerinnen und Bürger eine Genossenschaft und übernahmen den Betrieb. 

Auch hier galt: Viele Schultern können mehr schultern. „Je mehr Leute, desto mehr Geld kommt in die Kassen“, sagte der langjährige Ortssprecher von Wölsauerhammer, Norbert Maiwald (siehe „Profil“-Artikel in der Ausgabe 06/2026). 

Die Projektinitiatoren stießen beim ersten Treffen auf großes Interesse, wie Maiwald erzählt: „An diesem Tag waren gleich 50, 60 Interessenten im Saal und haben sich die Informationen angehört. Ein Berater vom Genossenschaftsverband war auch dabei.“

Herz des Dorfs

„Was ist ein Dorf ohne Dorfkneipe? Sie gehört dazu wie das Blaukraut zum Sauerbraten.“ – So steht es auf der Webseite der genossenschaftlichen Hammerner Dorfkneipe eG. Sie hat von Donnerstag bis Samstag jeweils von 17 bis 23 Uhr geöffnet. 

In dem deutlich größeren Nachbarort Brand habe es einmal 14 Wirtshäuser gegeben, erzählt Norbert Maiwald, der Vorstand der Hammerner Dorfkneipe. „In jedem Dorf rundherum gab es eine oder zwei Wirtschaften, jetzt ist keine mehr da. Deshalb kommen die Leute aus den anderen Orten heute zu uns, weil die Hammerner Dorfkneipe das einzige Wirtshaus ist, wo man sich nach einer Beerdigung treffen oder einen Geburtstag feiern kann“, fährt Maiwald fort. 

Mitgestalten statt nur mitarbeiten

Die Bedeutung einer funktionierenden Kneipe für ein Dorf könne man gar nicht hoch genug einschätzen. Damit solche Einrichtungen dauerhaft bestehen, braucht es Menschen, die sich für ihren Erhalt einsetzen.

Das Johannis Café lebt vom Miteinander der Generationen – bei den Gästen ebenso wie im Team. Jüngere Mitarbeitende übernehmen häufig die späten und besonders arbeitsintensiven Wochenendschichten. Um die höhere Belastung angemessen zu vergüten, setzt das Café auf eine Umsatzbeteiligung: „Wer bei hohem Gästeaufkommen mehr Belastung hat, verdient entsprechend mehr“, erklärt Schmid.

Zugleich bietet der genossenschaftlich organisierte Betrieb den Mitarbeitenden mehr Gestaltungsspielraum als ein klassisch geführter Gastronomiebetrieb. „Wer hier arbeitet, ist Teil von etwas und gestaltet unser Café mit“, sagt Vorstandsvorsitzender Schmid. 

Grundlegende Entscheidungen stimmt das Team untereinander ab. Das stärkt die Identifikation mit dem Café, verlangt jedoch Zeit, Abstimmung und dauerhaftes Engagement. Schmid, der im Hauptberuf Diplom-Geograph ist, investiert nach eigener Schätzung rund 15 Stunden pro Woche in das Johannis Café. Im Vorstand ergänzen sich die Verantwortlichen mit unterschiedlichen Stärken: Während Schmid unter anderem organisatorische und kaufmännische Aufgaben übernimmt, kümmert sich seine Vorstandskollegin stärker um die tägliche Kontrolle und Abläufe im Café. „Wir ergänzen uns gut“, sagt der Vorstandsvorsitzende.

Das Engagement zahlt sich aus: Das Johannis Café ist fest im gesellschaftlichen Leben Dorfens verankert.

Ein fester Anker im Alltag

Ob Fanni, Hammerner Dorfkneipe oder Johannis Café: Alle drei können auf eine treue Stammkundschaft zählen. Diese Treue hält häufig auch dann an, wenn Gäste zeitweise wegziehen. „Selbst wenn einige unserer Gäste Dorfen für ein paar Jahre verlassen, um zum Beispiel zu studieren, kommen sie zurück: nach Dorfen und ins Johannis Café“, sagt Schmid.

Dass viele dem Café über Jahre verbunden bleiben, liegt auch an seiner Beständigkeit. Das Johannis Café hat nicht nur regelmäßig geöffnet, sondern schafft mit wiederkehrenden Veranstaltungen wie zum Beispiel dem Hausball zur Faschingszeit feste Termine, auf die sich viele jedes Jahr freuen. Darüber hinaus stellt das Johannis Café seine Wände für wechselnde Ausstellungen regionaler Kunstschaffender zur Verfügung. Bilder, Fotografien oder andere Werke bleiben jeweils mehrere Monate hängen und werden mit Informationen zu den Ausstellenden versehen.

Selbstorganisation und demokratisches Miteinander

Welche Wirkung das genossenschaftliche Modell über den einzelnen Betrieb hinaus entfalten kann, erläutert Thorsten Wiesel, Professor an der Universität Münster und Direktor des Instituts für Genossenschaftswesen. „Genossenschaften fördern Kooperation und Selbstorganisation auf lokaler Ebene“, sagt Wiesel. „Durch die gemeinsame Trägerschaft wirtschaftlicher Aktivitäten entstehen stabile Netzwerke zwischen Mitgliedern, Unternehmen und kommunalen Akteuren, die insbesondere in strukturschwächeren oder ländlichen Regionen zur Sicherung von Infrastruktur und Beschäftigung beitragen können.“

Cafés, Kneipen und Wirtshäuser ermöglichen damit gelebte Teilhabe. Menschen kommen miteinander ins Gespräch, begegnen unterschiedlichen Positionen und gestalten ihr unmittelbares Lebensumfeld. Schließen sie sich darüber hinaus zusammen, um solche Treffpunkte zu erhalten, wird aus Verbundenheit konkretes Engagement. „Beteiligung und Verantwortungsübernahme werden institutionell verankert und demokratische Entscheidungsprozesse praktisch eingeübt“, fasst Wiesel vom Institut für Genossenschaftswesen zusammen. 

Zusammenhalt braucht Engagement

Gemeinschaft funktioniert dann, wenn hinter den Kulissen alle an einem Strang ziehen. So berichtet Vorstand Seppo Schmid vom Johannis Café auch von der Kunst, die Schichten gerecht auf die Mitarbeitenden zu verteilen. „Wir müssen immer abwägen: Stellen wir mehr Mitarbeitende ein, bleiben weniger Schichten für die anderen. Gleichzeitig müssen alle Dienste besetzt sein“, sagt Schmid. „Anderswo entscheidet das ein Chef. Wir müssen im Team überlegen, die Personalplanung ist bei uns immer ein kollektiver Prozess.“

Dass im Johannis Café viele mitreden und sich einbringen, macht Abstimmungen bisweilen aufwendiger. Zugleich liegt genau darin die Stärke des genossenschaftlichen Modells: Entscheidungen werden gemeinsam getragen – ebenso wie die Arbeit, die nötig ist, um den Betrieb dauerhaft am Laufen zu halten.

Das gilt nicht nur für Dorfen: Auch die Fanni und die Hammerner Dorfkneipe zeigen, dass Wirtshauskultur dort eine Zukunft hat, wo Bürgerinnen und Bürger ihren Treffpunkt nicht als selbstverständliches Angebot betrachten, sondern selbst zu Gastgebern werden. So bewahren sie nicht nur gastronomische Angebote, sondern ein Stück gesellschaftliches Leben.

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