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Herr Neumaier, viele Wirtshäuser vor allem im ländlichen Raum schließen, weil ein Nachfolger fehlt, sich kein Personal mehr findet oder die behördlichen Auflagen als zu hoch empfunden werden. Wie beurteilen Sie das vielzitierte „Wirtshaussterben“ aus heimatpflegerischer Sicht?

Rudolf Neumaier: Es ist ein Drama, eine Tragödie, anders kann man es nicht bezeichnen. Mit jedem Wirtshaus, das schließt, geht ein Ort der Begegnung verloren, ein Sozial- und Kommunikationszentrum. Und damit meine ich weniger den geschniegelten Landgasthof als vielmehr den Dorfwirt, bei dem die Leut’ zusammenkommen und ratschen oder karteln. Stammtischwirte. Ein gigantischer Verlust an bayerischer Kultur.
 

Welche Konsequenzen hat es für eine Gemeinde und die Dorfgemeinschaft, wenn das letzte Wirtshaus schließt?

Neumaier: Ich antworte Ihnen mit einem Beispiel: Als ich mit meinen Spezln im März 2022 – Corona war gerade vorbei, Russland hatte gerade die Ukraine überfallen – bei unserem Wirt war, hörte ich am Nachbartisch in einer Runde älterer Herren einen Mann sagen: „Der Putin wird schon auch ein bisschen recht haben.“ Was glauben Sie, wie ihm die anderen da den Kopf gewaschen haben! Da war die reinigende Kraft des Wirtshauses zu spüren. Da war zu spüren, wie es ist, wenn sich Menschen in einem Präsenzdiskurs begegnen, statt sich auf sinisteren Internetkanälen verblöden zu lassen.


Inwiefern ist eine Dorfwirtschaft auch „Heimat“ für die Menschen vor Ort?

Neumaier: Der Wirt war der Ort, wo sich das Dorfleben abgespielt hat. Da waren die Vereine, da waren die Hochzeiten, da war der Leichenschmaus, da war der Alltag zentriert. Der Wirt war für alle da. Wie die Kirche. Allerdings, das darf man nicht ganz ausblenden, wurde beim Wirt auch gerauft und Existenzen wurden versoffen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, dem Wirtshaussterben auf dem Lande etwas entgegenzusetzen?

Neumaier: Die behördlichen Auflagen haben Sie schon angesprochen. Wenn ich bedenke, was der junge Wirt meines Stammlokals alles an Auflagen erfüllen und an Investitionen aufbringen musste, ehe er eröffnen durfte, machen diese Hürden die Gastronomie unattraktiv. Mein Wirt hat das Glück, dass er auf eine extrem tatkräftige Familie zählen kann. Wo sich kein Gastronom mehr findet, kommt es auf die Bürgerschaft selbst an. Da kommen dann Genossenschaften ins Spiel.

„Mich begeistern genossenschaftliche Initiativen, weil Gemeinsinn und Gemeinschaftsgeist den Begriff Heimat ganz entscheidend prägen.“

In Bayern gibt es eine ganze Reihe von Genossenschaften, die den Erhalt oder die Wiederbelebung der örtlichen Dorfwirtschaft zum Ziel haben. Beispiele sind die Dorfheim Fanni eG aus Pischelsdorf, die Hammerner Dorfkneipe eG aus Marktredwitz, die Furtnerbräu eG aus Freising oder die Zum Hirschen Großeibstadt eG. Wie bewerten Sie solche genossenschaftlichen Initiativen?

Neumaier: Olaf Heinrich, Vorsitzender des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege, hat als Bürgermeister von Freyung sogar eine ganze Brauerei mit Brauereigaststätte gerettet, indem er mit engagierten Bürgern eine Genossenschaft initiiert hat (Anmerkung der Redaktion: Siehe dazu auch den Beitrag in „Profil“-Ausgabe 8/2026). Mich als Heimatpfleger begeistern solche Initiativen, weil Gemeinsinn und Gemeinschaftsgeist in meinen Augen den Begriff Heimat ganz entscheidend prägen.

„Ich wünsche jedem Ort, der kein Wirtshaus und damit keine Heimatstube mehr hat, dass sich engagierte Bürgerinnen und Bürger finden, die das Heft in die Hand nehmen und eine Genossenschaft gründen.“

Was spricht aus Ihrer Sicht für die Rechtsform Genossenschaft, wenn es darum geht, die örtliche Dorfwirtschaft zu erhalten oder wiederzubeleben – und damit ein Stück Heimat?

Neumaier: Für Gemeinschaftsprojekte wie ein Wirtshaus ist die Rechtsform Genossenschaft geradezu ideal. Die Menschen werden mit den Anteilen, die sie erwerben, zu Miteigentümern. Sie übernehmen Mitverantwortung. Und wenn das Projekt einigermaßen erfolgreich läuft, gibt es möglicherweise eine Dividende auf die erworbenen Anteile. Ich wünsche jedem Ort, der kein Wirtshaus und damit keine Heimatstube mehr hat, dass sich engagierte Bürgerinnen und Bürger finden, die das Heft in die Hand nehmen und eine Genossenschaft gründen.

Eng mit der Gastronomie verbunden sind Brauereigenossenschaften. Teilweise haben diese Genossenschaften zum Ziel, alte lokale Brautraditionen wiederzubeleben oder zu erhalten, teilweise geht es darum, den Menschen vor Ort ein lokales Bier anbieten zu können. Beispiele hierfür sind die Braugenossenschaft Mainaschaff eG oder die Ottobräu eG aus Ottobrunn. Wie beurteilen Sie dieses genossenschaftliche Engagement – und was hat die Brauerei vor Ort mit Heimat zu tun?

Neumaier: Das Beispiel der Lang Bräu in Freyung habe ich schon erwähnt. Ähnliches ist mir in Oberhaching mit der dortigen Brauereigenossenschaft begegnet. Ein gemeinsam produziertes Erzeugnis wie Bier eignet sich perfekt, um Zusammenhalt und Gemeinsinn zu stärken. Wenn größere Brauereien klagen, ihr Absatz leide unter solchen Initiativen, kann ich sie mit dem alten Spruch „Konkurrenz belebt das Geschäft“ trösten.


Generell gefragt: Welche Grundvoraussetzungen braucht es für eine lebendige Heimat – und was können Genossenschaften dazu beitragen?

Neumaier: Was Genossenschaften für die Heimat zu leisten imstande sind, ergibt sich schon allein, wenn man sich das Wort „Genossenschaft“ genauer anschaut. Etymologisch betrachtet ist es mit dem Wort „genießen“ verwandt. Das bedeutete ursprünglich „gemeinsam Nutzen oder gemeinsam Genuss an etwas haben“. Lebendiger geht es wohl kaum. 

Welche Faktoren sehen Sie, die einem genossenschaftlichen Engagement zum Erhalt von Heimat gegebenenfalls auch Grenzen setzen können?

Neumaier: Wenn eine Genossenschaft solide vorbereitet und organisiert wird, wenn die Protagonisten durch Wertschätzung motiviert werden und wenn keine unvorhergesehenen Kosten hereinprasseln, gibt es wohl wenig, was sie erschüttern kann.


Abschließende Frage: In welchen Bereichen sehen Sie noch Potenzial für genossenschaftliches Engagement, um Heimat lebenswert zu gestalten?

Neumaier: Gerade im Bereich des Wohnungs- und Sozialwesens können Genossenschaften sehr wirkungsvoll sein. Da geht es zum Beispiel darum, auf genossenschaftlicher Basis betreuten Wohnraum für alte Menschen zu schaffen, damit sie auch im Alter in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können und nicht in ein weiter entferntes Altenheim ziehen müssen.

Herr Neumaier, vielen Dank für das Gespräch!

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