Ankerprodukt: Wo liegen die Stärken und Schwächen der Volks- und Raiffeisenbanken im Zahlungsverkehr? Welche Trends gibt es? Ein Bankvorstand und ein unabhängiger Experte schätzen die Lage ein.
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Ob beim Bäcker, im Restaurant oder beim Friseur: An der Kasse beginnt bisweilen eine Grundsatzdebatte. Hier wird ausschließlich Bargeld angenommen, dort ist nur noch Kartenzahlung möglich. Die einen sehen darin den Anfang vom Ende des Bargelds. Die anderen halten Scheine und Münzen längst für ein Relikt aus vergangenen Zeiten.
Beide Positionen überzeichnen die Wirklichkeit. Beim Bezahlen geht es nicht um eine Richtungsentscheidung zwischen Tradition und Fortschritt. Es geht darum, dass Menschen die Möglichkeit haben, so zu bezahlen, wie es für sie am besten passt.
Genau dafür will die Politik nun einen klareren Rahmen schaffen. Die Bundesregierung plant, Unternehmen mit Geschäft vor Ort dazu zu verpflichten, neben Bargeld mindestens eine digitale Zahlungsmöglichkeit anzubieten. Gleichzeitig arbeitet die Europäische Union daran, die Akzeptanz von Bargeld und den Zugang zu Scheinen und Münzen rechtlich abzusichern. Beide Vorhaben sind noch nicht geltendes Recht. Sie weisen aber in die richtige Richtung: Bargeld und digitale Zahlungen sollen im Alltag gleichberechtigt nebeneinanderstehen.
Von einer Abschaffung des Bargelds kann keine Rede sein
Damit gewinnt die Diskussion an Klarheit. Wer digitales Bezahlen stärkt, schafft das Bargeld nicht ab. Und wer den Zugang zu Bargeld sichert, stellt sich nicht gegen technischen Fortschritt. Die rechtliche Gleichstellung beider Zahlungsformen ist vielmehr eine vernünftige Antwort auf eine zunehmend aufgeladene Debatte.
Bargeld bleibt unverzichtbar. Es schützt die Privatsphäre, ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe und funktioniert auch dann, wenn technische Systeme, Stromversorgung oder digitale Netze ausfallen. Deshalb ist es richtig, seine Akzeptanz und Verfügbarkeit dauerhaft zu sichern.
Bargeld schützt die Privatsphäre, ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe und funktioniert auch dann, wenn digitale Netze ausfallen. Foto: mauritius images / Westend61 / Arman Zhenikeyev
Genauso selbstverständlich gehören digitale Bezahlverfahren inzwischen zum Alltag. Karte, Smartphone und europäische Lösungen wie Wero stehen für Komfort, Schnelligkeit und Innovation. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken bieten ihren Kundinnen und Kunden moderne Karten, mobiles Bezahlen und leistungsfähige digitale Zugangswege. Zugleich sichern sie vielerorts weiterhin den Zugang zu Bargeld.
Das ist kein Widerspruch. Es entspricht vielmehr dem genossenschaftlichen Selbstverständnis: moderne digitale Leistungen anbieten und zugleich persönlich und regional erreichbar bleiben.
Die Politik setzt den Rahmen, der Markt entscheidet
Die Aufgabe des Gesetzgebers besteht darin, verlässliche Spielregeln zu schaffen. Wenn Bargeld und digitale Bezahlmöglichkeiten rechtlich auf eine vergleichbare Grundlage gestellt werden, entsteht neue Entscheidungssicherheit. Kunden wissen, dass ihnen grundsätzlich beide Wege offenstehen. Händler erhalten einen klaren Rahmen. Banken und Zahlungsdienstleister können ihre Angebote langfristig planen.
„Welche Bezahlform Menschen tatsächlich nutzen, muss nicht politisch gesteuert werden.“
Damit sollte sich der Staat jedoch begnügen. Welche Bezahlform Menschen tatsächlich nutzen, muss nicht politisch gesteuert werden. Darüber entscheiden Komfort, Sicherheit, Kosten und persönliche Vorlieben. Kurz gesagt: Darüber entscheidet der Markt.
Die Entwicklung wird ohnehin nicht überall gleich verlaufen. Der Wochenmarkt stellt andere Anforderungen als der Onlinehandel, ein Gasthaus auf dem Land andere als ein Geschäft in der Münchner Innenstadt. Manche Menschen greifen lieber zu Scheinen und Münzen, andere zur Karte oder zum Smartphone. Diese Unterschiede sind kein Problem, das der Staat lösen muss. Sie sind Ausdruck individueller Bedürfnisse.
Wettbewerb und Wahlmöglichkeiten bringen bessere Ergebnisse hervor als politische Vorgaben, die eine bestimmte Zahlungsart bevorzugen. Der Staat sollte deshalb weder Bargeld künstlich zurückdrängen noch digitale Verfahren ausbremsen.
Beides gibt es nicht zum Nulltarif
Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Die gewünschte Vielfalt kostet Geld. Bargeld muss ausgegeben, transportiert, gelagert und geschützt werden. Geldautomaten müssen betrieben, befüllt und gegen Angriffe gesichert werden. Filialen benötigen Sicherheitstechnik, Bargeldbestände müssen versichert werden. Besonders im ländlichen Raum ist diese Infrastruktur aufwendig.
Gleichzeitig wird sie weniger intensiv genutzt. Bei den bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken sank die Zahl der Bargeldabhebungen von 96 Millionen im Jahr 2019 auf 72 Millionen im Jahr 2024. Die Fixkosten der Infrastruktur verschwinden dadurch jedoch nicht.
Digitales Bezahlen ist nicht kostenlos. Technische Infrastruktur muss aufgebaut, geschützt und permanent weiterentwickelt werden. Foto: mauritius images / Westend61 / cocoon studio
Auch digitales Bezahlen ist nicht kostenlos. Terminals, technische Systeme, Autorisierung, Abrechnung und Betrugsprävention müssen aufgebaut, geschützt und permanent weiterentwickelt werden. Sichere und komfortable Zahlungen setzen leistungsfähige Infrastrukturen voraus.
Deshalb wäre es falsch, zunächst die Bereitstellung verschiedener Bezahlmöglichkeiten gesetzlich einzufordern und anschließend die Preise für die dazugehörigen Leistungen politisch begrenzen zu wollen. Wer Infrastruktur verlangt, muss auch akzeptieren, dass deren Betrieb wirtschaftlich tragfähig sein muss. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Angebote eingeschränkt werden oder Investitionen ausbleiben.
Wahlfreiheit braucht wirtschaftliche Vernunft
Die geplante Gleichstellung von Bargeld und digitalen Bezahlverfahren schafft Orientierung. Sie nimmt zugleich jenen Befürchtungen den Boden, nach denen das Bargeld schleichend abgeschafft werden soll. Davon kann keine Rede sein. Bargeld bleibt bestehen, digitale Lösungen kommen hinzu.
„Der Staat muss nicht vorgeben, wie die Menschen bezahlen. Er muss dafür sorgen, dass sie entscheiden können.“
Damit ist der richtige Rahmen gesetzt. Alles Weitere sollten Kundinnen und Kunden, Händler, Banken und Zahlungsdienstleister unter fairen Wettbewerbsbedingungen miteinander aushandeln. Der Staat muss nicht vorgeben, wie die Menschen bezahlen. Er muss dafür sorgen, dass sie entscheiden können.
Die Volksbanken und Raiffeisenbanken stehen für beide Zahlungswelten. Sie sichern den Zugang zu Bargeld und treiben zugleich moderne, sichere und europäische Bezahllösungen voran. Damit dieses Nebeneinander dauerhaft funktioniert, braucht es jedoch kostendeckende Konditionen, fairen Wettbewerb und möglichst wenig zusätzliche Bürokratie.
Denn am Ende gilt: Wahlfreiheit gibt es nicht zum Nulltarif. Wer Bargeld und digitale Bezahlmöglichkeiten gleichermaßen erhalten will, muss auch bereit sein, die notwendige Infrastruktur wirtschaftlich zu ermöglichen.
Stefan Müller ist Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern.
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