„Die Krönung der Raiffeisenvereine ist und bleibt das genossenschaftliche Lagerhaus. Haben ja doch die Raiffeisenvereine in erster Linie die Aufgabe, die Landwirte genossenschaftlich zu schulen, die nötigen Kapitalien zu liefern, kurz das starke Fundament zu bilden, auf dem sich die Lagerhäuser erheben und bestehen können. Und so ist es denn für einen Raiffeisenverein, in dem der Bauer Gelegenheit finden soll, seine Ackerprodukte zu einem befriedigenden Preise abzusetzen beziehungsweise zu kaufen, ohne erst mit Aufwand von Zeit und Geld die Schranne besuchen zu müssen, eine der ersten Förderungen, ein Lagerhaus zu besitzen.“
Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Für den Genossenschaftspionier Friedrich Wilhelm Raiffeisen gehörten Geld- und Warengeschäft von Anfang an untrennbar zusammen. In seiner Vision einer starken Organisation zur Befreiung der Landwirte aus wirtschaftlicher Not waren die Spar- und Darlehenskassen nur ein Baustein eines komplexeren Systems. Erst die Verbindung mit dem Warengeschäft sollte die Bauern in die Lage versetzen, durch zinsgünstige Kredite und den gebündelten Ein- und Verkauf landwirtschaftlicher Produkte ihre Höfe zu modernisieren und Abhängigkeiten zu beenden.

Um seine Ziele zu erreichen, trieb Raiffeisen auch die Gründung einer Zentralorganisation voran: Sie sollte die Arbeit der Primärgenossenschaften vor Ort fördern, übergeordnete Interessen bündeln und überall dort Hilfestellung leisten, wo die Spar- und Darlehenskassenvereine alleine nicht weiterkamen. 1877 rief Raiffeisen in seiner Heimat Neuwied den „Anwaltschaftsverband ländlicher Genossenschaften“ und die „Landwirtschaftliche Central-Darlehenskasse“ ins Leben. Die erste Warenzentrale „Raiffeisen & Cons.“ folgte 1881. Damit war die Raiffeisen-Organisation in der Lage, die Primärgenossenschaften beim Aufbau einer Warenvermittlung zugunsten ihrer Mitglieder strukturiert zu unterstützen.

Modernisierungsdruck in der Landwirtschaft

Das war dringend erforderlich, denn die Not der Bauern wurde in den 1870er Jahren immer größer. Auslöser war ein Strukturwandel enormen Ausmaßes, der auch den ländlichen Raum erfasste und rasch voranschritt. Die Landwirtschaft musste mit dem Bevölkerungswachstum und der aufstrebenden Industrie im damaligen deutschen Kaiserreich Schritt halten und ihren Ressourcenhunger stillen. Ein weiterer Treiber des Strukturwandels waren neue Entwicklungen im Agrarbereich, zum Beispiel der zunehmende Einsatz von Arbeitsmaschinen und Kunstdünger.

Um die steigende Nachfrage zu decken, mussten die Bauern ihre Landwirtschaft intensivieren und vor allem modernisieren. Doch Maschinen, Kunstdünger und Kraftfutter für die Tiere waren teuer und erforderten viel Betriebskapital, das die Landwirte kaum aufbringen konnten. Gleichzeitig waren sie gezwungen, ihr Getreide zu schlechten Konditionen zu verkaufen, weil zunehmend ausländisches Korn vor allem aus Österreich-Ungarn und Amerika die Märkte überschwemmte. Das war besonders schmerzhaft, weil der Getreideanbau rund ein Drittel der gesamten Agrarfläche beanspruchte und damit eine besonders wichtige Einnahmequelle war. In der Folge gerieten die Landwirte in ganz Deutschland und auch in Bayern immer mehr in Not, weil die Produktionskosten die Erlöse oft um ein Vielfaches überstiegen. 

1879 besserte sich die Lage für die Landwirte, weil das Kaiserreich Schutzzölle auf die Einfuhr von Getreide erhob. Doch das war nur von kurzer Dauer. 1892 senkte Reichskanzler Leo von Caprivi die Zölle wieder, die Lage verschlimmerte sich daraufhin. In Bayern fielen zudem zwischen 1893 und 1897 die Ernten schlecht aus. Vor diesem Hintergrund gewannen die An- und Verkaufsgenossenschaften, deren Aufgabe der gemeinsame Bezug von Produktionsmitteln und der gebündelte Verkauf der landwirtschaftlichen Erzeugnisse war, immer mehr an Gewicht. Die genossenschaftlich organisierte Warenwirtschaft erhielt eine strategische Bedeutung, um den Bauernstand zu erhalten und die Modernisierung der Höfe voranzutreiben.

Bayerischer Landesverband leistet Hilfe

Mit der Gründung des Bayerischen Landesverbandes landwirtschaftlicher Darlehenskassenvereine 1893 – dem ersten Vorläufer des GVB – entstand auch in Bayern eine zentrale Koordinationsstelle für die Warenwirtschaft. Von Anfang an diente die Zeitschrift „Verbandskundgabe“ als Plattform, um allen Mitgliedern Kaufgesuche sowie Verkaufsangebote für landwirtschaftliche Produkte in den verschiedenen Regionen zugänglich zu machen. Zusätzlich vermittelte der Verband Fachwissen zu neuen Produktionsmitteln und Anbautechniken sowie zur Verwaltung und Buchführung von Genossenschaften. Damit übernahm der Landesverband eine tragende Rolle bei der Förderung der An- und Verkaufsgenossenschaften und später auch beim Aufbau der genossenschaftlich geführten Lagerhäuser.

Werbeplakate der Raiffeisen-Lagerhäuser.
Auf Werbeplakaten betonte der Raiffeisen-Warenhandel in den 1950er Jahren seine Stärken. Dazu gehören der zentrale Vertrieb von landwirtschaftlichen Produktionsmitteln wie Saatgut, …
Werbeplakate der Raiffeisen-Lagerhäuser.
Futtermitteln, ...
Werbeplakate der Raiffeisen-Lagerhäuser.
Pflanzenschutzmitteln sowie…
Werbeplakate der Raiffeisen-Lagerhäuser.
… die Weiterbildung der Landwirte zu neuen Produkten und Entwicklungen.

Auch die damalige bayerische Staatsregierung wusste um die Bedeutung des Raiffeisen-Warenhandels für den Absatz landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Sie erkannte das Engagement des Landesverbands und der Genossenschaften vor Ort an, indem sie den Aufbau von Raiffeisen-Lagerhäusern für die bayerischen Landwirte unterstützte.

Abhängig von den wirtschaftlichen Verhältnissen vor Ort und der zu erwartenden Rentabilität des Raiffeisen-Warenbetriebs förderte der Staat den Bau von Lagerhäusern mit Zuschüssen und kurzfristigen Vorschüssen zu sehr niedrigen Zinssätzen. Dabei knüpfte die damalige Regierung die Unterstützungsleistungen an einige Bedingungen: So sollte das Lagerhaus nicht nur den Mitgliedern der betreffenden Genossenschaft offenstehen, sondern gegen eine angemessene Gebühr auch anderen Landwirten der Umgebung. Weiterhin musste das Gebäude gegen Feuergefahr versichert und mit passenden Anlagen zur Reinigung und Sortierung von Getreide ausgestattet werden. Die wirtschaftlichen Verhältnisse des Lagerhauses waren durch Statuten zu regeln.

Kostenlose Bauplätze an Eisenbahnstrecken

Dafür stellte der Staat bis auf Widerruf unentgeltlich Bauplätze an Eisenbahnstrecken zur Verfügung. Zudem unterstützte er den Bau von Anschlussgleisen zu den Lagerhäusern, um den An- und Abtransport der landwirtschaftlichen Produkte auf der Schiene zu erleichtern. So entstanden in Bayern bis zum Jahr 1900 insgesamt 29 Lagerhäuser mit Bahn-Anschluss.

Darüber hinaus förderte der Staat den Absatz von Getreide an die örtlichen Proviantämter, die für die Verpflegung der königlichen Truppen mit Nahrungsmitteln und Pferdefutter zuständig waren. Die landwirtschaftlichen Erzeuger sollten ihre Produkte möglichst an diese Ämter verkaufen. Auch das Kriegsministerium als oberste Behörde der bayerischen Armee deckte seinen Bedarf an Futterhafer bei den landwirtschaftlichen Lagerhäusern.

Bis 1900 entstehen 65 Lagerhäuser

1895 nahm der Darlehenskassenverein im oberfränkischen Stammbach das erste bayerische Raiffeisen-Lagerhaus in Betrieb. 1900, also nur fünf Jahre später, gab es in Bayern bereits 65 genossenschaftlich geführte Einrichtungen dieser Art. Im Laufe der Zeit entwickelten sich aus den gesammelten Erfahrungen heraus verschiedene Lagerhaustypen, abhängig von den örtlichen Bedingungen und der landwirtschaftlichen Spezialisierung der Mitglieder. Auch hier übernahm der Landesverband eine entscheidende Rolle bei der Wissensvermittlung und der Kontrolle, indem er die Genossenschaften vor Ort beriet und Fachliteratur publizierte. Außerdem förderte der Verband die Qualifikation der Landwirte durch den Aufbau eigener Bildungseinrichtungen.

Der Raiffeisen-Warenhandel heute

Landwirtschaft und Raffeisen-Warenhandel arbeiten in Bayern auch heute noch Hand in Hand. So handeln die 88 Raiffeisen-Unternehmen mit Warengeschäft rund ein Viertel der im Freistaat vermarkteten Getreideernte. Rund 2.100 Mitarbeiter betreuen 296 Lagerstellen in Bayern. Damit bietet der Raffeisen-Warenhandel ein flächendeckendes Netz an Anlaufpunkten für die Landwirte. 2017 erwirtschafteten alle bayerischen Raiffeisen-Warengesellschaften zusammen einen Umsatz von knapp 1,2 Milliarden Euro.

Dr. Silvia Lolli Gallowsky ist Geschäftsführerin des Historischen Vereins Bayerischer Genossenschaften.

Artikel lesen
Zeitgeschehen