Impuls: Finanzielle Kenntnisse sollte jungen Menschen bereits in der Schule vermittelt werden, sagt GVB-Präsident Stefan Müller.
Wie sorge ich finanziell für das Alter vor? Was versteht man unter Inflation? Viele Menschen in Deutschland können solche Fragen nur unzureichend oder gar nicht beantworten. Vor allem junge Menschen, Frauen, Personen mit Migrationshintergrund sowie Menschen mit niedrigem Bildungsstand schneiden im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt bei Finanzkenntnissen häufig schlechter ab. Nur: Woher sollen sie es wissen? Finanzbildung erfährt in Deutschland aktuell zwar viel Aufmerksamkeit, aber in der Praxis kommt davon zu wenig an. In den Schulen spielen Finanzthemen eine untergeordnete Rolle, weitere Akteure wie etwa Stiftungen oder private und öffentliche Träger können den Bedarf an Finanzbildung bei Weitem nicht abdecken.
Orientierung in einer komplexen Finanzwelt
Dr. Gerhard Walther ist Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Mittelfranken sowie Verbandsratsvorsitzender und ehrenamtlicher Verbandspräsident des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB). Foto: GVB
Dabei ist Finanzbildung eine Schlüsselkompetenz für ein selbstbestimmtes Leben, wie Gerhard Walther betont. „Wer grundlegende Zusammenhänge zu Geld, Sparen, Investieren oder Krediten versteht, kann bessere Entscheidungen treffen. Für sich persönlich, für seine Familie und sein Unternehmen“, sagt der Vorstandsvorsitzende der VR-Bank Mittelfranken Mitte sowie ehrenamtliche Verbandspräsident des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB). Gerade in einer zunehmend komplexen Finanzwelt mit digitalen Angeboten, neuen Anlageformen und wirtschaftlichen Unsicherheiten sei Orientierung wichtiger denn je.
Finanzbildung sei auch Standortpolitik, findet Walther. „Sie ist ein entscheidender Baustein für wirtschaftliche Stabilität, Innovationskraft und nachhaltigen Wohlstand in unserem Land.“ Gerade in Bayern mit seiner mittelständisch geprägten Wirtschaft sei das entscheidend: „Viele Unternehmen werden von Familien geführt oder gegründet. Wer früh lernt, mit Geld und Risiken verantwortungsvoll umzugehen, schafft dafür die Grundlagen.“ Ein starker Wirtschaftsstandort brauche Menschen, die wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen und verantwortungsvoll handeln. „Finanzbildung trägt dazu bei, Unternehmergeist zu fördern, Investitionsentscheidungen fundierter zu treffen und wirtschaftliche Chancen zu erkennen“, sagt der Bankvorstand.
Finanzbildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Auch der GVB will das Thema voranbringen. „Finanzielle Bildung ist eine Investition in die Zukunft. Sie stärkt junge Menschen in ihrer Entscheidungsfähigkeit, beugt Überschuldung vor und fördert private Vorsorge. Vor allem aber schafft sie Selbstvertrauen im Umgang mit Geld“, betont GVB-Präsident Stefan Müller (siehe dazu auch seine Kolumne „Impuls" in „Profil" 03/2026). Dennoch komme sie im schulischen Alltag bislang zu kurz. „Das ist ein Befund, den wir seit Jahren kennen. Und den wir uns nicht länger leisten können.“ Müller appelliert deshalb an die Politik, aber auch an die bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken, sich über das bestehende Maß hinaus für Finanzbildung zu engagieren. „Unterstützen wir gemeinsam Initiativen zur finanziellen Bildung. Bringen wir unsere Erfahrung, unser Wissen und unsere Haltung ein. Denn finanzielle Bildung ist nicht nur ein bildungspolitisches Thema. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – und eine, bei der die genossenschaftliche Idee ihre ganze Stärke entfalten kann.“
Viele Volks- und Raiffeisenbanken bieten Finanzbildung an
Die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken nehmen diesen Auftrag ernst. Viele nutzen die Finanzbildungsangebote der genossenschaftlichen Finanzgruppe (siehe Kasten), werden aber auch selbst kreativ. „Profil“ hat verschiedene Beispiele zusammengetragen. Die Raiffeisenbank Straubing etwa hat einen Finanzführerschein entwickelt, der Kindern und Jugendlichen spielerisch Finanzwissen vermitteln soll. Neu ist die App ubiMaster Finance. Die Raiffeisenbank im Donautal hat bereits erste Erfahrungen mit der Anwendung gesammelt und will sie schon bald allen im Geschäftsgebiet ansässigen Anwohnern probeweise zur Verfügung stellen.
Initiativen zur Finanzbildung in der genossenschaftlichen Finanzgruppe
MoneyCoaster von Union Investment
MoneyCoaster ist das praxisnahe Finanzbildungsprogramm von Union Investment, mit dem Bankberater Schülern finanzielle Grundkenntnisse altersgerecht vermitteln können. Seit dem Schuljahr 2025/2026 ergänzt ein neues Aufbaumodul für die Klassen 8 bis 11 das bestehende Basismodul (Klassen 7 bis 10). Während das Basismodul Grundlagen wie Geld, Sparen und digitales Bezahlen lehrt, fokussiert das Aufbaumodul den Einstieg ins Berufsleben. Die Module sind unabhängig voneinander nutzbar und bereiten Jugendliche praxisnah auf den eigenverantwortlichen Umgang mit Geld vor. Union Investment bietet den Volks- und Raiffeisenbanken zur Unterstützung ein kompaktes Paket an Unterrichtsmaterialien. Auf diese Weise bleibt der Aufwand für die Banken überschaubar und gleichzeitig wird ein didaktisch einwandfreier Unterricht sichergestellt. Alle Inhalte gibt es nach Anmeldung in der InvestmentWelt.
Stiftung Deutschland im Plus
Die Stiftung Deutschland im Plus wurde 2007 von der TeamBank gegründet. Sie engagiert sich für Überschuldungsprävention und finanzielle Bildung in Deutschland. Ziel ist es, Menschen frühzeitig zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Geld zu befähigen. Ein besonderer Fokus liegt auf Prävention und früher Aufklärung. Die Stiftung bietet unter anderem das Unterrichtsmodul „Money & me“ sowie die Plattform „MyMoneyCamp“ an. Diese richten sich an Jugendliche und junge Erwachsene und sind praxisnah sowie lebensweltorientiert gestaltet. „Money & me“ ist ein modulares, pädagogisch geprüftes und werbefreies Bildungsangebot für Jugendliche ab der 8. Klasse. Es unterstützt Lehrkräfte bei der finanziellen Bildung im Unterricht. Zu den Themen zählen unter anderem Budgetplanung, Kostenfallen und Kaufverhalten, Bezahlverfahren, erste eigene Wohnung, Schulden und Überschuldung, Anlage und erste Ausbildung. Die Plattform „MyMoneyCamp“ bietet multimediale Unterrichtsmaterialien rund um das Thema Finanzen. Gedacht ist sie für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler gleichermaßen. Mit der kostenlosen Budgetplaner-App „Mein Budget – Ausgaben im Griff“ behalten junge Menschen ihre Ausgaben im Blick.
Schulserviceportal „Jugend und Finanzen“
Das Schulserviceportal „Jugend und Finanzen“ der Volksbanken und Raiffeisenbanken gibt Lehrerinnen und Lehrern von Grund- und weiterführenden Schulen regelmäßig Arbeitsmaterial zu Finanzthemen an die Hand. Ob Geldanlage, Kreditvergabe oder Zahlungsverkehr: Wichtige Fachbegriffe werden zum Beispiel im Glossar „Finanzen A bis Z“ erklärt und Fragen rund um die Finanzbildung beantwortet. Auch Eltern finden wertvolle Tipps dazu, wie sie ihren Kindern schon früh einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld vermitteln können. Um Fragen rund um die Themen Geld und Finanzen unterhaltsam zu vermitteln, bietet das Schulserviceportal zudem zwei verschiedene Videoformate an: Die Formatreihe „Auf die Schnelle“ besteht aus rund 30-sekündigen Videos, in denen Botschafterinnen und Botschafter des „next“-Azubinetzwerks der Volksbanken und Raiffeisenbanken zu Wort kommen. In einer zweiten Videoserie erläutern Erklärvideos wirtschaftliche Zusammenhänge und Wissenswertes zum Umgang mit Geld. Alle Videos lassen sich als Ergänzung zu den Arbeitsblättern des Portals einsetzen. Verantwortet wird das Portal vom Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR).
Verantwortungsvollen Umgang mit Geld fördern
Auch die VR-Bank Mittelfranken Mitte engagiert sich seit vielen Jahren für Bildungs- und Finanzkompetenz in ihrer Region. „Unser Ziel ist es, Finanzwissen früh zu vermitteln und praxisnah erlebbar zu machen“, sagt Vorstandsvorsitzender Gerhard Walther. Die Bank nutzt dafür Initiativen wie „Jugend und Finanzen“, um das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge und einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld zu fördern. Beraterinnen und Berater der Bank besuchen außerdem regelmäßig und kostenfrei Schulen, um Finanzthemen direkt und verständlich zu erklären. Um das allgemeine Bildungsniveau zu fördern, bieten die Bank jungen Menschen, die ein Konto bei der Genossenschaftsbank haben, kostenfrei die Nachhilfe-App ubiMaster an (mehr zur Kooperation der bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken mit ubiMaster in den „Profil“-Ausgaben 01/2024 und 10/2024.
Finanzbildung stärker im Lehrplan verankern
Die Finanzbildungsangebote der Volks- und Raiffeisenbanken werden von den Nutzerinnen und Nutzern sehr wertgeschätzt, sind aber angesichts des großen Bedarfs nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Walther wünscht sich deshalb mehr Unterstützung aus der Mitte der Gesellschaft. „Finanzbildung sollte stärker und verbindlicher in den Lehrplänen verankert werden. Zugleich braucht es eine breite Zusammenarbeit: Schulen, Banken, Wirtschaft und Politik sollten gemeinsam daran arbeiten, Finanzwissen verständlich und zugänglich zu machen.“ Digitale Lernangebote, praktische Beispiele aus dem Alltag und der Austausch mit Expertinnen und Experten könnten hier viel bewirken. „Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Veränderungen gilt: Wer Finanzkompetenz stärkt, stärkt auch die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.“
OECD fordert nationale Finanzbildungsstrategie
In der Politik gibt es verschiedene Initiativen für eine bessere Finanzbildung auf internationaler Ebene, in Europa, im Bund und auch in Bayern. Im Mai 2024 forderte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer Studie zur Finanzbildung in Deutschland den Bund auf, das Finanzkompetenzniveau der Menschen in Deutschland zu steigern und eine nationale Finanzbildungsstrategie einzuführen. Finanzkompetenzen müssten laut der Studie insbesondere in folgenden Bereichen gestärkt werden:
- Langfristiges Sparen und Altersvorsorge: Nur 52 Prozent der Erwachsenenbevölkerung im Erwerbsalter sind von ihren Finanzplänen fürs Alter überzeugt und nur etwa die Hälfte verfügt über eine betriebliche Alterssicherung oder private Altersvorsorgeprodukte.
- Beteiligung am Kapitalmarkt: Fast 90 Prozent der Erwachsenen in Deutschland legen aktiv Geld zurück, aber nur 18 Prozent verfügen über Anlageprodukte.
- Verantwortungsvolle Kreditnutzung: Obwohl sich viele Finanzbildungsprogramme dem Thema Kredite widmen, haben 2022 in Deutschland fast 600.000 Menschen eine Schuldenberatung in Anspruch genommen.
- Sichere Nutzung digitaler Finanzdienstleistungen: Weniger als die Hälfte der Erwachsenenbevölkerung in Deutschland fühlt sich sicher im Umgang mit digitalen Finanzdienstleistungen und 7 Prozent wurden bereits Opfer von Finanzbetrug oder Scams.
- Umsetzung von Nachhaltigkeitspräferenzen: 65 Prozent der Erwachsenen haben von nachhaltigen Geldanlagen gehört, aber nur 15 Prozent verfügen selbst über solche Finanzprodukte.
Die damalige Ampelkoalition zeigte sich offen für die Vorschläge der OECD. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Bundesministerium der Finanzen starteten dazu noch vor Publikation der OECD-Studie die Initiative Finanzielle Bildung. Eckpunkte sind die Erarbeitung einer nationalen Finanzbildungsstrategie, der Aufbau einer Finanzbildungsplattform und die Förderung von Forschung zu finanzieller Bildung. Nach dem Regierungswechsel im Bund blieb ein Gesetzentwurf dazu erstmal liegen, er soll aber wieder aufgegriffen werden.
OECD-Studie: Finanzkompetenz verbessert die individuelle Finanzlage und stärkt die Wirtschaft
„Die Analyse zeigt, dass Finanzkompetenz die individuelle Finanzlage tatsächlich verbessern und zum finanziellen Wohlergehen der Menschen in Deutschland beitragen kann. Nach Berücksichtigung soziodemografischer Merkmale sind Erwachsene mit hoher Finanzkompetenz mit 80 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit von ihren Finanzplänen fürs Alter überzeugt, verfügen mit 70 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit über Altersvorsorgeprodukte und tätigen mit 120 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit Kapitalanlagen. Wären solche Einstellungen und Verhaltensweisen in Deutschland in der Bevölkerung weiter verbreitet, käme dies auch der deutschen Wirtschaft insgesamt zugute. Die Entwicklung der Kapitalmärkte würde gefördert und die wirtschaftliche Widerstandskraft gestärkt.“
EU-Strategie zur Förderung der Finanzkompetenz
Im September 2025 stellte auch die EU-Kommission ihren Vorschlag für eine EU-Strategie zur Förderung der Finanzkompetenz vor. „Finanzkompetenz ist eine grundlegende Lebenskompetenz“, heißt es dort. Sie befähige Menschen dazu, gesunde Finanzpraktiken anzuwenden. Dazu gehörten eine wirksame Haushaltsplanung, fundierte Spar- und Anlageentscheidungen, eine angemessene langfristige Finanzplanung einschließlich Altersvorsorge und verantwortungsbewusstes Schuldenmanagement. „Durch den Aufbau solider Finanzgewohnheiten können Einzelpersonen und Haushalte ihre finanzielle Widerstandsfähigkeit verbessern, was zu größerer wirtschaftlicher Stabilität und einem geringeren Risiko von Überschuldung führt. Finanzkompetenz ist daher unerlässlich, damit die Bürgerinnen und Bürger ihre finanzielle Unabhängigkeit und ihr finanzielles Wohlergehen sichern können“, betont die EU-Kommission in dem Papier.
Für die EU-Beamten in Brüssel ist eine bessere Finanzbildung Teil der geplanten Spar- und Investitionsunion (SIU), um die Kapitalmärkte zu stärken. Das übergeordnete Ziel der EU-Strategie zur Förderung der Finanzkompetenz besteht laut EU-Kommission darin, „die Bürgerinnen und Bürger in die Lage zu versetzen, fundierte Entscheidungen bezüglich ihrer persönlichen Finanzen zu treffen, und um ihre Beteiligung an den Kapitalmärkten auf einer sicheren und soliden Grundlage zu erleichtern“.
Finanzielle Bildung an allen Schulen in Bayern stärken
Im Freistaat schließlich ergriff schließlich eine Gruppe junger Landtagsabgeordneter die Initiative und stellte im Bayerischen Landtag einen Antrag, in dem die Staatsregierung aufgefordert wird, die finanzielle Bildung an allen Schularten im Freistaat deutlich zu stärken. „Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler frühzeitig zu einem verantwortungsbewussten und reflektierten Umgang mit Geld, Konsum und Vermögensbildung zu befähigen. Finanzielle Bildung soll deshalb als fester Bestandteil des Unterrichts in allen Schularten – von der Grundschule bis zur beruflichen Bildung – gefestigt und schrittweise ausgebaut werden. Dabei sind Themen wie Haushaltsplanung, Schuldenprävention, Sparstrategien, Vermögensaufbau, Altersvorsorge und Chancen sowie Risiken digitaler Finanzangebote zu berücksichtigen“, heißt es im Antrag.
Der Genossenschaftsverband Bayern unterstützt den Antrag mit einem von GVB-Präsident Stefan Müller unterzeichneten Schreiben an die Staatsregierung. Adressiert war der Brief an Bayerns Staatsministerin für Unterricht und Kultus, Anna Stolz, sowie die Fraktionsvorsitzenden der Regierungsparteien im Landtag, Klaus Holetschek (CSU) und Florian Streibel (Freie Wähler). „Internationale Studien belegen, dass finanzielle Grundkompetenzen heute zu den Schlüsselqualifikationen gehören, um selbstbestimmte und informierte Entscheidungen in einer zunehmend komplexer werdenden Finanzwelt treffen zu können. Wir würden es daher sehr begrüßen, wenn Sie die aktuelle parlamentarische Initiative im Bayerischen Landtag (…) unterstützen, um so die Finanzbildung im bayerischen Bildungssystem weiter zu stärken und langfristig in den Lehrplänen zu verankern“, schreibt Müller in dem Brief.
Das öffentliche Bewusstsein für Finanzbildung steigt
Tabea Bucher-Koenen ist Professorin für Finanzmärkte an der Universität Mannheim und Co-Direktorin des Mannheim Institute for Financial Education (MIFE). Seit Januar 2019 leitet sie zudem den Forschungsbereich „Altersvorsorge und nachhaltige Finanzmärkte“ am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Zusammen mit Caroline Knebel hat sie die Studie „Finanzwissen und Finanzbildung in Deutschland – Was wissen wir eigentlich?“ verfasst.
Prof. Tabea Bucher-Koenen. Foto: ZEW
Die Professorin bewertet die zahlreichen Initiativen für eine bessere Finanzbildung positiv. Dadurch sei das öffentliche Bewusstsein für das Thema deutlich größer geworden. „Finanzbildung wird im Moment viel stärker öffentlich debattiert als noch vor wenigen Jahren. Ich habe die Hoffnung, dass wir in den nächsten Jahren weitere Schritte gehen und auch eine formal verankerte Finanzbildungsstrategie bekommen“, konstatiert sie. Deutschland sei in Europa eines der letzten Länder, das eine solche Strategie auf nationaler Ebene noch nicht implementiert habe. Hoffnung machen Bucher-Koenen auch die zahlreichen Forschungsvorhaben, die im Rahmen der nationalen Finanzbildungsinitiative angestoßen wurden. „Das Forschungsfeld ist unglaublich groß. Da wird in den nächsten Jahren noch viel zu erwarten sein“, gibt sich die Professorin optimistisch.
Föderale Struktur des deutschen Bildungssystems bremst einheitliche Angebote
Die föderale Struktur des deutschen Bildungssystems werde aber bei der Verankerung von Finanzbildungs-Angeboten im Schulunterricht noch zu Herausforderungen führen. Einige Bundesländer seien schon weit. In Baden-Württemberg etwa sei ökonomische Bildung durch das Pflichtfach „Wirtschaft / Berufs- und Studienorientierung“ (WBS) seit einigen Jahren als eigenes Schulfach im Unterricht verankert. In anderen Bundesländern werde Finanzbildung hingegen nach wie vor nicht systematisch angegangen. „Wir brauchen bundesweit eine bessere Verankerung der Finanzbildung im Unterricht und vor allen Dingen eine qualitätsgesicherte Ausbildung von Lehrkräften sowie evidenzbasierte Lernprogramme auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse“, fordert Bucher-Koenen.
Finanzbildung bedeutet lebenslanges Lernen
Wichtig sei, dass Finanzbildung nicht nur Sache der Schulen sei, sondern auf viele Schultern verteilt werden müsse. „Bei Finanzbildung geht es um lebenslanges Lernen. Bestimmte Finanzentscheidungen wie die Altersvorsorge werden erst für junge Erwachsene relevant, in der Schule spielen sie noch keine Rolle. Dort geht es eher um Fragen, wie ich ein finanzielles Polster anlege und Schulden vermeide“, sagt Bucher-Koenen. Finanzierungsangebote im Internet wie „Buy now, pay later“ seien für Jugendliche verlockend, führten aber oft genug zu einem überzogenen Konsumverhalten und in die Schuldenfalle. „Finanzbildung in der Schule muss die Grundlagen legen und Anknüpfungspunkte schaffen, damit die Menschen später im Leben wissen, wo sie beispielsweise relevante und verlässliche Informationen erhalten, wenn finanzielle Entscheidungen anstehen“, sagt die Professorin.
Voraussetzung für ein zielführendes, breit gefächertes Finanzbildungsangebot seien vertrauenswürdige Anbieter, die qualitätsgesicherte Inhalte anbieten. Nur so könnten gute von schlechten Angeboten unterschieden werden. Das sei aktuell noch nicht gegeben, vor allem in den Sozialen Medien: „Bei einem Finfluencer auf TikTok kann ich nur schwer erkennen, ob es diese Person ehrlich meint oder ob sie nur etwas verkaufen will“, gibt Bucher-Koenen ein Beispiel. Um dieses Problem zu lösen, brauche es eine gute Finanzbildungsstrategie mit einer engmaschigen Qualitätskontrolle und gemeinsamen Standards. Österreich habe hier in den vergangenen Jahren gute Arbeit geleistet und dabei staatliche Stellen, öffentliche und private Bildungsträger sowie die Finanzindustrie und weitere Akteure mit einbezogen.
Bildungsangebote sauber von Verkaufsinteressen trennen
Die Professorin sieht es positiv, wenn auch Regionalbanken wie die Volks- und Raiffeisenbanken Angebote zur Finanzbildung machen. Diese seien auf diesem Feld wichtige Stakeholder. „Regionalbanken können bei der finanziellen Bildung eine wichtige Rolle einnehmen, weil sie durch ihre regionale Ausrichtung und ihre Filialstruktur in Kontakt mit den Menschen vor Ort stehen und bei Finanzentscheidungen als Ansprechpartner leicht erreichbar sind.“ Auf der anderen Seite sei es unabdingbar, Verkaufsinteressen von Bildungsangeboten sauber zu trennen. Bucher-Koenen: „Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit. Da muss man als Bank wahnsinnig vorsichtig sein, sonst ist das Vertrauen der Kunden sofort verspielt und das beste Bildungsangebot nichts mehr wert.“