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Die Münchner Sozialgenossenschaft Bellevue di Monaco übernimmt zum 1. April 2026 die Seidlvilla, Schwabings Bürgerzentrum. „Unsere Geschichten verbinden uns, daher passt das gut“, erzählt Christian Ganzer, Mitgründer der gemeinnützigen Münchner Sozialgenossenschaft Bellevue di Monaco und verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. In beiden Fällen – beim Kulturzentrum an der Müllerstraße wie beim Bürgerhaus am Nikolaiplatz im Herzen Schwabings – waren es Bürgerinnen und Bürger, die darum kämpften, gemeinschaftlich genutzte Räume zu erhalten oder zurückzugewinnen

Die Genossenschaft Bellevue di Monaco feierte vergangenes Jahr zehnjähriges Bestehen, die Seidlvilla wurde in den 1970er-Jahren vor dem Abriss durch einen Investor gerettet und knapp 40 Jahre lang von einem Verein geleitet. Die Trägerschaft war nun neu ausgeschrieben worden – jetzt ist es offiziell: Die Sozialgenossenschaft Bellevue di Monaco hat gemeinsam mit drei Kooperationspartnern – dem Münchner Forum, dem Verein Urbanes Wohnen sowie Kultur & Spielraum – den Münchner Stadtrat und das Kulturreferat überzeugt und übernimmt die Seidlvilla. 

„Als Genossenschaft können wir wirtschaftlich arbeiten“, sagt Ganzer. „Wir haben nicht nur das ideelle, sondern auch sämtliche wirtschaftliche Aspekte im Kopf.“ 2015 wurde die Sozialgenossenschaft Bellevue di Monaco gegründet. „Das Projekt hat sich aus einer Mischung von Notwendigkeit, Engagement und Nachbarschaft entwickelt“, blickte Ganzer im Profil-Interview im September 2025 auf die Entwicklungsphase zurück. In München hatte sich damals schon vor der sogenannten Flüchtlingskrise die Situation mit Geflüchteten zugespitzt. Die Bayernkaserne im Norden Münchens war überfüllt, Geflüchtete mussten teilweise im Freien übernachten, die Stadt suchte händeringend nach bewohnbaren Räumlichkeiten. Nach vielen Diskussionen, Demonstrationen und Verhandlungen konnte die Genossenschaft das Gebäude an der Müllerstraße übernehmen, entrümpeln und als Wohn- und Kulturzentrum wieder mit Leben füllen. 

Ähnlich die Geschichte der Seidlvilla: 1976 gelang es dem Münchner Forum, der Aktion Nikolaiplatz und dem Bürgerkomitee Schwabing, die Seidlvilla, eine Jugendstilvilla, erbaut kurz nach der Jahrhundertwende, zu einem Bürgerhaus zu machen. In beiden Fällen kämpften Bürgerinnen und Bürger hartnäckig darum, gemeinschaftlichen, kommerzfreien Raum zu erhalten und zu nutzen. 

„Der Verein der Seidlvilla war nun in Ehren gealtert“, berichtet Ganzer. Die finanzielle Lage sei angespannt gewesen, daher habe der Verein die Stadt gebeten, den Nutzungsvertrag aufzulösen. So habe sich ergeben, dass nach einem Träger für die Seidlvilla gesucht wurde. Bellevue di Monaco bewarb sich und gewann die Ausschreibung.

Neue und alte Akteure einbinden

„Wir wollen die Seidlvilla im Grunde so weiterführen“, sagt Ganzer. In den kommenden Wochen planen sie Workshops, um das Haus sowie die Nutzerinnen und Nutzer besser kennenzulernen. Wer macht was? Was gibt es bereits für Ideen? „Vieles hat sich natürlich über die Jahre verfestigt. Unter neuer Trägerschaft kann vieles wieder anders gestaltet werden.“ Dabei legen sie allerdings großen Wert darauf, mit allen Akteuren zu reden. „Wir sind als Genossenschaft demokratisch organisiert, so geht es uns jetzt darum, die in der Seidlvilla bereits aktiven Gruppen in die neuen Pläne einzubinden“, sagt Ganzer.

Ein Aspekt sei dabei besonders wichtig: „Wir werden uns dafür einsetzen, ein Konzept für die Seidlvilla zu entwickeln, das über eine reine Raumnutzung hinausgeht. Das ist auch dem regionalen Bezirksausschuss Schwabing-Freimann sehr wichtig. So kann lebendige Stadtteilarbeit am besten gefördert werden.“ Die Seidlvilla ist das Bürgerzentrum für einen sehr großen Münchner Stadtbezirk. Und Bellevue di Monaco ist in der Flüchtlingshilfe engagiert. „Somit haben wir die Kompetenz, Gruppen, auch Jugendliche, mit Migrationshintergrund zu erreichen. Das hat gewiss auch bei der Entscheidung, die Trägerschaft an uns zu übergeben, eine Rolle gespielt. Wir können und wollen auch Gruppen abseits des regulären Kulturbetriebs erreichen.“ 

Offene Angebote

Die Öffnung des Hauses stellt somit ein großes Thema dar. „Die Seidlvilla hat einen wunderbaren Garten, der noch viel mehr genutzt werden könnte. Ein gastronomisches Angebot, etwa ein Café, kann dazu beitragen, die Seidlvilla noch viel stärker nach außen zu öffnen.“ Zudem könnte der umliegende Nikolaiplatz noch stärker miteinbezogen werden: „In die Öffentlichkeit hinauszugehen, das ist auch schon lange ein Anliegen unseres Kooperationspartner Kultur & Spielraum, mit dem wir die Seidlvilla übernehmen“, berichtet Ganzer. 

Die Sozialgenossenschaft möchte ihr Konzept, möglichst viele offene Angebote zu schaffen, auf alle Fälle auch bei der „großen Schwester“, der Seidlvilla, übernehmen. „Die kommenden Wochen sind eine Übergangsfrist“, berichtet Ganzer. „Bis Sommer oder Herbst gibt es dann unter der Federführung von Projektleiterin Barbara Bergau ein weiterentwickeltes Angebot – sicher mit neuen Elementen, die sie sich im Bellevue di Monaco bereits bewährt haben.“ 

Da wären zum Beispiel die Sprachkurse: „Der Bund hat die meisten Sprachkurse für Geflüchtete gestrichen. Aus dem Bellevue-Budget finanzieren wir diese dort bereits selbst, die Zivilgesellschaft muss wie so oft an dieser Stelle einspringen. Die Kurse sind aber im Bellevue alle voll belegt. Daher werden wir sicher auch Sprachkurse in der Seidlvilla anbieten“, sagt Ganzer. 

Die Stadt München hatte sich ursprünglich gewünscht, die Nachbarschaftshilfe in der Seidlvilla weiterzuführen. „Allerdings wurde das Budget für die Nachbarschaft Schwabing gestrichen. Wie das weitergehen soll, wird sich bestimmt zurechtrütteln. Die soziale Einrichtung ist eine feste Größe in der Seidlvilla. Es wird sich eine Lösung finden“, sagt Ganzer. 

Seit zehn Jahren agiert die Sozialgenossenschaft erfolgreich an der Müllerstraße. Die Herausforderung, ein weiteres Bürgerzentrum in München zu leiten, nehmen sie gerne an, berichtet Ganzer. Ihr Vorteil: Das Team besteht aus Akteuren ganz unterschiedlicher Bereiche, viele stammen aus dem Kultursektor. Zudem setzen sie seit Jahren auf die Zusammenarbeit mit diversen Kooperationspartnern. Gemeinsam haben sie bereits viel bewirkt.

Diese Haltung, gemeinschaftlich etwas für den Stadtteil und die dort lebenden Menschen auf die Beine zu stellen, nimmt die Genossenschaft nun mit auf ihrem Weg nach Schwabing in die Seidlvilla.

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Zehn Jahre Bellevue di Monaco. Video: Karl-Peter Lenhard, GVB

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