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Kleiner Schreck zur Mittagsstunde: Der Schlüsselkasten ist leer. Jutta Hoffmann steht vor dem Kaffeehaus „Eis & Heiß“ in der Velburger Altstadt und will die Eingangstür aufsperren. Es ist 13 Uhr, nur noch eine Stunde bis zur regulären Öffnung. Doch wo ist der Schlüssel? Hoffmann hat eine Vermutung. Am Vormittag waren bereits 65 Grundschulkinder aus Pilsach da. Nach einem Ausflug auf dem Waldlehrpfad durften sie sich im Café ein Eis kaufen. Vielleicht ist jemand im Haus geblieben? Tatsächlich: Eine Mitarbeiterin ist noch da. Die Tür ist nur zugezogen, nicht abgeschlossen. Hoffmann atmet durch: Der Kaffeehaustag kann beginnen.

Frühere Kaffeehaus-Betreiberinnen gaben wegen Corona auf

Ein Café, das noch vor der eigentlichen Öffnung 65 Kinder mit Eis versorgt – davon hätten die Velburger vor einem Jahr nur träumen können. Damals war das ehemalige Kaffeehaus noch geschlossen. Die früheren Betreiberinnen hatten es während der Corona-Zeit zugesperrt. Seither fehlte dem kleinen Städtchen im Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz ein Ort, an dem man sich zwanglos auf Kaffee und Kuchen treffen konnte.

Dieser Mangel war lange ein Thema in der Stadt. Immer wieder sei darüber geredet worden, in verschiedenen Gremien, vor allem aber an den Stammtischen. Alt und Jung seien sich einig gewesen, dass Velburg wieder einen Treffpunkt brauche, erinnert sich Josef Guttenberger. Der promovierte Naturwissenschaftler, Meteorologe und Unternehmer in der Windenergiebranche engagiert sich ehrenamtlich im Naturschutz und sitzt für die Grünen im Stadtrat. Vor allem aber ist er, wie er selbst sagt, „ein alter Velburger“. Der Leerstand in der Altstadt beschäftigt ihn seit Langem. „Man kann nicht immer warten, bis jemand von außen kommt und etwas für uns macht. Sondern wir müssen selbst etwas machen.“

Ein Team, das sich blind vertraut

Das sieht auch Jutta Hoffmann so. Sie ist Unternehmerin mit einer eigenen IT-Beratungsfirma. Weil niemand ein Kaffeehaus betreiben wollte, sei man auf den Gedanken gekommen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Guttenberger habe die Pläne vorangetrieben sowie Mitstreiterinnen und Mitstreiter gesucht, lobt Hoffmann. Gerade jüngere Frauen seien von der Idee begeistert gewesen. Daraus sei eine Gruppe Gleichgesinnter entstanden, die das Projekt weiter ausgearbeitet habe. Guttenberger selbst spricht von einem Team, „das sich blind vertraut“. Jeder bringe seine Kenntnisse mit, vieles organisiere sich beinahe von selbst.

Vor einem Jahr, im Herbst 2025, begann die Gruppe mit konkreten Planungen, in Velburg ein Café zu eröffnen. Verschiedene leerstehende Räume kamen infrage. Doch das frühere Café am Marktplatz hatte einen entscheidenden Vorteil: Hier war die gastronomische Einrichtung bereits vorhanden, nur etwa zwölf Jahre alt. Die Schwestern Andrea und Martina Gradl, die das Velburger Café im Wiener Kaffeehausstil bis zur Corona-Sperrung rund 20 Jahre lang betrieben hatten, waren bereit, die Räume zu vermieten. Sie kamen der Gruppe mit einer günstigen Miete entgegen und überließen ihr das Lokal zur Vorbereitung sogar für zwei Monate mietfrei.

31 Mitglieder tragen die Genossenschaft

Um die Bürgerinnen und Bürger Velburgs in das Projekt einzubeziehen, gründete die Gruppe eine eingetragene Genossenschaft, die Kaffeehaus Eis & Heiß eG. Jutta Hoffmann wurde in der Gründungsversammlung zur Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt, Josef Guttenberger zum Vorstandsvorsitzenden. Ein Geschäftsanteil kostet 100 Euro, allerdings kann jeder Genosse mehrere Anteile zeichnen. Nach Guttenbergers Angaben waren es anfangs elf Beteiligte, inzwischen zählt die Genossenschaft 31 Mitglieder. Das vorhandene Kapital von rund 30.000 Euro reichte aus, um den Betrieb aufzunehmen. Kredite mussten die Velburger Kaffeehaus-Genossen dafür nicht aufnehmen.

Täglich frische Blumen

Vieles blieb, wie es war: die dunklen Holzverkleidungen, die Kaffeehausstühle, die hellen Tischplatten. Hinzu kauften die Genossen einige neue Sessel, Kissen, ein Bücherregal, eine kleine Spielecke. Auf den geschmackvollen Kaffeehaus-Tischen stehen täglich frische Blumen, um die sich eine Genossin kümmert, die beruflich Gärtnerin ist. Die Einrichtung erinnert auch heute an ein traditionelles Wiener Kaffeehaus, allerdings mit genügend Platz für Kinderwagen, Spielzeug und Familien. Auch für Rollstühle und Rollatoren gibt es einen Zugang.

Eine größere Anschaffung war die original italienische Kaffee-Siebträgermaschine für rund 5.000 Euro statt des vorherigen Vollautomaten. „Darauf haben vor allem die jungen Leute bestanden“, erinnert sich Jutta Hoffmann. Dazu kam eine Eistruhe. Mitte August 2026 war es schließlich so weit: Das „Eis & Heiß“ öffnete seine Türen.

Ein Café, das seinen Gästen gehört

Direkt neben der gemütlichen Kinderspielecke im hinteren Teil des Cafés sitzt die Familie Nixon. Die jungen Eltern Christopher und Katharina wohnen direkt in Velburg, ihr zweijähriger Sohn Robin hat es vor allem auf das Eis abgesehen: Am liebsten mag er Erdbeereis mit Smarties obendrauf.

Die Eltern sind nicht nur Gäste. Sie gehören zu den Menschen, denen das Café inzwischen selbst ein kleines Stück weit gehört. Im örtlichen Mitteilungsblatt hatten sie von der geplanten Wiedereröffnung gelesen. „Wir haben beide gesagt: Mensch, das ist eine tolle Geschichte, dass endlich ein Café aufmacht“, erzählt Christopher Nixon. Sie wollten mitmachen, wussten zunächst aber noch nicht genau, wie das mit der Genossenschaft funktioniert. „Wir haben uns informiert und zur Eröffnung gleich den Zettel ausgefüllt, so dass wir beide jetzt Genossen sind.“

Beide schwärmen vom Angebot im Café: „Das Eis ist super“, lobt Christopher. Katharina schwärmt von den selbst gebackenen Kuchen, den verschiedenen Sorten und vor allem von den Menschen und der spürbaren Leidenschaft hinter dem Projekt. „Die Liebe und das Engagement der Leute spürt man einfach, das ist das Schöne.“

Velburg schmeckt!

Nathan hinter dem Tresen hat inzwischen den Cappuccino zubereitet. Die freundliche Bedienung Ellie bringt ihn einem neugierigen Gast an den Tisch, an dem auch die Aufsichtsratsvorsitzende Jutta Hoffmann sitzt – zusammen mit einem Eisbecher: drei Kugeln in Rot, Gelb und Weiß, ohne Sahne. Erdbeere, Mango und Zitrone-Joghurt sind angesagt. Der Cappuccino ist heiß, das Eis angenehm fruchtig. Velburg schmeckt!

Draußen lässt die Sonne die Terrasse vor der roten Fassade des Kaffeehauses im schönsten Spätsommerlicht erstrahlen. Immer mehr Gäste nehmen an den Tischen Platz. Bedienung Ellie muss sich sputen: Kaum ist eine Bestellung serviert, warten schon die nächsten Gäste.

Vom Andrang überrascht

Wie viel Arbeit hinter einem solchen Nachmittag steckt, erzählt Jutta Hoffmann mit spürbarer Kenntnis des Betriebs. Am Anfang sei man vom Andrang regelrecht überrascht worden. Am Eröffnungstag seien sieben Servicekräfte gleichzeitig im Einsatz gewesen: Sie bedienten, bereiteten Kaffee zu, verkauften Eis und Kuchen, spülten Geschirr und halfen in der Küche. „Diese sieben Leute sind hier regelmäßig im Schweinsgalopp durchgelaufen“, erzählt Hoffmann.

Nicht alles funktionierte sofort. Manchmal mussten Gäste eine halbe Stunde auf ihren Cappuccino warten, gerade am ersten Tag. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien jung und haben wenig gastronomische Erfahrung, so Hoffmann. Gesucht wurden und werden die Mitarbeitenden unter anderem über Instagram. Die Besucherinnen und Besucher seien allerdings sehr verständnisvoll gewesen, was die Startschwierigkeiten angeht. Die Abläufe mussten sich erst einspielen, wie Jutta Hoffmann erzählt. Inzwischen funktioniert vieles besser.

Bodenständige Kuchen und Torten

Im Kaffeehaus kommt alles aus der Region und wird mit Liebe zubereitet: Die Genossenschaft beschäftigt eine eigene Konditorin, hinzu kommen weitere Helferinnen beim Backen. Angeboten werden traditionelle, bodenständige Kuchen und Torten, möglichst mit saisonalem Obst aus der Region. Regelmäßig steuern Mitglieder Früchte aus ihren eigenen Gärten bei. Sogar der Kaffee stammt aus der Stadt, von der Velburger Firma Basilius, die für handgeröstete Kaffeespezialitäten, traditionelle Trommelröstung und fairen Direktbezug bekannt ist.

Und das leckere Eis, das nicht nur den kleinen Robin Nixon und die 65 Schulkinder aus Pilsach begeistert? Das wird auf dem Zieglbauernhof im rund 20 Kilometer entfernten Ammelhofen hergestellt. Mehrere Anbieter hatte die Genossenschaft ausprobiert, bevor sie sich für einen entschied. Geschmack und Preis-Leistungs-Verhältnis mussten stimmen, so Jutta Hoffmann.

Eis wird zum Verkaufsschlager

Gerade das Eis entwickelte sich zum Verkaufsschlager. „Die Leute sind teilweise bis zur Straße raus angestanden“, berichtet Hoffmann. An heißen Tagen drängten sich die Mitarbeitenden an der Eisausgabe. Die Gäste wollten Kugeln, Eisbecher, Eiskaffee und Eisschokolade. In diesem Punkt habe sie sich von den anderen Genossen überzeugen lassen, erzählt die Aufsichtsratsvorsitzende, denn sie selbst mag eigentlich kein Eis – doch im Sommer wurde es zum absoluten Renner.

Das freut die Aufsichtsratsvorsitzende nicht nur wegen der zufriedenen Kundschaft. Gerade das Eis bringt dem Café einen wichtigen Deckungsbeitrag, wie sie erzählt: Nach Abzug der unmittelbar anfallenden Kosten bleibt ein schöner Betrag übrig, mit dem sich Miete, Energie, Personal und andere laufende Ausgaben finanzieren lassen. Allerdings gibt es unter den Genossenschaftsmitgliedern unterschiedliche Auffassungen darüber, wie viel Kaffee, Kuchen und Eis kosten dürfen. Hoffmann hält vor allem die begehrten Eisbecher für zu günstig. Über die Preisgestaltung, vor allem fürs Eis, wird weiter heiß diskutiert.

Café arbeitet mehr als kostendeckend

Vorläufig sieht die Bilanz ordentlich aus. Nach Guttenbergers Einschätzung arbeitet das Café mehr als kostendeckend. Ein großer Vorteil ist, dass keine Kredite bedient werden müssen. Doch die ersten Wochen fielen in den Sommer. Wenn es kälter wird, dürfte der Eisverkauf deutlich zurückgehen. Auch das Abendgeschäft muss sich erst entwickeln. „Wie es im Winter wird, keine Ahnung“, sagt Guttenberger. Die Genossenschaft will den Betrieb deshalb behutsam weiterentwickeln.

Ein Treffpunkt in der Stadt, wie vor 50 Jahren

An einem der vorderen Tische im Café, auf die noch die Nachmittagssonne fällt, sitzen zwei befreundete Ehepaare. Sie sind aus Fürth-Burgfarrnbach und Lauf an der Pegnitz gekommen und haben sich nach einer Besichtigungstour regelrecht durch das Kuchenangebot des Cafés durchprobiert. Das Urteil fällt begeistert aus. Einer dieser Besucher ist Josef Wutz. Er lebt heute in Burgfarrnbach, stammt aber aus Velburg. Seinen Begleitern wollte er einmal zeigen, wo er aufgewachsen ist. Gemeinsam sind sie auf die pittoreske Burgruine mit ihrem herrlichen Ausblick geklettert und sind durch das Städtchen geschlendert. Zum krönenden Abschluss gibt es nun Kuchen und Cappuccino.

Dass ausgerechnet das alte Kaffeehaus wieder geöffnet hat, freut Wutz besonders. „Ich finde das prima. Das war in den 1970er-Jahren ein Highlight hier“, erzählt er. Damals trafen sich die jungen Leute im Café, kamen miteinander ins Gespräch – und man kam auch mit dem anderen Geschlecht in Kontakt, wie sich Wutz lächelnd erinnert. Für ihn ist das Kaffeehaus „Eis & Heiß“ deshalb zugleich ein Stück Jugenderinnerung. Auch seine drei Begleiter sind sehr zufrieden. Sie loben die Kuchenauswahl und den gut temperierten Kaffee. „Das ist wirklich ein sehr schöner Ort“, sagt Antonino Minutillo. „Ich hoffe, dass das Café sehr erfolgreich wird.“

Das wünschen sich auch die Initiatoren. Für Jutta Hoffmann war von Anfang an entscheidend, dass Velburg wieder einen Ort bekommt, an dem Menschen unterschiedlichen Alters zusammenkommen können. Nicht nur am Stammtisch, nicht nur in einer bestimmten Gruppe, sondern ganz zwanglos. Wer ein Eis essen möchte, soll ebenso willkommen sein wie jemand, der sich bei einer Tasse Kaffee länger unterhalten will. Um diesen Trend zu verstärken, sollen unter anderem die neuen Regale noch mit Büchern gefüllt werden, um die Besucherinnen und Besucher zu längeren Aufenthalten zu verführen. Für Josef Guttenberger war die Gründung einer Genossenschaft die passende Antwort auf die Aufgabe, gemeinsam den Leerstand zu bekämpfen und einen neuen Treffpunkt für alle zu schaffen. „Wenn es niemand sonst machen will, machen wir es alle gemeinsam“, sagt er. Und „gemeinsam“, das gehe eben am besten in einer Genossenschaft.

Der GVB unterstützt bei der Gründung

Ganz ohne Fachleute ging es allerdings nicht. Bei der Gründung half der Genossenschaftsverband Bayern (GVB). Dessen Berater Max Riedl sei von der Idee einer Kaffeehaus-Genossenschaft ganz begeistert gewesen, erzählt Guttenberger: „Der Max war auch gleich Feuer und Flamme.“ Der Verband unterstützte bei den notwendigen Formalitäten und Fragen rund um die Gründung. Die praktische Arbeit aber blieb bei den Velburgern.

Eine wunderschöne Auszeit im Kaffeehaus

Oberhalb der kleinen Stufe im Gastraum sitzen auf einer neu angeschafften Sesselgruppe Sabine Hönig und Maria Wolf aus Oberwiesenacker, rund zehn Kilometer entfernt von Velburg. Vor ihnen stehen zwei Himbeerschnitten. Hönig trinkt schwarzen Kaffee, Wolf heiße Schokolade mit Sahne. „Der Kuchen ist nicht zu süß, wunderbar“, lobt Hönig. Wolf findet ihre Himbeerschnitte „super, sehr lecker“.

Beide genießen das Kaffeehaus mit seinen gemütlichen Sitzecken, der liebevollen Einrichtung und der schönen Sonnenterrasse. „Das ist eine wunderschöne Auszeit, die man sich gönnt“, sagen sie. Für Velburg sei es höchste Zeit gewesen, wieder ein Café zu bekommen – nicht zuletzt für die Besucherinnen und Besucher, die in das Städtchen kommen. Sie selbst besuchen das Café heute zum ersten Mal – wollen aber bald wiederkommen. Maria Wolf bringt es auf einen einfachen Satz: „Uns hat das Café gefehlt in Velburg, ehrlich.“ Jetzt steht es wieder offen.

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