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Herr Fratzscher, allerorten klagt die deutsche Wirtschaft über schlechte Rahmenbedingungen, hohe Kosten und geopolitische Unsicherheiten. Nun gehört Jammern oftmals zum Geschäft. Wie tief ist die Krise in Deutschland wirklich?

Marcel Fratzscher: Deutschland ist nicht der kranke Mann Europas und befindet sich auch nicht in einer Wirtschaftskrise. Wir haben seit vier Jahren eine Stagnation. Selbst viele schrumpfende Industriesektoren und Unternehmen zeigen noch ordentliche Erträge. Wir haben vielmehr eine mentale Depression, ein Mentalitätsproblem. Vor sieben Jahren brummte die deutsche Wirtschaft, und viele Unternehmen konnten vor Stolz und Überheblichkeit kaum laufen. Nun soll alles katastrophal sein und deutsche Unternehmen nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Weder der Übermut vor zehn Jahren noch der extreme Pessimismus heute entsprechen der Realität.

„Ich sehe das größte Problem im Populismus, im Protektionismus und in der politischen Paralyse in unserem Land.“

Wo sehen Sie aktuell die größten Gefahren für die deutsche Wirtschaft?

Fratzscher: Die größte Bedrohung für die deutsche Wirtschaft liegt in der Zukunft und in einer gescheiterten grünen und digitalen Transformation unserer Wirtschaft. Wir haben jedoch heute noch alle Karten selbst in der Hand. 

Ich sehe das größte Problem im Populismus, im Protektionismus und in der politischen Paralyse in unserem Land. Politik und Wirtschaft versuchen krampfhaft, den Status quo zu zementieren und möglichst alles so zu belassen, wie es ist. Das ist jedoch zum Scheitern verurteilt. Die Idee der kreativen Zerstörung in der Ökonomie besagt, dass etwas Neues nur entstehen kann, wenn etwas Altes verschwindet. Die massiven Subventionen und der Protektionismus existierender Strukturen verhindern die notwendige Transformation der deutschen Wirtschaft.

Inwieweit sind die Probleme der deutschen Wirtschaft auch hausgemacht?

Fratzscher: 80 Prozent unserer Probleme heute sind hausgemacht. Das beste Beispiel ist die Automobilbranche, die über 30 Jahre auf einem globalen Siegeszug war und stetig ihren Weltmarktanteil und ihre Profitabilität ausgebaut hat. Dieser Erfolg hat überheblich und träge gemacht. 

Die deutschen Autohersteller haben dadurch drei Kardinalfehler begangen: den Betrug durch den Abgasskandal, der viel Vertrauen verspielt hat, eine zu hohe Abhängigkeit von China und eine verschlafene Transformation zur E-Mobilität. Es ist perfide, dass das Management genau dieser Autokonzerne heute versucht, der deutschen Politik diese Fehler und ihre heutige Misere in die Schuhe zu schieben.

„Was uns heute fehlt, ist der Mut zum Risiko und dazu, Veränderungen als Chancen zu verstehen.“

Die USA sind bei der Entwicklung von KI führend, China bei Elektromobilität, um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie weit haben andere Nationen Deutschland bei der Entwicklung von Spitzentechnologien wirtschaftlich mittlerweile abgehängt? Welche Gründe gibt es dafür?

Fratzscher: Deutschland und deutsche Unternehmen hinken bei digitalen Technologien weit hinterher, sind aber bei grünen Technologien häufig führend. Wir haben viele resiliente mittelständische Unternehmen, die hochinnovativ sind und sich im globalen Wettbewerb behaupten. Aber die Gefahr ist groß, dass deutsche und europäische Unternehmen gegenüber China und den USA zunehmend ins Hintertreffen geraten. 

Natürlich brauchen wir bessere öffentliche Rahmenbedingungen – weniger Bürokratie, eine bessere Regulierung, deutlich mehr Investitionen in Bildung, Innovation und Infrastruktur sowie Zuwanderung. Was uns aber heute fehlt, ist noch etwas anderes: der Mut zum Risiko und dazu, Veränderungen als Chancen zu verstehen, eine klare Zukunftsvision und die Bereitschaft jedes Einzelnen, Verantwortung zu übernehmen – vor allem auch in den Unternehmen.

Wo hat die deutsche Wirtschaft das Potenzial, durch die Entwicklung von Zukunftstechnologien wirtschaftlich wieder Anschluss an die Weltspitze zu finden – und wie können die Bundesregierung und auch die EU dies unterstützen?

Fratzscher: Die Industrie ist und bleibt hoffentlich die große Stärke Deutschlands und Europas, etwa im Maschinenbau, in der Chemie und Pharmazie sowie in der Mobilität. 

Die Industrie muss jedoch digitaler werden, und der Schlüssel wird sein, ob es uns gelingt, bei der Entwicklung und Adoption von KI-Instrumenten führend zu werden. Dies erfordert zuallererst mehr Mut und auch mehr Kompetenz auf der Führungsebene der Unternehmen. Und es erfordert bessere öffentliche Rahmenbedingungen, wie ich sie eben genannt habe.

Deutschland und Europa haben in jüngerer Zeit schon viele Krisen erlebt, etwa das Platzen der Dotcom-Blase ab 2000, die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 –2009, die Eurokrise 2010 oder die Wirtschaftskrise 2020 –2021 im Zuge der Covid-19-Pandemie. Was unterscheidet die aktuelle Wirtschaftslage von früheren Krisen des 21. Jahrhunderts und wie ordnen Sie das ein?

Fratzscher: Die aktuellen Herausforderungen für Deutschland und Europa sind anders als die Krisen der Vergangenheit. Wir gehen heute durch Veränderungen, die ungleich größer und vor allem dauerhafter sind als das, was wir in der Vergangenheit durch Finanz- oder Wirtschaftskrisen erlebt haben. Es wird keine Rückkehr geben. Das haben wir in Deutschland noch immer nicht verstanden, wenn viele in Politik und Gesellschaft das Land wieder in „gute alte Zeiten“ führen wollen.

„Die Bundesregierung hat die Probleme erkannt, aber es fehlt ihr der Mut zum großen Wurf und dazu, mit voller Konsequenz die notwendigen politischen Maßnahmen umzusetzen.“

Für die Bundesregierung hat es nach eigener Aussage oberste Priorität, die Wirtschaft anzukurbeln, damit wieder wirtschaftliches Wachstum entstehen kann und Arbeitsplätze gesichert werden. Unter anderem hat bereits zwei Mal das „Entlastungskabinett“ getagt. So sollen Abschreibungsmöglichkeiten verbessert, die Körperschaftsteuer gesenkt, Energiekosten reduziert und Bürokratie abgebaut werden. Wie bewerten Sie in dieser Hinsicht das Handeln der aktuellen Bundesregierung?

Fratzscher: Die Bundesregierung hat die Probleme erkannt, aber es fehlt ihr der Mut zum großen Wurf und dazu, mit voller Konsequenz die notwendigen politischen Maßnahmen umzusetzen. Wir müssen in Deutschland und Europa nun dringend massive private und öffentliche Investitionen in neue Technologien und auch in Bildung und Qualifizierung mobilisieren, um im globalen Wettbewerb nicht ins Hintertreffen zu geraten. 

Die Union weigert sich jedoch, dafür notwendige, schädliche Subventionen zu kürzen und Steuern zu erhöhen. Die SPD weigert sich, die notwendigen Anpassungen der Sozialsysteme vorzunehmen. Solange die Regierungsparteien sich neutralisieren und nicht gewillt sind, ihre roten Linien aufzugeben, bin ich pessimistisch.

Mit dem schuldenfinanzierten Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität über 500 Milliarden Euro will der Bund in die Modernisierung und die Zukunftsfähigkeit Deutschlands investieren. Welche wirtschaftlichen Impulse erwarten Sie sich dadurch?

Fratzscher: Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität ist richtig und war eine sehr kluge Entscheidung der Bundesregierung. Diese Gelder müssen jedoch schneller abfließen, und auch private Investitionen müssen einen größeren Beitrag leisten. Dies kann Deutschland und Europa langfristig voranbringen. Kurzfristig sind diese Ausgaben sogar die wichtigste Stütze der deutschen Wirtschaft in diesem und im nächsten Jahr. Denn ohne die staatlichen Ausgaben würde unsere Wirtschaft stagnieren oder sogar schrumpfen.

Halten Sie die Initiativen der Bundesregierung für ausreichend, um die Wirtschaft zu entlasten und Wachstumsimpulse zu setzen? Wo sehen Sie weitere Ansatzpunkte?

Fratzscher: Wir benötigen drei große Reformen auf politischer Ebene: eine große Steuerreform, die Unternehmen und auch Menschen mit geringen Einkommen deutlich entlastet und im Gegenzug große Vermögen stärker für diese Aufgabe in die Pflicht nimmt. Zudem müssen die vielen schädlichen Subventionen abgebaut werden, sodass Wettbewerb wieder möglich wird und Unternehmen gezwungen werden, innovativ und risikofreudig zu werden. 

Als Zweites benötigen wir große Reformen der Sozialsysteme, um einerseits die junge Generation und die Unternehmen zu entlasten und andererseits sowohl den Arbeitsmarkt zu stärken als auch die Altersarmut zu reduzieren. Dazu gehört auch eine Öffnung unserer Gesellschaft für mehr Zuwanderung, die wir dringend benötigen.

„Wir müssen ausschließlich europäisch denken.“

Und als Drittes und vielleicht Wichtigstes benötigen wir ein anderes Europa: ein geeintes Europa, das zunehmend nicht nur mit einer Stimme spricht, sondern auch die wichtigen wirtschaftspolitischen Entscheidungen gemeinsam trifft. Wir müssen künstliche Intelligenz, digitale Infrastrukturen, Energie, Innovation, Wettbewerbsfähigkeit, Regulierung sowie Investitionen in die Zukunft hauptsächlich und in manchen Bereichen ausschließlich europäisch denken und implementieren. 

Die nationalen Alleingänge – nicht nur, aber gerade auch von Deutschland – müssen ein Ende finden, denn sie spalten Europa und schwächen letztlich die Unternehmen, vor allem deutsche Unternehmen. Das erfordert, dass wir nationale Kompetenzen auf Europa übertragen. Das fällt vielen von uns schwer, aber es ist der einzige Weg, um unsere Interessen zu wahren und unseren enormen Wohlstand zu schützen.

Deutschland hatte Anfang der 2000er-Jahre wirtschaftlich schon einmal die rote Laterne in Europa, nutzte dann aber seine Chance und stieg zum Exportweltmeister auf. Wie realistisch ist es, dass es Deutschland noch einmal schafft, wirtschaftlich das Ruder herumzureißen? Was spricht dafür und was dagegen?

Fratzscher: Deutschland ist nicht der kranke Mann Europas, und es liegt ausschließlich in unserer Hand, ob wir uns auch in Zukunft im globalen Wettbewerb behaupten können. 

Wir haben so viele kluge Köpfe in unserem Land, resiliente und hochinnovative mittelständische Unternehmen, einen starken und verlässlichen Rechtsstaat und Solidarität als zentralen Teil unserer sozialen Marktwirtschaft. Dies sind Stärken, die viele andere Länder der Welt nicht haben und die wir viel besser und klüger nutzen müssen, um wieder an die Erfolge der Vergangenheit anzuknüpfen. Dafür müssen wir aber zuallererst aus unserer mentalen Depression herausfinden. 

Wir müssen uns wieder auf unsere Stärken fokussieren und Veränderung primär als Chance und nicht als Risiko verstehen.

Herr Professor Fratzscher, vielen Dank für das Interview!

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