Modernisierungskurs: Die Bundesregierung hat mit ihrer Reformagenda den ersten Schritt gemacht. Jetzt geht es um Durchsetzungskraft, betont GVB-Präsident Stefan Müller.
Deutschland steckt trotz des Iran-Konflikts nicht in einer akuten Wirtschaftskrise, sondern seit einigen Jahren in einer Phase des kraftlosen Wachstums und der industriellen Stagnation. Schwache Investitionen und die langsame Digitalisierung bremsen die Wettbewerbsfähigkeit. Doch nun mehren sich erste Anzeichen einer Verbesserung. Ob daraus ein nachhaltiger Aufschwung entsteht, hängt auch davon ab, ob es gelingt, mit den großen Fiskalpaketen nachhaltiges Wachstum anzustoßen. Hierzu müssen sich auch die Rahmenbedingungen am Standort verbessern – Stichwort Bürokratieabbau.
Wer auf die deutsche Wirtschaft blickt, findet derzeit noch reichlich Stoff für Pessimismus. Die Industrieproduktion zeigt sich kraftlos, die Wachstumsraten bleiben enttäuschend, Investitionen wurden über Jahre verschoben und viele Unternehmen klagen über hohe Kosten, Bürokratie und in Teilbereichen fehlende Fachkräfte. Angesichts dieser Gemengelage ist häufig von Deindustrialisierung, Standortkrise oder gar dem Niedergang des Geschäftsmodells Deutschland die Rede. Doch solche Diagnosen greifen zum einen zu kurz und sind zum anderen nicht unabwendbar.
Güterwagen mit chemischen Produkten in Burghausen: Häufig ist von Deindustrialisierung, Standortkrise oder gar dem Niedergang des Geschäftsmodells Deutschland die Rede. Doch solche Diagnosen greifen zum einen zu kurz und sind zum anderen nicht unabwendbar. Foto: mauritius images / Volker Preusser
Schleichender Verlust der Wettbewerbsfähigkeit
Deutschland erlebt derzeit weder eine klassische Rezession noch einen wirtschaftlichen Absturz, wie wir ihn aus der Finanzkrise 2008/09 oder der Corona-Pandemie kennen. Die eigentliche Herausforderung ist subtiler: Die deutsche Volkswirtschaft befindet sich seit mehreren Jahren in einer Phase hartnäckiger Stagnation. Die Gefahr liegt nicht im plötzlichen Einbruch, sondern im schleichenden Verlust von Wettbewerbsfähigkeit.
Diese Situation ist das Ergebnis mehrerer Entwicklungen, die gleichzeitig wirken. Die vergangenen Jahre waren geprägt von außergewöhnlichen externen Schocks. Pandemie, Energiekrise, geopolitische Konflikte und zunehmende Handelsbarrieren haben die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Gleichzeitig haben diese Krisen strukturelle Schwächen offengelegt, die schon lange existierten, aber in Zeiten niedriger Zinsen und stabiler Globalisierung weniger sichtbar waren. Dazu gehören eine schwache Produktivitätsentwicklung, ein erheblicher Investitionsstau, langwierige Genehmigungsprozesse und die zu langsame Verbreitung neuer Technologien.
Hausgemachte Probleme sind beeinflussbar
Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu früheren Krisen. Die aktuellen Probleme werden nicht ausschließlich von äußeren Ereignissen verursacht. Viele der Herausforderungen sind hausgemacht und damit auch beeinflussbar. Energiepreise oder Handelskonflikte kann Deutschland nur begrenzt steuern. Der Umgang mit Investitionen, Innovationen, Digitalisierung und Bürokratie dagegen liegt weitgehend in eigener Hand.
Trotz aller Schwierigkeiten gibt es dabei keinen Grund für Alarmismus. Deutschlands Wirtschaft ist widerstandsfähiger, als manche Schlagzeile vermuten lässt. Viele Unternehmen verfügen über stabile Bilanzen, eine solide Ertragskraft und ausreichend finanzielle Reserven. Die aktuelle Lage ähnelt deshalb weniger einer existenziellen Krise als einer umfassenden Anpassungsphase. Die Frage ist nicht, ob Deutschland wirtschaftlich überleben wird. Die Frage ist vielmehr, ob es gelingt, die Transformation schnell genug zu bewältigen, um den Anschluss an die dynamischeren Regionen der Weltwirtschaft nicht zu verlieren.
Mittelstand im Zentrum der Transformation
Kaum ein anderer Bereich der Wirtschaft spürt die Veränderungen so unmittelbar wie der deutsche Mittelstand. Mittelständische Unternehmen sind meist stärker an ihren Standort gebunden als internationale Großkonzerne. Sie können Produktionskapazitäten nicht beliebig verlagern, verfügen selten über direkten Zugang zu den Kapitalmärkten und müssen steigende Kosten sowie nötige zusätzliche Investitionen unmittelbar aus ihren laufenden Erträgen finanzieren. Energiepreise, Lohnsteigerungen, regulatorische Belastungen oder eine tiefgreifende Veränderung von Technologien treffen sie deshalb oft mit voller Wucht.
Gleichzeitig wäre es falsch, von „dem“ Mittelstand zu sprechen. Die Unterschiede innerhalb dieser Unternehmensgruppe sind enorm. Während einige Betriebe unter erheblichem Druck stehen, nutzen andere die Transformationsprozesse für Investitionen und neue Geschäftsmodelle. Der Mittelstand insgesamt befindet sich nicht in einer Existenzkrise. Doch die Belastungen nehmen zu, insbesondere für kleinere, investitionsschwache und energieintensive Unternehmen.
Produktionshalle eines mittelständischen Betriebs (Symbolfoto): Es wäre falsch, von „dem“ Mittelstand zu sprechen. Die Unterschiede innerhalb dieser Unternehmensgruppe sind enorm. Während einige Betriebe unter erheblichem Druck stehen, nutzen andere die Transformationsprozesse für Investitionen und neue Geschäftsmodelle. Foto: mauritius images / Westend61 / Daniel Ingold
Digitalisierung als „Game Changer“
Über viele Jahre wurde Digitalisierung häufig als Technologieprojekt verstanden: neue Software, moderne IT-Systeme oder digitale Kommunikationskanäle. Heute geht es um deutlich mehr. Digitalisierung ist zu einer zentralen Voraussetzung für Produktivitätswachstum geworden. Wer Prozesse automatisiert, Daten intelligent nutzt und Künstliche Intelligenz in Geschäftsabläufe integriert, kann Kosten senken, Fachkräftemangel abfedern und neue Geschäftsmodelle erschließen. Wer diesen Wandel verpasst, riskiert dagegen langfristig Wettbewerbsnachteile.
Gerade für den Mittelstand liegt hier eine Gefahr, aber auch eine enorme Chance. Künstliche Intelligenz muss nicht mit milliardenschweren Forschungsbudgets beginnen. Viele Anwendungen sind bereits heute unmittelbar nutzbar. Automatisierte Dokumentenverarbeitung, intelligente Rechnungsprüfung, digitales Wissensmanagement oder KI-gestützte Kundenkommunikation ohne Sprachbarrieren können Unternehmen produktiver machen, ohne ihre Geschäftsmodelle vollständig umzukrempeln. Entscheidend ist nicht die Größe eines Unternehmens, sondern die Bereitschaft, neue Technologien in die eigenen Prozesse zu integrieren.
Analyse von Finanzdaten in einem Unternehmen (Symbolbild): Künstliche Intelligenz muss nicht mit milliardenschweren Forschungsbudgets beginnen. Viele Anwendungen sind bereits heute unmittelbar nutzbar. Foto: mauritius images / Westend61 / Uwe Umstätter
Knackpunkt Finanzierung
Allerdings existiert genau hier eine strukturelle Schwäche. Die meisten mittelständischen Unternehmen finanzieren Digitalisierungsprojekte aus dem laufenden Cashflow und haben keine systematische, mehrjährige Investitionsplanung. Werden die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schwieriger, geraten Zukunftsinvestitionen schnell unter Druck. Gleichzeitig passen klassische Finanzierungsmodelle häufig nur bedingt zu immateriellen Investitionen wie Software, Daten, Qualifizierung oder Prozessinnovationen. Während Großunternehmen auf Kapitalmärkte zugreifen können, verfügen viele kleinere Betriebe über deutlich weniger Möglichkeiten. Dadurch entsteht die Gefahr, dass ausgerechnet jene Unternehmen, die den Kern der deutschen Wirtschaft bilden, bei Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz zurückfallen.
Hier kommt dem Finanzsektor eine Schlüsselrolle zu. Banken waren traditionell Finanzierungspartner für Maschinen, Fahrzeuge oder Produktionsanlagen. In Zukunft werden sie zunehmend Transformationspartner sein. Die von den Unternehmen benötigte Finanzierung verschiebt sich stärker in Richtung immaterieller Vermögenswerte. Deshalb gewinnen Förderkredite, Garantien, Beteiligungskapital und neue Finanzierungsmodelle an Bedeutung. Wer die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands stärken will, muss auch die Finanzierung von Innovation, Digitalisierung und Qualifizierung neu denken.
Eine VR-Bank in der Oberpfalz: Banken waren traditionell Finanzierungspartner für Maschinen, Fahrzeuge oder Produktionsanlagen. In Zukunft werden sie zunehmend Transformationspartner sein. Foto: Christof Dahlmann
Licht am Ende des Tunnels
Die gute Nachricht lautet: Erste Signale sprechen dafür, dass die wirtschaftliche Talsohle durchschritten sein könnte. Der Iran-Konflikt hat bislang kaum Bremsspuren in der Konjunktur hinterlassen und einige konjunkturelle Frühindikatoren haben sich zuletzt aufgehellt. Die Erwartungen vieler Unternehmen verbessern sich, die großen staatlichen Investitionsprogramme für Infrastruktur, Energie, Verteidigung und Digitalisierung schaffen zusätzliche Nachfrage und die Auftragseingänge entwickeln sich positiv. Noch ist daraus kein kräftiger Aufschwung geworden. Produktion, Konsum und Beschäftigung senden weiterhin gemischte Signale. Dennoch sind die Voraussetzungen für eine konjunkturelle Aufwärtsbewegung klar erkennbar. Ob daraus ein nachhaltiger Wachstumspfad entsteht, hängt jedoch von künftigen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen ab.
An erster Stelle steht der Bürokratieabbau. Seit Jahren nennen Unternehmen regulatorische Belastungen als eines ihrer größten Standortprobleme. Komplexe Berichtspflichten, lange Genehmigungsverfahren und immer neue Dokumentationsanforderungen kosten Zeit, Geld und Managementkapazitäten. Deutschland benötigt nicht weitere Ankündigungen, sondern spürbare Verbesserungen im Alltag der Unternehmen. Schnellere Verfahren, weniger Doppelregulierung und planbarere Regeln wären wahrscheinlich das wirksamste Konjunkturprogramm, das sich kurzfristig umsetzen ließe. Hier hat die Bundesregierung mit ihrem Programm für Aufschwung und Beschäftigung einen wichtigen ersten Schritt getan.
Ebenso wichtig sind öffentliche Investitionen. Investitionen in Infrastruktur, Energienetze, Bildungseinrichtungen und digitale Netze heben nicht nur kurzfristig das Wachstum. Sie bilden auch die Grundlage für künftiges Wachstum. Allerdings erhöhen staatliche Ausgaben nicht automatisch mittelfristig die Produktivität. Entscheidend ist, dass es zusätzliche Investitionen sind, die schnell umgesetzt werden und tatsächlich in Bereichen ankommen, die die Leistungsfähigkeit des Standorts verbessern. Dann ziehen sie private Investitionen und eine höhere Produktivität nach sich, die wiederum das Wachstum weiter ankurbeln.
Wie gelingt es Deutschland, seine Produktivität wieder zu steigern?
Die Antwort liegt weder ausschließlich in staatlichen Programmen noch allein im unternehmerischen Handeln. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel beider Seiten. Deutschland steht heute nicht vor dem Ende seines Wirtschaftsmodells. Aber das bisherige Erfolgsmodell reicht nicht mehr aus. Die kommenden Jahre werden darüber entscheiden, ob aus einer Phase der Stagnation eine Phase der Erneuerung wird. Dafür muss es gelingen, die aktuellen Fiskalimpulse in ein höheres langfristiges Wachstumstempo umzuwandeln – durch Bürokratieabbau, mehr private Investitionen, eine schnellere Digitalisierung und eine bessere Nutzung von Fachkräften. Der Mittelstand ist dabei nicht nur Teil des Problems und Betroffener der Transformation. Er ist einer ihrer wichtigsten Träger.
Dr. Stefan Kipar ist Senior Economist bei Union Investment.