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Mangold, Zucchini, Zuckermelonen, Auberginen, Gurken, Buschbohnen, Bataviasalat und natürlich Tomaten: In dieser Woche zeigt die Gemüsekiste des Regionalkollektivs Landshut, was der Sommer auf dem Feld hergibt. Bestückt wird sie je nach Saison – und danach, was gerade frisch geerntet wurde. Das Gemüse stammt vom eigenen Acker der Genossenschaft im Westen Landshuts. In den Genuss des Gemüses kommen vor allem die Mitglieder: An zehn Stationen in der Stadt und im Landkreis können sie ihre jeweilige Kiste abholen. 

Die Gemüsekisten sind der sichtbarste Teil einer Genossenschaft, die Landwirtschaft anders organisiert: ökologisch, sozial, regional und nachhaltig. Eine, die diesen Weg von Anfang an mitgeprägt hat, ist Ivet Stefanides. Als Vorständin und Betriebsleiterin führt sie an diesem Sommertag über den Acker des Regionalkollektivs – und erklärt, wie der Alltag des Bio-Betriebs im Westen Landshuts aussieht.

Modell der Solidarischen Landwirtschaft

Das Regionalkollektiv Landshut arbeitet nach dem Modell der Solidarischen Landwirtschaft, kurz Solawi. Die Gemüseproduktion soll regional, saisonal und solidarisch gestaltet sein. Und da die Mitglieder gemeinschaftlich handeln, mitentscheiden und Verantwortung übernehmen, passt die genossenschaftliche Rechtsform besonders gut zu diesem Modell. 

Rückgrat des Regionalkollektivs sind die Genossinnen und Genossen, die einen Erntevertrag abgeschlossen haben. „Wir haben etwa 330 Genossinnen und Genossen“, sagt Vorständin und Betriebsleiterin Stefanides. „Nicht alle beziehen allerdings eine Gemüsekiste, Ernteanteile haben wir 180.“  Wer einen Ernteanteil zeichnet, kauft nicht einzelne Gemüsesorten, sondern beteiligt sich an der gesamten Ernte des Regionalkollektivs. Für einen Ernteanteil erhalten Mitglieder Woche für Woche eine Gemüsekiste. Ertrag, Risiken und Kosten werden somit gemeinschaftlich getragen. 

Über die Ernteanteile finanziert sich somit der laufende Betrieb der Genossenschaft. Wie dieses Modell im Alltag funktioniert, zeigt sich wenige Schritte weiter draußen.

Zwischen Bauwagen, Beeten und Folientunneln

Gärtnerin Teresa arbeitet mit großem Hut und Sonnenbrille auf dem Acker. Die Sonne brennt auf die gepachtete Fläche. Von einer Privatperson hat das Regionalkollektiv diese für zehn Jahre übernommen. „Die gesamte Fläche ist sechs Hektar groß, drei Hektar nutzen wir davon für den Gemüseanbau“, erzählt Stefanides beim Rundgang. 

Schatten gibt’s am bunt bemalten Bauwagen. Das Gemüse wächst auf Freiflächen und unter zwei Folientunneln. Dazwischen stehen Streuobstbäume. Eine Vielzahl von Insekten und Tieren finden in extra gepflanzten Hecken und Bäumen geschützte Lebensräume. Tiere können aber auch Schaden anrichten, vor allem wenn sie mitessen. „Mäuse können zur Herausforderung werden“, erzählt Stefanides. „Und bevor wir den Zaun gebaut haben, bedienten sich vor allem auch Rehe und Hasen am schön aufgereihten Gemüse.“

Weitere Pläne und Ideen gibt es viele: „Eine Option für uns wäre auch Agroforst, die Kombination von Bäumen und Sträuchern mit dem Ackerbau“, sagt Stefanides. Agroforst kann die Wasser- und Nährstoffversorgung verbessern, steigert die Bodenfruchtbarkeit, bietet Schutz für das Grundwasser und erhält die Biodiversität. Bäume können dazu beitragen, länger anhaltende Trockenperioden besser zu überstehen. 

Mehr noch als die Trockenheit machen dem Regionalkollektiv allerdings schwere Gewitter mit starken Winden zu schaffen. Beim Vorbeigehen zeigt Stefanides auf einen Stapel Gemüsekisten, die erst kürzlich von einem Sturm durcheinandergewirbelt wurden.

Warum neben dem Feld, auf dem Gärtnerin Teresa arbeitet, ein weiterer Bereich derzeit brach liegt, erklärt Stefanides auf dem Rückweg: „Diese Fläche lassen wir seit zwei Jahren ruhen. Der Boden wird sonst ausgelaugt, die Natur braucht ihre Zeit, um sich selbst wieder zu regulieren.“

Vielfalt in der Gemüsekiste

Wie vielfältig der Anbau ist, zeigt der Blick auf die Kulturen des Regionalkollektivs. „Derzeit bauen wir über das ganze Jahr 58 verschiedene Gemüsekulturen an“, erzählt Stefanides weiter. Im Winter kauft das Regionalkollektiv von Erzeugern aus der Region unter anderem Kartoffeln an, die es selbst nicht anbaut. Auf diese Weise kann der Inhalt ihrer Gemüsekisten in den Wintermonaten noch ein wenig abwechslungsreicher gestaltet werden. „Ohne den Zukauf mögen die Kisten im Winter recht kohllastig sein“, gibt Stefanides zu.

Geteilte Verantwortung auf dem Acker

Stefanides kennt das Regionalkollektiv von Beginn an: Sie ist Gründungsmitglied und seit sieben Jahren im Vorstand der einzigen Biogärtnerei im Stadtgebiet Landshut. Derzeit bildet sie gemeinsam mit Clarissa Sianghom das Vorstandsteam. „Von Anfang an bin ich von unserem Ziel überzeugt gewesen, als Gemeinschaft etwas auf die Beine zu stellen und gutes Gemüse zu produzieren“, sagt Stefanides.

Im Vorstand ist sie ehrenamtlich aktiv, als Betriebsleiterin ist Stefanides ebenso wie die beiden Gärtner und das Logistikteam festangestellt. „Ob Betriebsleitung oder Logistikkraft, bei uns bekommen alle den gleichen Stundenlohn“, betont Stefanides. So lebt das Regionalkollektiv Solidarität und Gerechtigkeit. „Von März bis Oktober, das ist bei uns der Sommer, unterstützt uns noch eine gärtnerische Hilfskraft“, so die Betriebsleiterin.

Neben der sozialen Organisation profitiert das Regionalkollektiv vor allem vom gärtnerischen Know-how. Das Gärtnerteam trägt die Verantwortung für die Anbauplanung und beachtet dabei die Fruchtfolge, also die zeitliche Aufeinanderfolge der Kulturpflanzen auf den Flächen des Regionalkollektivs. Eine komplexe Aufgabe, denn die Anbauplanung muss so gestaltet sein, dass sowohl die Arbeitsaufwände als auch die zur Verfügung stehenden Erntemengen über das ganze Jahr wöchentlich gut verteilt sind. „Im Sommer machen unser Gärtner und unsere Gärtnerin, die wie wir anderen auch in Teilzeit angestellt sind, oft Überstunden, die sie dann im Winter abbauen“, sagt Vorständin und Betriebsleiterin Stefanides. Doch Fachwissen allein reicht nicht aus. Damit der Betrieb funktioniert, braucht es auch die Unterstützung der Mitglieder.

Mitbauen, mitjäten, miternten

Die Infrastruktur hat sich die Genossenschaft nach und nach aufgebaut. Elektrizität wurde verlegt, ein Brunnen gebohrt, der Gemeinschaftsplatz um den Bauwagen herum errichtet. „Auch die zwei Folientunnel haben wir in Eigenregie aufgestellt. Allerdings haben wir damals den zeitlichen Aufwand deutlich unterschätzt“, erinnert sich Stefanides. 

Bei Aktionen wie dem Tunnelaufbau bekommt das feste Team Unterstützung von den Genossinnen und Genossen. „Bei Einzelaktionen helfen viele gerne mit. Schwieriger ist es, andere zu motivieren, Verantwortung für regelmäßig anfallende Aufgaben zu übernehmen“, erzählt die Vorständin weiter. Ohne helfende Hände wäre der Betrieb allerdings unmöglich. „Die Zuckerschoten zum Beispiel werden von Ehrenamtlichen geerntet, ebenso die Kürbisse. Auch das Unkraut jäten wir mit der Hand. So haben wir zum Beispiel eine Jät-AG, die sich regelmäßig – jetzt im Sommer meist gleich in der Früh oder nach 20 Uhr – trifft.“ 

Zurück am Bauwagen erklärt die Betriebsleiterin die Bedeutung der Tafel: Am sogenannten Acker-Samstag, der von April bis Ende Oktober wöchentlich stattfindet, kommen interessierte Mitglieder, um mitzuhelfen. Auf der Tafel wird dann eingetragen, was alles zu tun ist. Und das ist eine Menge! „Meistens sind wir mit Jäten beschäftigt“, erzählt Stefanides. „Neben der Unterstützung bei der Ackerarbeit ist der Ackersamstag ein schönes gemeinschaftliches Element des Betriebs.“

Mehr Anteile, mehr Sicherheit

Damit das Modell langfristig trägt, braucht das Regionalkollektiv genügend Ernteanteile. „Ideal wären insgesamt 200 Anteile, 180 haben wir derzeit“, sagt Stefanides. Wichtig sei es daher, dass sich ehrenamtliche Helferinnen und Helfer die Zeit nehmen, auf dem Wochenmarkt Werbung für die Gemüsekisten des Regionalkollektivs zu machen. „Interessierte dort zu informieren und dazu anzuregen, einmal eine Testkiste zu beziehen, ist für uns ganz entscheidend“, sagt die Vorständin. „Über unser Engagement auf dem Wochenmarkt haben wir aktuell den größten Zulauf.“

Gemüsekisten gibt es beim Regionalkollektiv in unterschiedlichen Größen. Die Mini-Kiste oder Solokiste für die kleineren Bedarf mit wenig Inhalt, die Beziehungskiste für einen Haushalt mit zwei bis drei Personen oder die Bandenkiste für mehrere Personen. „Der administrative Aufwand beim Bestücken ist derselbe – unabhängig davon, wie groß die Kiste ist“, erklärt Stefanides im Packraum, an dessen Ende die Genossenschaft noch eine Kühlung stehen hat.  Auf einer Tafel vermerkt, was in der aktuellen Woche geerntet wurde und nach dem Wiegen in die Kisten gelegt werden soll.

„Wer gerade finanziell Probleme hat, kann auch auf uns zukommen. Wer knapp bei Kasse ist, für den haben wir unsere sogenannte Sonnenblumen-Kiste im Angebot.“ Diese Kiste richtet sich an Menschen, die weniger zahlen können, aber dennoch Teil der Genossenschaft bleiben wollen. 

Die Sonnenblumen-Kiste ermöglicht somit Menschen mit geringerem Einkommen dennoch den Zugang zu regionalen Bio-Lebensmitteln. Das ist das beste Beispiel dafür, wie das Regionalkollektiv nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft agiert: Die Mitglieder und Kistenbezieher finanzieren gemeinsam den Gemüseanbau. Wer mehr zahlen kann, unterstützt dadurch jene, die – vielleicht auch nur eine Zeitlang – weniger finanzielle Möglichkeiten haben.

Der solidarische Gedanke endet jedoch nicht bei den eigenen Mitgliedern. „Wir geben Gemüse an die Tafel Landshut und an das Caritas-Frauenhaus ab“, sagt die Betriebsleiterin. Gemüse-Patenschaften machen diese Kooperationen möglich. 

Ein Budget, viele Beiträge

Einmal im Jahr wird beim Regionalkollektiv neu gerechnet. Vor der sogenannten Bieterrunde kalkulieren Gärtnerei, Logistik, Verwaltung und Vorstand, welche Kosten im kommenden Jahr voraussichtlich anfallen – vom Saatgut über Löhne und Versicherungen bis hin zu Buchhaltung, Büroarbeit und Öffentlichkeitsarbeit. Daraus ergibt sich das Jahresbudget, das die Genossenschaft gemeinsam tragen muss.

Bei der Bieterrunde im November wird dieses Budget den Mitgliedern vorgestellt. Anschließend geben die Genossinnen und Genossen verbindlich an, wie viele Ernteanteile sie beziehen möchten – und welchen Beitrag sie dafür pro Woche leisten können. Das Besondere: Es gibt keinen starren Einheitspreis. Wer finanziell mehr Spielraum hat, kann mehr zahlen; wer weniger aufbringen kann, zahlt entsprechend weniger. „Jede und jeder, wie er oder sie kann“, betont die Vorständin. Entscheidend ist, dass am Ende die Summe der Gebote ausreicht, um den Betrieb im kommenden Jahr zu finanzieren.

„Seit Bestehen des Regionalkollektivs hat die Bieterrunde immer gut funktioniert“, sagt Stefanides und fügt hinzu: „So leben wir Solidarität und handeln gemeinschaftlich.“

Entstanden ist das Regionalkollektiv aus dem Wunsch heraus, Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Weiter zeigt die Genossenschaft, wie regionaler und ökologischer Gemüseanbau gemeinschaftlich organisiert werden kann. 

Die Mitglieder bekommen nicht nur saisonales Gemüse aus der Region, sondern sind selbst Teil des Betriebs – ob bei der Bieterrunde, beim Acker-Samstag oder beim gemeinsamen Jäten zwischen den Beeten. Auf dem Acker des Regionalkollektivs wächst deshalb nicht nur Gemüse, sondern auch das Bewusstsein dafür, was Landwirtschaft leisten kann, wenn viele sie gemeinsam tragen.

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