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Herr Professor Hackethal, die OECD fordert für Deutschland eine nationale Strategie, um die Finanzbildung zu stärken. Welchen Stellenwert hat Finanzbildung in Deutschland – und welchen sollte sie haben?

Andreas Hackethal: Deutschland ist eines von wenigen OECD-Ländern noch ohne national verankerte Strategie. Dabei wird Finanzbildung – definiert als Kombination von Wissen, Fähigkeiten und Mindset – umso wichtiger, je mehr finanzielle Verantwortung die Menschen selbst zu tragen haben und sich nicht mehr nur auf die gesetzliche Rente verlassen können. Das bisherige Versäumnis hat aber auch einen Vorteil. Nun wird man aus den Erfahrungen der anderen Länder schöpfen und auch gleich auf App-basierte Finanzbildung, KI-Assistenten und Social Media für die direkte Ansprache setzen können.
 

Was lässt sich von anderen Ländern lernen?

Hackethal: Die USA haben nach 20 Jahren nationaler Finanzbildung gelernt, dass ein Gießkannenprinzip zu viel kostet, aber wenig bringt. Nun gehen sie gezielt Themen wie Überschuldung, Studentenkredite und Entsparen im Alter an. Australien setzt weniger auf Fachwissen als auf finanzielle Gesundheit der Bürger und hat dazu eine starke Datenbasis aus Umfragen zu Fortschritt und Lücken. Auch Singapur geht datengestützt vor und kombiniert das Lernen mit eigenen Rentendaten.

Zur Person

Andreas Hackethal ist seit 2008 Professor für Finanzen am House of Finance der Frankfurter Goethe-Universität. In der Forschung beschäftigt er sich empirisch mit den Finanzentscheidungen privater Haushalte, der Rolle von Finanzberatung und der Digitalisierung der Finanzbranche. Gerade kam sein Finanzratgeber „Dein Financial Lifestyle Code“ in den Buchhandel.

Was kann Finanzbildung bewirken?

Hackethal: Die Forschung ist da eindeutig: Finanzbildung ist dann wirkungsvoll, wenn sie punktgenau ist, das heißt, wenn sie konkrete Lösungen für aktuelle Probleme einer bestimmten Zielgruppe liefert – und das am besten anwendungsorientiert anhand der persönlichen Situation. Generelles Finanzwissen hat eine ähnliche Halbwertszeit wie Physik im Schulunterricht. Das heißt, es geht relativ schnell wieder verloren. Damit verpuffen viele Angebote in Schulen oder Betrieben. Was wir brauchen, sind moderne Formate, mit denen die Zielgruppen ihre eigene Situation und die wirkungsvollsten Stellhebel verstehen können. Dazu gehören didaktisch ausgefeilte Apps, mit denen man finanzielle Entscheidungen richtig erleben kann und wo auch die KI einen kontrollierten Einsatz findet.
 

Wie ist es um die Finanzbildung in Deutschland bestellt?

Hackethal: In punkto Allgemeinwissen zu Zinseszins und Inflation ist Deutschland sogar international führend. Aber nur rund ein Viertel der Bevölkerung bringt auch hinreichend Erfahrungswissen mit. Es hapert vor allem an Fähigkeiten beim Planen und konsequenten Umsetzen und es herrscht noch zu viel Irrglauben vor, was finanziellen Erfolg ausmacht.
 

Wo liegen die Menschen beim Glauben, was finanziellen Erfolg ausmacht, im Wesentlichen falsch?

Hackethal: Viele glauben, das sei Frage von Spekulation, Connections oder Spezialwissen. Deshalb haben sie auch Angst, Fehler zu machen und trauen sich nicht zu handeln. Dabei ist der Erfolg vor allem Folge eines soliden Plans, der die Grundregeln der Finanzmärkte eingebaut hat und an dem ich fast per Autopilot festhalte. Dann passieren mir auch weniger die klassischen Anlagefehler wie Wetten auf Einzeltitel, mangelnde Streuung und der falsche Anlagenmix.

„Die Finanzbranche ist gefragt, den Gesamtblick auf die eigenen Finanzen zu liefern und den Umgang mit Produkten zu vereinfachen.“

Wen beziehungsweise welche Institutionen sehen Sie bei der Finanzbildung in der Verantwortung?

Hackethal: Lehrkräfte müssen die Basis legen. Aber nicht abstrakt zu Inflation und Rentensystem, sondern anwendungsorientiert und lebensnah. Die Finanzbranche ist auch gefragt, den Gesamtblick auf die eigenen Finanzen zu liefern und den Umgang mit Produkten zu vereinfachen – siehe Neobroker. Und die Politik kann über „Open Finance“ den Weg frei machen für die einfache Übertragung der eigenen Finanzdaten hinein in Finanzplanungstools. Dann können die Menschen erkennen, wo sie stehen und welche Stellhebel besonders wirkungsvoll sind.

Welche positiven Beispiele gibt es für Finanzbildung?

Hackethal: Wir pilotieren aktuell mit hessischen Schulen den Einsatz der Seasn-App der Goethe-Universität Frankfurt am Main im Schulunterricht. Damit lassen sich alle für Schülerinnen und Schüler relevante Themen anhand von echten Beispielsprofilen erklären und einüben. Auch für die Lehrkräfte wird es so viel einfacher, die Materie in den Griff zu bekommen. Wie möchte ich später leben? Wieviel verdiene ich in verschiedenen Berufen? Was kostet ein bestimmter Lifestyle und wie wirkt Sparen? Viele Finanzinstitute und Start-ups arbeiten heute an Lösungen rund um Financial Wellbeing. Da geht es im Kern darum, anhand der persönlichen Gesamtsituation datengestützt Risiken und Chancen für den eigenen Lebensstil zu erkennen und Lösungen aufzuzeigen. Dieses Lernen am eigenen Fall ist die beste Form der Finanzbildung. Das haben Länder wie Norwegen, Schweden und die Niederlande früh verstanden, indem sie ihren Bürgern über sogenannte Pension Dashboards alle Finanzdaten gesammelt zur Verfügung stellen. Die hiesige digitale Rentenübersicht ist ein guter Start, springt aber noch nicht weit genug.

„Finger weg von Finfluencern, die schnelles Geld versprechen oder bestimmte Produkte bewerben.“

Auch Finfluencer haben das Thema Finanzbildung für sich entdeckt. Wie bewerten Sie deren Auftreten?

Hackethal: Finger weg von Finfluencern, die schnelles Geld versprechen oder bestimmte Produkte bewerben. Es gibt im Netz aber hervorragende Angebote, um sich zu bestimmten Themen schlau zu machen, wie zum Beispiel von Finanztipp und Finanzfluss. Auch die gängigen KI-Modelle liefern schon sehr gute Antworten zu allgemeinen Finanzfragen. Aber all diese Angebote können keine persönliche Beratung auf Basis meiner individuellen Wünsche und aktuellen finanziellen Situation liefern. Hier hat auch eine persönliche Beratung, die mit einem datengestützten Big Picture arbeitet, noch großes Potenzial.
 

Welchen Einfluss hat Social Media auf die Finanzbildung junger Menschen?

Hackethal: Das Positive ist, dass in den Sozialen Medien Aufmerksamkeit für Geldthemen geschaffen und zum Handeln ermutigt wird. Die Gefahren lauern in lauten Versprechungen, gepaart mit Irrglauben und Interessenkonflikten.
 

Gibt es neben jungen Menschen weitere wichtige Zielgruppen für Finanzbildung?

Hackethal: Ja sicher. Jeder, der nicht behaupten kann, dass er Transparenz zu seinen Finanzen und Zielen hat, die wirkungsvollsten Stellhebel kennt und sich der typischen Geldfehler bewusst ist, kann noch dazulernen. Genau an jene richtet sich mein Buch „Dein Financial Lifestyle Code“. Dort erkläre ich anhand vieler Beispiele, wie ich meine Finanzen ohne großen Aufwand unter Kontrolle bekomme und kontinuierlich Vermögen aufbaue.
 

Welche Rolle spielen Regionalbanken bei der Finanzbildung – und wie können sie dazu beitragen, die Finanzbildung zu stärken?

Hackethal: Da gibt es meines Wissens schon länger gute punktuelle Finanzbildungsangebote. Börsenspiele gehören jedoch weniger dazu. Die große Chance sehe ich zukünftig darin, die Kunden mit Unterstützung von digitalen Planungshelfern an die Hand zu nehmen und faire Lösungen zu präsentieren, die sich perfekt in den individuellen Plan einpassen. Gerade junge Menschen wollen mehr Kontrolle. An die Stelle von Produktverkauf muss die lehrreiche Navigation durch den Financial Lifestyle treten.


Herr Professor Hackethal, vielen Dank für das Interview!

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