Diese Website verwendet Cookies. Wenn Sie unsere Seiten nutzen, erklären Sie sich hiermit einverstanden. Weitere Informationen

Die ersten Raiffeisengenossenschaften entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts in einer von Missernten und Armut betroffenen Region: dem Westerwald. Die Zeiten waren geprägt vom Umbruch: Zerfall der alten Herrschaftsstrukturen, Bauernbefreiung, Bodenreform, Einführung der Gewerbefreiheit und Anfänge der industriellen Revolution.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen war kein Ideologe, der seine Theorie verteidigte. Er passte sein Genossenschaftskonzept an die jeweiligen Verhältnisse an. So lehnte er ursprünglich die finanzielle Beteiligung der Mitglieder an ihren Genossenschaften mit Geschäftsanteilen ab, ließ dann aber Geschäftsanteile in geringer Höhe zu, bis 1867 das von Hermann Schulze-Delitzsch wesentlich mitgestaltete preußische Genossenschaftsgesetz die Beteiligung der Mitglieder von Genossenschaften mit Geschäftsanteilen zwingend vorschrieb.

Wie haben sich Raiffeisens Ideen in Deutschland ausgebreitet?

Die Ausbreitung seiner Idee trieb Raiffeisen selbst maßgeblich voran. 1866 veröffentlichte er das Buch: „Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter“, welches in acht Auflagen erschien. Auf diese Weise breitete sich die Idee im ganzen Deutschen Reich aus. In immer mehr Orten gründeten sich solche Darlehnskassen-Vereine. Berichte über Raiffeisengenossenschaften erschienen damals in landwirtschaftlichen Zeitungen. Auch im Ausland wurde das Buch empfohlen, etwa in der österreichischen Monatsschrift „Neue landwirtschaftliche Zeitung“. Die erste Anfrage nach Übersetzungsrechten für Raiffeisens Buch kam 1866 aus Ungarn, die achte Auflage wurde 1970 ins Englische übertragen.

In Zeiten ohne moderne Kommunikationsmittel wie Telefon und Internet standen das gesprochene und das gedruckte Wort im Vordergrund. Dementsprechend waren die wichtigsten Promotoren der Raiffeisengenossenschaften diejenigen, die lesen und schreiben konnten: Pfarrer, Lehrer und speziell ausgebildete Wanderlehrer. Es gab Staatshilfe für die Finanzierung von Studienreisen, für die Ausbildung von Amtsträgern und Angestellten von Genossenschaften und für die Ausbildung und Bezahlung von Wanderlehrern.

Wer sich über die Arbeit der Raiffeisengenossenschaften in Deutschland informieren und nicht nur per Post korrespondieren wollte, musste lange, beschwerliche Studienreisen unternehmen: Besucher aus der ganzen Welt kamen nach Neuwied und ins Deutsche Reich, um das Genossenschaftsmodell kennen zu lernen.

Deutsche Nachbarstaaten

Die Ideen Raiffeisens wurden zunächst in den Nachbarstaaten übernommen: In den Ländern der damaligen Donaumonarchie, Italien, Frankreich und den Niederlanden. Besonders viele Gründungen gab es in Südtirol.

Osteuropa

Auch in Osteuropa entstanden Genossenschaftsstrukturen. Diese wurden allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg durch sozialistische Kooperativen abgelöst. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 entstanden in den ehemaligen Ostblockstaaten wieder Raiffeisengenossenschaften.

Indien

Die weltweite Verbreitung des Raiffeisenmodells begann Ende des 19. Jahrhunderts mit Studienbesuchen von zwei Beamten der Verwaltung des englischen Imperiums in Indien, Frederic A. Nicholson und Henry Dupernex. Nicholson empfahl in seinem Bericht, das deutsche Genossenschaftsmodell zu übernehmen, um der wirtschaftlichen und sozialen Notlage der indischen Kleinbauern zu begegnen und soziale Unruhen zu vermeiden. Er rief dazu auf, „einen indischen Raiffeisen zu finden“.

Ehemalige englische Kolonien, heute „Commonwealth“

Das im Wesentlichen von Hermann Schulze-Delitzsch geprägte deutsche Genossenschaftsgesetz von 1889 diente als Vorbild für das indische Gesetz für Kreditgenossenschaften von 1904. Dieses wurde in novellierter Form auch in anderen Ländern des englischen Kolonialreichs übernommen, zum Beispiel in Ghana, Tansania und Nigeria. 1946 wurde es als Modellgenossenschaftsgesetz der englischen Kolonialverwaltung in allen von England abhängigen Gebieten empfohlen.

Japan

Zwei hohe japanische Beamte, die Deutschland um 1890 besuchten, empfahlen die Übernahme eines Genossenschaftsgesetzes nach deutschem Vorbild. Dieses trat 1900 als „Industrial Co-operative Societies Act“ in Kraft. Zur gleichen Zeit lehrte der deutsche Professor Udo Eggert an der kaiserlichen Universität in Tokyo und schlug in einem Buch über die Förderung der japanischen Landwirtschaft vor, die Ideen von Raiffeisen mit japanischen Werten zu verbinden. In Japan wurden landwirtschaftliche Vielzweckgenossenschaften nach Raiffeisens Muster errichtet, die bis heute arbeiten. Chinesische Wissenschaftler, die in Deutschland und Japan studierten, lernten so die Raiffeisengenossenschaften kennen.

Nordamerika

Das Raiffeisenmodell erreichte zunächst Kanada als „Caisse Populaire“ und „Credit Union“. Der Journalist Alphonse Desjardins lernte das Raiffeisenmodell bei Studienreisen in Europa kennen und gründete 1900 die erste Caisse Populaire in Levis bei Québec. Es folgten weitere Gründungen und die Errichtung eines Genossenschaftsverbands. Die Credit Unions verbreiteten sich in ganz Kanada. In den USA gründete der Journalist Edward Alfred Filene die erste Credit Union in Madison, Wisconsin. Filene hatte das Raiffeisenmodell in Indien kennen gelernt. 1935 entstand ein nationaler Verband (CUNA), aus dem sich 1970 der Weltrat der Credit Unions (WOCCU) entwickelte.

Afrika und Lateinamerika

Von Amerika aus wurden Credit Unions in der ganzen Welt verbreitet, zum Beispiel in Afrika mit Gründung des panafrikanischen Genossenschaftsverbands ACOSCA (gegründet 1968), der die neu entstehenden Credit Unions in vielen afrikanischen Staaten unterstützte. Ebenso verbreiteten sich ab 1960 Credit Unions in Lateinamerika mit Unterstützung der katholischen Kirche und amerikanischer Entwicklungshilfe.

In welcher Zeit haben sich Raiffeisens Ideen verbreitet?

Die Ideen Raiffeisens verbreiteten sich in zwei Modellen und in mehreren Phasen: Einerseits die Raiffeisenbanken mit und ohne Warengeschäft und andererseits seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Credit Unions. 

Raiffeisenbanken entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Gebieten, die damals zur Donaumonarchie gehörten. Oft wurden diese Genossenschaften als Instrumente für die Stärkung der Nationalitäten in dem Vielvölkerstaat genutzt. Ende des 19. Jahrhunderts erreichte das Raiffeisenmodell Indien und Japan, später auch China. Im englischen Kolonialreich wurde das zum Teil auf dem Raiffeisenkonzept beruhende „klassische Britisch-Indische Modell“ ab 1929 in Afrika eingeführt. 1946 entstand eine Musterregelung für alle abhängigen Gebiete.

In Lateinamerika wurden die ersten Raiffeisengenossenschaften Anfang des 20. Jahrhunderts von deutschen und italienischen Einwanderern in Südbrasilien, Argentinien und Uruguay eingeführt. Nach 1960 erreichten die Credit Unions Lateinamerika, unterstützt von der katholischen Kirche und von der amerikanischen Entwicklungshilfe-Agentur USAID.

Wiederaufleben der Genossenschaften in Osteuropa

Nach der Auflösung der Sowjetunion wurden in Osteuropa die sozialistischen Kollektive in der Landwirtschaft aufgelöst. Die Bevölkerung stand Genossenschaften skeptisch gegenüber. In Polen wurden zum Beispiel andere Formen der Zusammenarbeit von Bauern wie Landwirtschaftszirkel bevorzugt. 1990 zeigte die polnische Gewerkschaft „Solidarität“ Interesse an der Einführung von Credit Unions in Polen. Mitglieder der Gewerkschaft wurden zu einer Studienreise eingeladen, um Credit Unions in Kanada, Irland und den USA zu besuchen. Im gleichen Jahr kam es zu der Gründung der Stiftung für polnische Credit Unions (Foundation of Polish Credit Unions) mit einem Zuschuss von WOCCU und CUNA Mutual Inc. in Höhe von 70.000 US-Dollar zum Gründungskapital. Zur Entwicklung von Credit Unions wurde ein Fünf-Jahres-Projekt gestartet. Dazu gehörten der Entwurf eines Aktionsprogramms, die Schulung von Mitarbeitern und Reisen von leitenden Mitarbeitern ins Ausland. 

Als der Internationale Genossenschaftsbund (IGB) 1995 seine Erklärung zur genossenschaftlichen Identität abgab, waren in den sieben Genossenschaftsprinzipien dieser Erklärung die Raiffeisenprinzipien enthalten. Durch Übernahme der Genossenschaftsprinzipien des IGB in Erklärungen der UNO im Jahr 2001 und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) im Jahr 2002 wurden die Raiffeisenprinzipien weltweit anerkannt. 2016 erklärte die UNESCO die deutsche Genossenschaftsidee einschließlich des Raiffeisenmodells zum immateriellen Weltkulturerbe.

 

Prof. Dr. Hans-H. Münkner (82) zählt zu den führenden Genossenschaftsexperten. Von 1964 bis 2000 lehrte er am Institut für Kooperation in Entwicklungsländern der Universität Marburg. Zwischen 1992 und 2000 leitete er das Institut. Münkner ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschien von ihm, zusammen mit Werner Großkopf und Günther Ringle, im DG Verlag: „Unsere Genossenschaft: Idee – Auftrag – Leistungen“.

Artikel lesen
Top-Thema