Frühwarnsystem: Wie lassen sich Kundenbeschwerden strategisch nutzen? Sabrina Dulgeridis und Professor Marcel Dulgeridis haben das für Genossenschaftsbanken untersucht.
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Das Wichtigste auf einen Blick
- Portfolio-Tracking-Tools dienen Privatanlegern vor allem als Organisations- und Kontrollinstrument – nicht als Ersatz für Beratung.
- Mehr Kontrolle über das Portfolio führt entgegen der Erwartung nicht zu mehr impulsivem Handeln, da die technische Trennung von Analyse-Tool und Handelsplattform wie eine eingebaute Bedenkzeit wirkt.
- Für Genossenschaftsbanken folgt daraus ein doppelter Auftrag: den Gesamtüberblick der Kunden zurückgewinnen und die schützende Bedenkzeit bewusst erhalten.
Immer mehr Menschen verwalten ihr Vermögen über mehrere Depots und Anbieter hinweg: ein Depot bei der Hausbank, ein ETF-Sparplan beim Neobroker, vielleicht noch ein Konto bei einem Fintech. Um trotzdem den Überblick zu behalten, greifen einige auf sogenannte Portfolio-Tracking-Tools zurück: Apps wie Parqet oder Getquin, die Depots anbieterübergreifend zusammenführen und auswerten, ohne selbst Wertpapiere zu kaufen oder zu verkaufen.
Für Genossenschaftsbanken wirft das eine strategische Frage auf: Verlieren sie durch diese Tools den Überblick über die tatsächliche Vermögenssituation ihrer Kunden – oder eröffnet sich hier eine Chance für relevantere Beratung? Im Gespräch erklärt Constantin Schubart, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der IU Internationalen Hochschule in Erfurt, woher diese Entwicklung kommt und was Genossenschaftsbanken daraus für Beratung, Vertrieb und Kundenbindung ableiten können.
Herr Professor Schubart, warum beschäftigen sich heute viele Privatanleger mit Portfolio-Tracking-Tools?
Constantin Schubart, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der IU Internationalen Hochschule in Erfurt.
Constantin Schubart: Das hat mit einer Entwicklung zu tun, die man die Demokratisierung des Kapitalmarkts nennt. Niedrigzinsphase, gestiegene Inflation und die Unsicherheit über die gesetzliche Rente haben dazu geführt, dass deutlich mehr Menschen selbst und digital investieren – oft über mehrere Neobroker gleichzeitig, weil dies dort besonders günstig und unkompliziert ist. Damit entstand aber ein neues Problem: Wer bei drei oder vier Anbietern parallel investiert, verliert schnell den Überblick über sein Gesamtvermögen. Genau diese Lücke füllen Portfolio-Tracking-Tools wie Parqet oder Getquin. Sie sind keine Bank und kein Broker, sondern reine Auswertungs-Apps, die alle Depots an einem Ort zusammenführen.
Warum ist das für Genossenschaftsbanken relevant?
Schubart: Für Genossenschaftsbanken ist das relevant, weil ein wachsender Teil der Vermögensrealität ihrer Kunden heute genau dort sichtbar wird – in diesen externen Apps, nicht mehr im eigenen Online-Banking. Wer als Bank versteht, woher diese Entwicklung kommt und wie Kunden solche Tools nutzen, kann daraus wertvolle Impulse für die eigene Beratung und Vertriebssteuerung ableiten.
„Der Wunsch nach Überblick ist ein Beratungsthema, kein Bedrohungsszenario.“
Sie haben in einer Online-Befragung Daten zur Nutzung von Portfolio-Tracking-Tools erhoben. Wer war Ihre Zielgruppe und zu welchen Erkenntnissen sind Sie gekommen?
Schubart: Wir haben aktive Nutzerinnen und Nutzer von Tools wie Parqet, Getquin oder Finanzfluss Copilot befragt, und das Bild war sehr eindeutig. Diese Software wird in erster Linie genutzt, um Ordnung in fragmentierte Depots zu bringen und die eigenen Anlageziele im Blick zu behalten – nicht, um sich Anlageentscheidungen abnehmen zu lassen. Konkrete, automatisierte Kaufempfehlungen der Software lehnt die deutliche Mehrheit der Nutzer ab. Sie wollen die Grundlage für ihre Entscheidung, nicht die Entscheidung selbst. Technisch entscheidend ist zudem, dass diese Tools bewusst keine eigene Handelsfunktion besitzen. Analyse und Transaktion sind getrennt – wer kaufen oder verkaufen will, muss die App wechseln und sich beim eigentlichen Broker einloggen. Genau dieser Bruch zwischen Beobachten und Handeln war für uns der eigentliche Ansatzpunkt der Untersuchung.
„Die Mehrheit der Nutzer möchte die Entscheidungshoheit über das eigene Vermögen ausdrücklich behalten.“
Was hat Sie an den Ergebnissen am meisten überrascht?
Schubart: Die Verhaltensökonomie würde eigentlich das Gegenteil erwarten. Wenn Anleger ihr Portfolio ständig griffbereit auf dem Smartphone haben, müsste die sogenannte kurzsichtige Verlustaversion greifen: Je öfter man hinschaut, desto häufiger sieht man kurzfristige Buchverluste, und desto größer wird der psychologische Druck, impulsiv zu reagieren. Genau das haben wir erwartet – und genau das ist nicht eingetreten. Die Nutzer haben ihr Portfolio zwar spürbar häufiger kontrolliert als vorher, aber sie haben deswegen nicht häufiger oder unüberlegter gehandelt. Im Gegenteil: Der stärkste Effekt der gesamten Untersuchung war ein gestiegenes Sicherheitsgefühl, das die Anleger zu bewussten, gezielten Anpassungen ihres Portfolios bewegt hat – nicht zu Hektik. Mehr Kontrolle führte also nicht zu mehr Nervosität, sondern zu mehr Souveränität. Der Grund dafür ist denkbar einfach und liegt genau im fehlenden Kauf-Button: Wer handeln will, muss die Plattform wechseln – und genau dieser Wechsel schafft eine kurze, aber wirksame Bedenkzeit, in der sich der erste Impuls meistens wieder legt.
Praxisbeispiel
Ein Kunde mit Depots bei drei verschiedenen Instituten hatte bislang eine eigene Excel-Tabelle zur Übersicht gepflegt. Nach dem Wechsel zu einem Portfolio-Tracking-Tool prüfte er sein Vermögen deutlich häufiger als zuvor – handelte deswegen aber nicht öfter. Stattdessen nahm er zwei gezielte Anpassungen vor, um eine Übergewichtung in Technologiewerten zu korrigieren, die ihm erst durch die zusammengeführte Übersicht aufgefallen war.
Was leiten Sie daraus für Genossenschaftsbanken ab?
Schubart: Erstens sind Kunden, die ihr Vermögen digital im Blick behalten, nicht automatisch risikofreudiger oder schwerer beratbar. Zweitens: Die schützende Wirkung entsteht durch die technische Trennung von Übersicht und Transaktion – ein Prinzip, das Banken bei eigenen digitalen Angeboten bewusst erhalten sollten. Und drittens: Transparenz kanalisiert sich in überlegte Entscheidungen, wenn das Umfeld dafür stimmt – das ist ein Beratungsargument, kein Risiko. Ein sehr aufschlussreicher Befund war, dass sich die deutliche Mehrheit der Befragten am liebsten eine integrierte, anbieterübergreifende Portfolio-Übersicht direkt in ihrer Broker- oder Banking-App wünscht – statt eine zusätzliche App separat zu pflegen. Diese Marktlücke füllen derzeit externe Tools, weil klassische Institute die eigene Vermögensrealität ihrer Kunden oft nur ausschnitthaft sehen – nämlich nur das, was im eigenen Haus liegt. Für die Beratung ist das eine verschenkte Grundlage. Eine Geeignetheitsprüfung nach der Finanzmarktrichtlinie MiFID II wird valider, wenn tatsächlich das gesamte Vermögensbild einbezogen wird, nicht nur der Depotausschnitt bei der eigenen Bank. Genau hier verändert sich die Rolle der Beratung.
Inwiefern ändert sich die Beratung durch Portfolio-Tracking-Tools?
Schubart: Der Kunde von heute kommt oft informierter ins Gespräch als früher – er kennt seine Performance, seine Asset-Allokation, seine Diversifikation. Was er nicht will, ist eine Software, die ihm sagt, was er kaufen soll. Was er sucht, ist jemand, der die Zahlen einordnet: Ist die Konzentration in einer Branche ein Klumpenrisiko? Passt die Diversifikation zur eigenen Lebensplanung? Digitale Transparenz ersetzt keine Beratung. Sie verändert aber die Erwartungen an Beratung – weg von der reinen Informationsvermittlung, hin zur fundierten Einordnung.
Praxisbeispiel
Ein junger ETF-Sparer mit Neobroker-Erfahrung bringt zum Jahresgespräch bereits eine vollständige digitale Übersicht seiner Anlagen mit. Statt Basiswissen zu erklären, kann der Berater direkt auf ein erkennbares Klumpenrisiko in einer einzelnen Branche eingehen und einen konkreten Diversifikationsvorschlag machen – ein Beratungsanlass, der ohne den Gesamtüberblick unentdeckt geblieben wäre.
Welche Fehlannahmen erleben Sie bei Banken im Umgang mit diesem Thema häufig?
Schubart: Der erste Denkfehler ist die Annahme, informierte Kunden bräuchten weniger Beratung. Das Gegenteil ist der Fall: Der Wunsch nach Überblick ist enorm hoch, nur die Erwartungshaltung hat sich verschoben. Kunden wollen keine automatisierten Kaufempfehlungen, aber eine fundierte Einordnung ihrer Situation – und die liefert keine App, sondern ein guter Berater. Der zweite Denkfehler ist die Sorge, mehr digitale Kontrollmöglichkeiten für Kunden würden automatisch zu mehr riskantem Handeln führen. Unsere Daten zeigen: Solange Beobachtung und Transaktion technisch getrennt bleiben, bleibt auch das Verhalten überwiegend diszipliniert. Ein dritter, sehr praxisrelevanter Fehler liegt im Umkehrschluss: Manche Anbieter wollen genau diese Trennung aus vermeintlicher Kundenfreundlichkeit auflösen und die Vermögensübersicht mit einem Klick-zum-Kauf direkt verknüpfen. Das ist genau der Punkt, an dem der schützende Mechanismus verloren geht, den unsere Studie identifiziert hat. Ein vierter Fehler betrifft Gamification: Viele Anbieter setzen auf Fortschrittsanzeigen, Abzeichen oder Ranglisten, um Kunden zu binden. Unsere ohnehin finanziell gebildete und technisch affine Zielgruppe hat solche Elemente sehr uneinheitlich bewertet und empfindet sie häufig als unseriös für eine ernsthafte Vermögensfrage.
„Portfolio-Tracking-Tools können Beratung nicht ersetzen. Sie können sie aber deutlich relevanter machen.“
Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Hebel für Genossenschaftsbanken?
Schubart: Ich sehe vier Handlungsfelder. Erstens die Vermögensübersicht als eigenes Beratungsinstrument: Wer als Bank über Open-Banking-Schnittstellen eine anbieterübergreifende Depotsicht anbietet oder mit einem etablierten Anbieter kooperiert, gewinnt die Vermögensrealität des Kunden zurück – als Grundlage für Beratung, nicht als Selbstzweck. Zweitens die inhaltliche Neuausrichtung der Beratung selbst: weg von der reinen Kennzahlenerklärung, hin zur strategischen Einordnung von Klumpenrisiken, Diversifikation und Zielerreichung. Drittens der bewusste Umgang mit dem Medienbruch als Qualitätsmerkmal, nicht als technisches Defizit. Und viertens die Neupositionierung im Wertpapiergeschäft insgesamt, die durch das Ende der Übergangsfrist für das Verbot von Zahlungen für Orderflüsse Mitte 2026 noch an Dringlichkeit gewinnt. Der letzte Punkt ist ökonomisch besonders relevant. Wenn Brokern die bisherigen Rückvergütungen aus dem Orderfluss wegfallen, wird Kundenbindung über echten Mehrwert wichtiger als über den Preis pro Trade. Genau hier haben Genossenschaftsbanken einen strukturellen Vorteil, den reine Neobroker nicht haben: Persönliche Beratung, regionale Nähe und Vertrauen sind schwerer zu kopieren als eine App-Funktion. Wer diesen Vorteil mit einer guten digitalen Vermögensübersicht kombiniert, statt beides gegeneinander auszuspielen, positioniert sich strategisch klug.
Was bedeutet das für Berater und die Vertriebssteuerung in der Genossenschaftsbank?
Schubart: Die Rolle des Beraters verschiebt sich vom Informationslieferanten zum Einordner. Wenn der Kunde seine Kennzahlen bereits kennt, zählt nicht mehr das Vorlesen von Renditen, sondern die Fähigkeit, daraus eine Empfehlung abzuleiten, die zur individuellen Lebenssituation passt. Für die Vertriebssteuerung eröffnet sich zugleich eine neue Datenquelle: Wenn Kunden bereit sind, ihre Gesamtvermögensübersicht mit der Bank zu teilen, lassen sich daraus konkrete Beratungsanlässe ableiten – etwa ein erkennbarer Rebalancing-Bedarf oder eine Klumpenrisiko-Situation, die proaktiv angesprochen werden kann.
Wichtige Erkenntnisse kurz zusammengefasst
- Kunden, die ihr Vermögen digital im Blick behalten, sind nicht automatisch risikofreudiger oder schwerer zu beraten.
- Die schützende Wirkung entsteht durch die technische Trennung von Übersicht und Transaktion – ein Prinzip, das Banken bei eigenen digitalen Angeboten bewusst erhalten sollten.
- Transparenz führt zu überlegten Entscheidungen, wenn das Umfeld dafür stimmt – das ist ein Beratungsargument, kein Risiko.
Welche Rolle spielen Compliance und Organisation dabei?
Schubart: Eine sehr wichtige. Sobald eine Bank beginnt, Hinweise oder gar Empfehlungen auf Basis der Gesamtübersicht zu geben, muss die Compliance-Funktion frühzeitig klären, ab welchem Punkt das rechtlich als Anlageberatung nach MiFID II gilt. Das ist keine Frage, die der Vertrieb allein beantworten kann und sollte. Die Organisation muss zudem die technischen Voraussetzungen schaffen – etwa Open-Banking-Schnittstellen für die Depotaggregation – und die IT muss dabei genauso eingebunden sein wie die Revision. Am Ende trägt der Vorstand die strategische Verantwortung: Positioniert sich die Bank aktiv im Wertpapiergeschäft mit einem klaren digitalen Beratungsangebot, oder überlässt sie dieses Feld den Neobrokern und externen Tools?
„Digitale Transparenz ersetzt keine Beratung. Sie verändert aber die Erwartungen an Beratung.“
Was ist Ihre wichtigste Botschaft an die Vorstände der Genossenschaftsbanken?
Schubart: Das Vermögen der Kundinnen und Kunden liegt heute an mehr Orten, als die eigenen Systeme zeigen. Das ist keine Randnotiz, sondern eine strategische Tatsache, die man nicht verschlafen sollte. Wer den Gesamtüberblick nicht aktiv zurückgewinnt, verliert schleichend an Beratungsrelevanz – nicht, weil die Beratung schlechter wird, sondern weil sie an der falschen, unvollständigen Datenbasis ansetzt. Genossenschaftsbanken sollten digitale Selbststeuerung ihrer Kunden nicht als Konkurrenz verstehen, sondern als Einstieg in bessere Gespräche. Aus der Forschung würde ich ergänzen: Der schützende Effekt, den wir in unserer Studie gefunden haben, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer bewussten technischen Trennung. Jede Bank, die digitale Vermögensübersichten einführt, sollte diese Trennung als Designprinzip verstehen – nicht als etwas, das man aus Komfortgründen möglichst schnell wegoptimiert. Am Ende verbindet sich beides: Die genossenschaftliche Beratung lebt von Nähe und Vertrauen, die digitale Vermögensübersicht liefert dafür die vollständige Datengrundlage. Wer diese Kombination bewusst gestaltet, stärkt die Kundenbindung genau in dem Moment, in dem sich das Geschäftsmodell klassischer Broker durch das Ende der Orderfluss-Vergütungen ohnehin verändert.
Herr Professor Schubart, vielen Dank für das Gespräch!
Prof. Dr. Constantin Schubart ist seit 2020 Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der IU Internationale Hochschule im Dualen Studium am Standort Erfurt. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung in Lehre, Forschung und Praxis.
Wissenschaftlicher Hintergrund
- Die Erkenntnisse des Interviews beruhen auf einer quantitativen Online-Befragung aktiver Nutzerinnen und Nutzer von Portfolio-Tracking-Tools.
- Ausgewertet wurden 267 valide Datensätze, erhoben zwischen Dezember 2025 und Januar 2026.
- Die Erkenntnisse wurden als wissenschaftliches Diskussionspapier an der IU Internationalen Hochschule veröffentlicht: „Der Einfluss von Portfolio-Tracking-Tools auf das Investitionsverhalten von Privatanlegern“ (IU Discussion Papers – Business & Management, No. 8, Mai 2026).