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Erst leuchteten blaue Punkte auf der Großbildleinwand auf, dann grüne, und schließlich verbanden sie sich auf der Bayernkarte zu einem Netz. Die Punkte zeigten an, aus welchen Orten die mehr als 1.100 Gäste Mitte Juli zum 120. GVB-Verbandstag nach Unterschleißheim gekommen waren – und ob sie eine der 236 bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken vertraten oder eines der mehr als 1.000 genossenschaftlichen Handels- und Dienstleistungsunternehmen im Freistaat.

Wolfgang Altmüller, Verbandsratsvorsitzender und ehrenamtlicher Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB), verdeutlichte mit dieser Datenanalyse bei seiner Ansprache zweierlei: Die 1.242 bayerischen Genossenschaften sind mit ihren mehr als 50.000 Beschäftigten und 2,9 Millionen Anteilseignern nicht nur eine der größten mittelständischen Wirtschaftsorganisationen im Freistaat. Sie bilden auch ein enormes Netzwerk. Und: Daten schaffen Transparenz. Sie sind der Rohstoff der digitalen Ökonomie. Wer genau weiß, was seine Kunden und Mitglieder brauchen und wer sie sind, kann sein Geschäftsmodell gezielt auf deren Bedürfnisse ausrichten.

Genau darum ging es beim 120. Verbandstag des GVB, der dieses Jahr unter dem Motto „Geschäftsmodell Genossenschaft: nah – innovativ – digital“ stand: Wie lassen sich die Stärken und die Stabilität der bayerischen Genossenschaften mit ihren umfangreichen Netzwerken in die digitale Welt transformieren? Wie können die bayerischen Genossenschaften die Digitalisierung zum Wohle ihrer Mitglieder und Kunden nutzen? GVB-Präsident Jürgen Gros formulierte es in der abschließenden Podiumsrunde so: „Im Kern sprechen wir heute darüber, wie das digitale Update des Genossenschaftsmodells aussieht.“

Flexibilität des Genossenschaftsmodells

In Anbetracht der 160-jährigen Geschichte der bayerischen Genossenschaften zeigte sich Altmüller optimistisch, dass diese auch die digitale Transformation meistern. Die genossenschaftlichen Unternehmen seien als Finanzpartner, als Partner der Landwirtschaft, als dezentraler Energieversorger oder als IT-Dienstleister fest im bayerischen Wirtschaftsleben verankert. Das sei eine solide Grundlage, um erfolgreich digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Altmüller: „Wenn sich unser Umfeld wandelt, dann gehen wir mit. Das haben Genossenschaften seit jeher hervorragend gemeistert.“

Die Flexibilität des genossenschaftlichen Geschäftsmodells speise sich aus dem Pioniergeist der Gründer, so Altmüller. „Genossenschaftliches Unternehmertum zeigt sich darin, offen für Neues zu sein. Das haben uns unsere Gründungspioniere vorgelebt. Sie handelten schnell und pragmatisch. Dieser Spirit lebt auch in der modernen Genossenschaft“, sagte der Verbandsratsvorsitzende.

Europameister der Stabilität

Wo diese Unternehmen alleine nicht weiterkommen, suchen sie die Vernetzung mit Partnern, so Altmüller. Das zahle sich bis heute aus.  „Die 236 bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken bilden eine starke Familie von genossenschaftlichen Universalbanken. Sie sind die einzige Bankengruppe in Deutschland, die das Rating AA- führen darf. Damit sind die Volksbanken und Raiffeisenbanken Europameister der Stabilität.“ Die bayerischen Genossenschaften verfügten dabei zusätzlich über einen Wettbewerbsvortel, der sie auch gegenüber Internetgiganten punkten lasse: „Es ist das Versprechen, den Kunden und das Mitglied auf einer menschlichen Ebene zu verstehen. Denn das ist das Herz des genossenschaftlichen Geschäftsmodells und Chance für die Zukunft“, so Altmüller. Der Mensch stehe im Mittelpunkt.

Die digitale Transformation ist für die bayerischen Genossenschaften aber alles andere als ein Selbstläufer. Denn der Wettbewerb ist intensiv und die Innovationszyklen kurz. „Google und Amazon geben weltweit am meisten Geld für Forschung und Entwicklung aus, mehr als VW. Sie entwickeln ständig neue Märkte und ruhen sich nicht aus“, sagte der Wirtschaftsforscher Achim Wambach in seinem Festvortrag. Doch obwohl die digitale Marktwirtschaft die bisherigen Strukturen auf den Kopf stelle, schaffe sie mehr Wohlstand für alle, sagte der Präsident des Mannheimer Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Impression vom GVB-Verbandstag 2019, Achim Wambach Rede
Neue Märkte schaffen Dynamik: Der Mannheimer Wirtschaftsforscher Achim Wambach ist davon überzeugt, dass die Digitalisierung letztendlich mehr Wohlstand für alle bringen wird. Fotos: GVB/Barbara Obermaier
Impression vom GVB-Verbandstag 2019
Netzwerktreffen: Wie immer nutzten die Gäste des 120. GVB-Verbandstags die Gelegenheit, Bekannte zu treffen und Kontakte zu knüpfen.
Impression vom GVB-Verbandstag 2019
Ortswechsel: Der 120. GVB-Verbandstag fand zum letzten Mal im Ballhausforum in Unterschleißheim statt. Nächstes Jahr zieht er auf den Münchner Nockherberg um.

Charakteristika der Sozialen Marktwirtschaft seien Preise als zentrales Allokationsinstrument, Privateigentum, fairer Wettbewerb und Sozialpartnerschaften, so Wambach, der auch der Monopolkommission vorsitzt. Die digitale Marktwirtschaft werde hingegen durch Daten, dem Prinzip der „Sharing Economy“, Monopole sowie „Clickworkertum“ geprägt. Das rüttele an den Geschäftsmodellen vieler Unternehmen – „und das macht uns nervös, weil etwas Neues entsteht“, sagte der ZEW-Präsident. Sein Resümee: „Die alten Leitplanken, mit denen die Soziale Marktwirtschaft die wohlstandsmehrenden Kräfte schützte, passen heute nicht mehr. Sie brauchen eine Weiterentwicklung.“

Wenn jedoch die Wettbewerbs- und Sozialpolitik umdenkt und ihr Instrumentarium schärft, könne es auch morgen produktiven Wettbewerb und auskömmliche Arbeit für alle geben, ist Wambach überzeugt. Die Angst vor massenhaftem Jobabbau durch Automatisierung sei unbegründet. Als Beispiel nannte er den Einsatz von Robotern in der Industrie. „Deutschland ist nach Singapur und Südkorea das Land mit den meisten Industrierobotern“, so der Wirtschaftsforscher.  Der technische Fortschritt in der Industrie habe aber nicht nur zu mehr, sondern auch zu besser bezahlten Stellen geführt. „Die Löhne sind gestiegen und der Gesamteffekt war positiv“, sagte Wambach. „Deswegen sind wir sehr optimistisch, dass wir die Digitalisierung nutzen, um neue Arbeitsplätze zu schaffen.“

Auch den Wandel in der Arbeitswelt sieht der Wissenschaftler positiv. „Neue Märkte schaffen Dynamik und bieten die Möglichkeit, alte Regeln zu hinterfragen“, betonte der ZEW-Präsident. Ein Taxifahrer müsse nicht mehr jahrelang Straßennamen büffeln, die Navigation im Straßenverkehr übernehmen heute Smartphones. „Die Routineaufgaben werden automatisiert, die kreativen Arbeiten übernimmt der Mensch“, brachte Wambach die Entwicklung auf den Punkt. Das erfordere jedoch eine permanente Weiterbildung der Mitarbeiter, damit diese mit der digitalen Entwicklung Schritt halten können.

Digitale Optimisten auf der Bühne

Den Genossenschaften riet Wambach, den Strukturwandel im eigenen Umfeld so weit wie möglich zu steuern – denn stoppen könne man ihn nicht. Im Gegensatz zu anonymen Plattformen verfügen der Mittelstand in Deutschland noch über einen direkten Zugang zu seinen Kunden und den Menschen der Region. Diese persönliche Nähe gelte es zu nutzen, um Aufmerksamkeit zu schaffen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Diesen Ball nahm GVB-Präsident Jürgen Gros in Anlehnung an das Verbandstagsmotto „Nah – innovativ – digital“ auf, als er zur abschließenden Podiumsdiskussion überleitete, die er selbst moderierte. Die bayerischen Genossenschaften seien nah an ihren Mitgliedern und heimatverbunden, betonte Gros. Außerdem seien sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im Freistaat. Zudem führten sie 2018 über 400 Millionen Euro Steuern an den Fiskus ab. Bayerns Genossenschaften seien auch innovativ, so der GVB-Präsident. „Wenn eine Organisation mehr als 160 Jahre alt ist, muss sie auf der Strecke Innovationskraft haben, sonst hätte sie sich nicht über drei Jahrhunderte bewährt.“

Aber wie schaffen Bayerns Genossenschaften den Sprung in die digitale Welt? Dafür gebe es kein Patentrezept, sagte Gros zu Beginn der Debatte. Er erhoffe sich vielmehr Denkanstöße und Impulse, wie die Genossenschaften auch im Digitalen ihre Stärken und die Begeisterung bewahren können. Dazu bat der GVB-Präsident neben dem Wirtschaftsforscher Achim Wambach drei „digitale Optimisten“ auf die Bühne:

  • Sandra Bindler, Vorstandsvorsitzende der Münchner Bank eG, die ihren Standpunkt zur Digitalisierung so formulierte: „Je digitaler die Welt, desto wichtiger der Mensch.“
  • Philipp Depiereux, Gründer und Geschäftsführer der Digitalberatung etventure. Sein Eingangsstatement: „Deutschland muss seine wirtschaftliche Saturiertheit aufgeben, um Neues zu gestalten.“
  • Eckhard Schwarzer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Datev eG. Er hat die digitale Transformation des IT-Dienstleisters für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte in den vergangenen Jahren gestaltet. Für Schwarzer ist die Digitalisierung in Unternehmen Chefsache.

Einigkeit herrschte auf dem Podium, dass die digitale Transformation viele Chancen bietet. Doch die Unternehmen in Deutschland müssten sich anstrengen, um den Wandel zu schaffen. Dafür brauche es die richtige Geisteshaltung, forderte Depiereux. Weil die Geschäfte bei vielen Unternehmen laufen, sähen diese keinen Anlass, ihr Geschäftsmodell zu hinterfragen. „Diese Bewahrer-Haltung müssen wir ablegen“, meinte der Digitalberater. Das deutsche Ingenieurwesen mit seinem Hang zur Perfektion sei in der digitalen Welt nicht mehr zeitgemäß.

Schwarzer riet den bayerischen Genossenschaften, das eigene Geschäftsmodell auf sein Zerstörungspotenzial zu analysieren und es aus einer Position der Stärke heraus neu auszurichten, bevor es angegriffen wird. Das habe auch die Datev getan. Digital affine Kunden legten bei  Dienstleistungen viel Wert auf Bequemlichkeit. „Ich erwarte mir von einem Dienstleister, dass er zu mir kommt und mir Arbeit abnimmt, um die ich mich nicht kümmern will“, sagte der Datev-Manager. Das gelte es bei der Gestaltung zukünftiger Angebote noch mehr zu beherzigen.

Doch wie können solche Produkte und Serviceleistungen aussehen? Testen, testen, testen, betonte Berater Depiereux: „Unternehmen brauchen einen geschützten Raum, wo sie extrem nutzerzentriert neue Angebote entwickeln können.“ Erfolg habe eine Innovation dann, wenn sie den „Schmerzpunkt“ des Nutzers finde und löse, so Depiereux. Scheitern gehöre dazu. „Seien Sie mutig. Wagen Sie etwas Neues, probieren Sie etwas aus“, forderte der Digitalberater die Gäste des GVB-Verbandstags auf. Wichtig sei es, bei den Mitarbeitern Verständnis für Veränderung zu schaffen. „Wenn das im Kleinen funktioniert, dann funktioniert es auch im Großen“, so Depiereux.

Bestehende Netzwerke intelligent nutzen

Das Ziel, etwas Neues zu schaffen, dürfe aber nicht dazu führen, bewährte Strukturen ohne Not aufzugeben, warnte Bankvorständin Sandra Bindler – ein Einwurf, den Depiereux unterstrich: „Die Kernorganisation darf nicht zerstört werden. Der Tanker muss weiterfahren.“ Vielmehr gelte es, die Stärken der Genossenschaften für die digitale Transformation zu nutzen, so Bindler. Die Münchner Bank eG habe 120.000 Kunden und 60.000 Mitglieder. „Das ist riesiges Netzwerk, das wir nicht erst schaffen müssen. Wir müssen es nur intelligent nutzen“, betonte die Vorstandsvorsitzende der Münchner Bank eG.

Verbandstag 2020

Der GVB-Verbandstag ist ein Netzwerktreffen der mittelständischen bayerischen Wirtschaft und findet jedes Jahr statt. Neben Vertretern der 1.242 Mitgliedsgenossenschaften nehmen Verbund- und Kooperationspartner, politische Entscheider und Journalisten an dem Austausch teil. Der nächste Verbandstag des GVB am 16. Juli 2020 wird erstmals auf dem Nockherberg in München ausgerichtet.

Die bayerischen Genossenschaften säßen dank ihrer 2,9 Millionen Mitglieder auf einem enormen Datenschatz, so Bindler. Es sei Aufgabe der Genossenschaften, daraus Produkte und Dienstleistungen zu formen, die den Mitgliedern und Kunden einen Mehrwert bieten. Denkbar sei zum Beispiel eine Plattform, die verschiedene Mitglieder der Genossenschaft zusammenbringe, zum Beispiel Handwerker mit Privatkunden. „Dann fängt so ein Netzwerk an zu leben“, sagte die Bankvorständin.

Wirtschaftsforscher Achim Wambach ist davon überzeugt, dass Mittelstand und bayerische Genossenschaften von der digitalen Transformation profitieren. „Wir jammern gerne, aber wir sind auch sehr gut darin, uns immer wieder neu zu erfinden“, so der ZEW-Präsident. Eine Rückkopplung auf die Innovationskraft der Genossenschaftspioniere Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch kann dabei nicht schaden. Was hätten sie uns heute zur digitalen Transformation und zur Plattformökonomie zu sagen?, wollte GVB-Präsident Gros zum Abschluss von seinen Podiumsgästen wissen. Für Eckhard Schwarzer war die Antwort klar: „Hermann Schulze-Delitzsch hätte längst eine eigene digitale Plattform gegründet.“

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