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Herr Bock, Sie sind stellvertretender Vorsitzender des GVB-Fachausschusses Energiegenossenschaften und geschäftsführender Vorstand der ÜZ. Welche Rolle spielen die mehr als 260 bayerischen Energiegenossenschaften für die Energieversorgung im Freistaat?

Gerd Bock: Hier muss man unterscheiden zwischen unseren alteingesessenen Genossenschaften der Stromversorgung, die eine weit über 100 Jahre alte Tradition haben und aus dem Gedanken der  „Hilfe zur Selbsthilfe“ entstanden sind. Diese 30 bis 40 bayerischen Energieversorgungsgenossenschaften haben um 1900 die Pionierarbeit beim Aufbau von Stromnetzen zur erstmaligen Versorgung der Bevölkerung mit Elektrizität geleistet und tun das auch heute noch äußerst zuverlässig. Und dann müssen wir über die vielen Energiegenossenschaften reden, die in den zurückliegenden zehn bis 15 Jahren gegründet wurden. Diese sind im Wesentlichen im Zuge der Energiewende und des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) entstanden, im Bemühen, die Energieversorgung der Zukunft auf regenerative und effiziente Art zu gestalten.


Was zeichnet die bayerischen Energiegenossenschaften aus?

Bock: Eine ganz wesentliche Charakteristik eint alle diese Genossenschaften: Hinter ihnen steht eine Bürgerbewegung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Energieversorgung der Zukunft dezentral, innovativ und sicher zu gestalten. Darüber hinaus zeichnen sie sich durch ihre Verwurzelung in den Regionen aus. Dort wird seit vielen Jahrzehnten von Bürgern umgesetzt, was vor Ort für die Bürger getan werden muss.

Windkraftanlage der Unterfränkischen Überlandzentrale eG.
Strom für Mainfranken: Eine Windkraftanlage der Unterfränkischen Überlandzentrale eG.
Ein E-Auto der Unterfränkischen Überlandzentrale eG lädt an einer Stromsteckdose.
Strom für Mobilität: Ein E-Auto der Unterfränkischen Überlandzentrale wird an einer hauseigenen Stromtankstelle aufgeladen.
Die Unternehmenszentrale der ÜZ in Lülsfeld
Strom vom Dach: Die Unternehmenszentrale der ÜZ in Lülsfeld. Fotos: ÜZ eG

Sie sprachen bereits das EEG an, das Strom aus Sonne, Biomasse und Wind wettbewerbsfähig machen soll. Die vom EEG garantierte Vergütung ist allerdings auf 20 Jahre begrenzt. Was bedeutet es für die vielen jungen Energiegenossenschaften, wenn die ersten Förderungen in den kommenden Jahren auslaufen?

Bock: Ein Geschäftsmodell, das allein auf das EEG setzt, wird auf Dauer nicht tragen. Aus diesem Grund müssen sich Energiegenossenschaften, die sich ausschließlich um die Erzeugung von regenerativem Strom gekümmert haben, um ein langfristiges Vermarktungsmodell nach Auslaufen der EEG-Förderung kümmern. Die ÜZ Mainfranken geht diesen Weg schon seit Längerem: Sie vermarktet zu fast 100 Prozent den Strom aus den regionalen Biogasanlagen und in Kooperation auch die in ihren Windkraftanlagen erzeugte Energie.


Welche Herausforderungen müssen sich die bayerischen Energiegenossenschaften in den nächsten Jahren noch stellen?

Bock: Eine große Herausforderung für die in der Regel ehrenamtlich geführten Energiegenossenschaften in Bayern wird die Situation nach der 20-jährigen Vergütungszusage des EEG sein. Dann sind Fähigkeiten gefragt, um Verträge zu gestalten, Haftungsfragen zu lösen oder die Wirtschaftlichkeit von Vorhaben zu berechnen. Dazu kommen weitere Herausforderungen: So müssen Anlagen erneuert oder der Weiterbetrieb nach dem Auslaufen von Genehmigungen oder Pachtverträgen gesichert werden. Bei Nahwärmenetzen müssen die Genossenschaften auf veränderte Absatzbedingungen reagieren können, indem sie ihr Netz zum Beispiel effizienter machen oder nach alternativen, kostengünstigeren Wärmequellen suchen.

„Es macht auf Dauer keinen Sinn, Anlagen zuzubauen, ohne zu wissen, was mit dieser erzeugten Energie auf lange Frist erreicht werden soll.“

Welche Geschäftsfelder bieten in Zukunft Potenziale für Energiegenossenschaften?

Bock: Die dynamischen Entwicklungen im Bereich der Energiebranche im Allgemeinen – das trifft sowohl die Stromversorgung, den Verkehr, aber auch die Nachfrage nach Wärme – bieten meiner Meinung nach weiterhin die Möglichkeit, Geschäftsfelder zu entwickeln. Allerdings ergeben sich mit der geringen Halbwertszeit von gesetzlichen Regelungen auch erhebliche Risiken. So ist zum Beispiel das Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz für kleinere Anlagen nur bis 2025 gültig. Die Chancen und die Risiken eines einzelnen Geschäftsfelds muss jedes Unternehmen für sich auf Grundlage der möglichen Entwicklungen und betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen entscheiden.


Eine Herausforderung für die Energiewirtschaft ist es, die schwankenden Strommengen aus erneuerbaren Energien mit der ebenfalls schwankenden Nachfrage in Einklang zu bringen. Wie können genossenschaftliche Stromversorger und -erzeuger dazu beitragen, die Versorgungssicherheit auch bei einem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien zu gewährleisten?

Bock: Die absolute Sicherstellung der Versorgungssicherheit in einem Stromnetz wird nicht von den Energiegenossenschaften zu leisten sein. Trotz der zunehmenden Verlagerung von zentralen zu dezentralen Stromerzeugungsanlagen muss die Physik im bundesweiten wie im europäischen Stromnetz beachtet werden. Mit Blick auf den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energieerzeugung müssen wir uns erheblich mehr Gedanken machen, dass die Anlagen im Zusammenhang mit dem Verbrauch richtig allokiert werden. Es macht auf Dauer keinen Sinn, Anlagen zuzubauen, ohne zu wissen, was mit dieser erzeugten Energie auf lange Frist erreicht werden soll. Ansonsten müssen erhebliche Investitionen in die Versorgungsnetze geleistet werden, um die Energie an die entsprechenden Verbrauchsorte zu transportieren oder in Umwandlungstechniken wie „Power to Gas“ oder „Power to Liquid“. Natürlich ist die Verwendung vor Ort für den Einsatz in der E-Mobilität oder der Wärmeanwendung effizienter, wie das die ÜZ Mainfranken bereits praktiziert.

Gerd Bock und die ÜZ

Gerd Bock: Der Geschäftsführende Vorstand der Unterfränkischen Überlandzentrale eG ist gebürtiger Kitzinger und wohnt heute im Biebelrieder Ortsteil Kaltensondheim. Er ist verheiratet und Vater von fünf erwachsenen Kindern. In Schweinfurt studierte er Energietechnik. Nach zweieinhalb Jahren bei der Firma Knauf in Iphofen wechselte der 63-Jährige 1984 zur damaligen ÜWU AG (heute E.ON Bayern AG), wo er im technischen Betrieb, bei der Nutzung regenerativer Energien und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen und die letzten neun Jahre im Vertrieb, beschäftigt war. Am 1. Dezember 2007 kam er als Betriebsleiter zur ÜZ nach Lülsfeld. 2010 wurde er zum Geschäftsführenden Vorstand ernannt.

Unterfränkische Überlandzentrale eG (ÜZ): Die Unterfränkische Überlandzentrale eG versorgt circa 125.000 Menschen in den Landkreisen Schweinfurt, Hassberge, Kitzingen, Würzburg und Main-Spessart auf einer geografischen Fläche von circa 1.000 Quadratkilometern (versorgte Fläche 110 Quadratkilometer) mit elektrischem Strom. Mit einer Netzlänge von 3.800 Kilometern, davon 1.000 Kilometern Mittelspannungs-Leitungen und 2.800 Kilometern Niederspannungs-Kabel, ist die ÜZ Mainfranken die größte Energieversorgungsgenossenschaft Bayerns.

Das Energiesammelgesetz der Bundesregierung und die damit verbundene Kürzung der EEG-Förderung für Photovoltaik-Neuanlagen auf Dächern haben auch Energiegenossenschaften kalt erwischt, die neue Anlagen geplant haben. Wo sehen Sie bei den politischen Rahmenbedingungen Handlungsbedarf, damit Bayerns Energiegenossenschaften weiterhin erfolgreich zum Ausbau der erneuerbaren Energien beitragen können?

Bock: Wir müssen uns, wie bereits betont, auf lange Frist Gedanken machen, wo und wie die Dekarbonisierung und die Dezentralisierung im Markt Eingang findet. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Umbau der Energiewende nur zufriedenstellend verläuft, wenn die Vermeidung von Treibhausgasen, im Speziellen die CO2-Immissionen, fair bepreist werden und das Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch funktioniert. Märkte reagieren preislich auf Überproduktion, aber auch auf einen verengten Markt. Nach diesen Grundprinzipien muss sich jedes Unternehmen ausrichten und ganz sicher auf Dauer auch wir als Energiegenossenschaften.

„Wir werden dann Erfolg bei der Energiewende haben, wenn wir neben dem Stromsektor insbesondere auch den Verkehr und die Energieeffizienz im Gebäudebereich kritisch betrachten.“

Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hat den Energiedialog im Freistaat wiederbelebt und die „Energiewende 2.0“ ausgerufen. Die bayerische Energiepolitik soll sich in Zukunft darauf konzentrieren, die erneuerbaren Energien stärker auszubauen, die Stromnetzarchitektur intelligent zu gestalten, Speicher voranzubringen und Energieeinsparpotenziale stärker zu nutzen. Welche Erwartungen haben die bayerischen Energiegenossenschaften an den Energiedialog?

Bock: Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder in politisch initiierten Arbeitsgruppen über neue Ansätze und Möglichkeiten zur Verbesserung diskutiert. Leider sind viele Dialoge durch politische Gründe, aber auch zum Beispiel aus Akzeptanzgründen, gescheitert. Ich erinnere an das Energieprogramm der Bayerischen Staatsregierung, das den Zubau einer erklecklichen Anzahl an Windkraftanlagen vorsah. Und dann kam die 10-H-Regel, die das unterbunden hat. Jetzt führen wir die Diskussion um den Windkraftanlagenzubau in Bayern wieder, ohne dass ich an die Rücknahme der 10-H-Regel glaube. Leider können die kleinen und mittleren Energiegenossenschaften nur wenig Einfluss auf den Energiedialog nehmen. Dabei repräsentieren gerade die Genossenschaften in Bayern die Bürger vor Ort. Außerdem halte ich es nach wie vor für notwendig, integriert zu denken und nicht speziell in bestimmten, isolierten Bereichen wie Netz, regenerative Erzeugung oder Energieeffizienz. Wir werden dann Erfolg bei der Energiewende haben, wenn wir neben dem Stromsektor insbesondere auch den Verkehr und die Energieeffizienz im Gebäudebereich kritisch betrachten. Die ÜZ Mainfranken hat zum Beispiel Energieeffizienznetzwerke in enger Zusammenarbeit mit unseren Kommunen geschmiedet und Fördergelder für vier Effizienznetzwerke an Land geholt. Ohne steuerliche Anreize, die es in der Geschichte des Wohnungsbaus immer schon gegeben hat, wird vor allem im Gebäudebereich über einen sehr langen Zeitraum wenig in Richtung Energieeffizienz laufen.

Wie genau funktionieren die Energieeffizienznetzwerke?

Bock: Viele Kommunen haben nicht ausreichend Kapazitäten, um bei allen Bauprojekten die bestmögliche Effizienz beim Energieverbrauch sicherzustellen. Deshalb haben wir in unserem Versorgungsgebiet zusammen mit 39 Kommunen und dem Landratsamt Schweinfurt vier Energieeffizienznetzwerke gegründet. Die Netzwerke sollen einen wesentlichen Beitrag zur Steigerung der Energieeffizienz leisten und insbesondere die Reduktion der CO2-Belastungen vorantreiben. Dafür haben wir vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) eine Million Euro Förderung aus Bundesmitteln für die Energieberatung erhalten. Die Kommunen können das Geld ohne Förderanträge abrufen. Kein anderes Energieversorgungsunternehmen hat zuvor so viele Kommunen für ihr Netzwerk gewinnen können.

„Das Genossenschaftsmodell, wo mit begrenzten Ressourcen Einzelner, aber in der Aggregation Vieler enorm viel bewegt werden kann, wird in Zukunft eine weitaus größere Bedeutung einnehmen, als wir uns das heute vielleicht vorstellen können.“

Klimaschutz und die Förderung erneuerbarer Energien sind auch auf europäischer Ebene ein wichtiges Thema. Bereits 2016 hat die EU-Kommission ihre klima- und energiepolitischen Ziele bis 2030 im sogenannten Winterpaket („Saubere Energie für alle Europäer“) veröffentlicht. Wie bewerten Sie das Maßnahmenpaket aus genossenschaftlicher Perspektive?

Bock: Die deutsche und europäische Gesetzgebung zum Klimaschutz und zur Förderung der erneuerbaren Energien lässt sich nicht allein mit der genossenschaftlichen Brille bewerten. Die bayerische Energiepolitik ist abhängig von der deutschen, die wiederum an den europäischen Klimazielen hängt. Ich persönlich glaube, dass gerade Energiegenossenschaften mit ihrer Verankerung und Verzahnung in den Regionen enorme Chancen haben, auf lange Sicht erfolgreich zu sein. Dazu müssen sie ihre eigene Unternehmenspolitik verfolgen und die Potenziale nutzen, die sich vor Ort ergeben. Genehmigungen von Anlagen haben mit Akzeptanz vor Ort und der Teilhabe vor Ort zu tun.


Welchen Stellenwert werden Bayerns Energiegenossenschaften in Zukunft bei der Energieversorgung spielen?

Bock: Ich sehe die Rolle bayerischer Energiegenossenschaften vor allem durch die notwendige Akzeptanz vor Ort gesichert. Das Genossenschaftsmodell, wo mit begrenzten Ressourcen Einzelner, aber in der Aggregation Vieler enorm viel bewegt werden kann, wird in Zukunft eine weitaus größere Bedeutung einnehmen, als wir uns das heute vielleicht vorstellen können. Die Teilhabe der Menschen vor Ort ist eine wesentliche Voraussetzung für die Umsetzung der Energiewende und dies zeichnet die bayerischen Energiegenossenschaften aus.


Herr Bock, vielen Dank für das Gespräch!

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