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Tiefe Dunkelheit liegt über der Breitachklamm. Einzig die Sterne spenden in dieser wolkenlosen Winternacht Ende Januar ein schwaches Licht. Beim Ausatmen bilden sich Wölkchen vor dem Gesicht, das Thermometer zeigt minus zehn Grad. Schneeberge säumen den Weg. Trotz der Kälte warten 290 Besucher am Informationszentrum auf Einlass in die Klamm. Ihr Ziel: die riesigen Eisvorhänge und schneebedeckten Felswände in den Tiefen der Schlucht. Pünktlich um 19 Uhr geht es los – und es wird hell: Die Besucher entzünden die im Eintrittspreis enthaltenen Wachsfackeln und ziehen wie bei einer Prozession zur Klamm. Hundert Flammen tauchen die Umgebung in flackerndes Licht.

Fackelwanderung durch die Breitachklamm.
Nachtwanderung durch die Breitachklamm: Am Anfang entzünden die Besucher ihre Fackeln…
Fackelwanderung durch die Breitachklamm.
…dann geht es zur Breitach und von dort flussaufwärts in die Klamm…
Fackelwanderung durch die Breitachklamm.
…die Besucher gelangen tief in die Schlucht hinein…
Fackelwanderung durch die Breitachklamm.
…zu den Eisformationen…
Fackelwanderung durch die Breitachklamm.
…die Fackeln illuminieren die Eisvorhänge…
Fackelwanderung durch die Breitachklamm.
…ebenso wie die glitzernden Eiszapfen.

Die Breitachklamm bei Oberstdorf ist die tiefste Felsenschlucht Mitteleuropas und eines der touristischen Highlights im Allgäu. Jedes Jahr kommen rund 350.000 Besucher, 2018 waren es sogar 358.000. Auf einer Länge von 2,5 Kilometern rauscht die Breitach durch die Klamm mit ihren bis zu 100 Meter hohen Felsenwänden. Wasser, Wind und Wetter haben ihr Bett in tausenden von Jahren ausgeformt.

Dass die Besucher auf sicheren Wegen durch die Schlucht gelangen, ist einer Genossenschaft zu verdanken: der Breitachklammverein eG. Anfang des 20. Jahrhunderts schlossen sich 72 Menschen zusammen, um die Schlucht begehbar zu machen. An dieser Aufgabe hat sich bis heute nichts geändert. Zusätzlich unterhält die Genossenschaft ein Informationszentrum und bietet Führungen an. Sehr beliebt ist die Fackelwanderung: Sie findet ausschließlich im Winter dienstags und freitags statt. „Bei einer Fackelwanderung können Besucher die Eisformationen und Felswände auf eine völlig andere Art und Weise erleben als am Tag. Die Flammen erzeugen eine mystische Stimmung“, sagt Franz Rietzler. Er ist seit vier Jahren Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft, zuvor saß er lange Zeit im Aufsichtsrat. Rietzlers Vater war technischer Leiter der Anlage: „Seit meiner Kindheit bin ich in der Klamm unterwegs. Es gibt jedes Mal etwas Neues zu entdecken. Auch in diesem Winter sind die Eisformationen wieder unglaublich schön geworden.“

Die Gründung der Breitachklammverein eG

Es ist vor allem dem Mut und der Vision des Pfarrers Johannes Schiebel aus Tiefenbach bei Oberstdorf zu verdanken, dass Jahr für Jahr mehrere hunderttausend Menschen die Breitachklamm erkunden können. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte er die Idee, die Klamm zu erschließen. So wollte er Touristen in die Region locken und dadurch Arbeitsplätze schaffen. Um eine mögliche Route auszuloten, ließ sich Schiebel persönlich in die Schlucht abseilen. Die Finanzierung des Vorhabens war jedoch problematisch, weil die königlichen Ämter kein Geld bereitstellen wollten. Die Lösung: eine Genossenschaft. Am 5. April 1904 gründeten 72 Menschen die Breitachklammverein eG. Sie erwarben 104 Anteile zu je 500 Goldmark. Im Sommer des gleichen Jahres startete eine Firma aus Südtirol mit den Bauarbeiten, 20 Männer sprengten sich ihren Weg durch das Felsmassiv. Am 4. Juni 1905 wurde die Breitachklamm offiziell eröffnet.

Zu Beginn der Fackelwanderung geht es an schneebedeckten Wiesen und Bäumen vorbei zur Breitach. Der Weg ist gut ausgebaut, gestreut und an den Seiten durch Geländer gesichert. Dadurch ist die Tour grundsätzlich für jeden geeignet, der festes Schuhwerk trägt. Anschließend geht es langsam, aber stetig flussaufwärts durch mehrere Kurven und einen schmalen Tunnel in die Schlucht. An den Felswänden hängen Eiszapfen wie Stalaktiten in einer Tropfsteinhöhle. Sie glänzen kristallklar im Feuerschein. Im Zentrum der Klamm stauen sich die Mitwanderer vor einer Linkskurve. Warum, wird klar, wenn man selbst um die Ecke biegt. Direkt vor den Augen, auf der anderen Seite einer kleinen Brücke, wölben sich gigantische Eisvorhänge in die Schlucht – wie bei einem Himmelbett. Wo sie enden, ist wegen der Dunkelheit nicht auszumachen. Stehen Wanderer hinter den Eisvorhängen, tauchen sie diese in ein gelb-weißes Farbenspektakel.

Wer sich sattgesehen hat, der merkt, wie leise es ist. Normalerweise dröhnen die Wassermassen in der Schlucht. Nach einem Regenguss braust die Breitach gar ohrenbetäubend. Doch im Winter dämpft der Schnee die Geräusche. Zusätzlich ist das Knistern der Fackeln zu vernehmen. Die meisten Besucher genießen still. Andächtig staunen sie ob der Eisformationen. Viele zücken ihre Smartphones und schießen Selfies.

Im Informationszentrum erzählt Klammchef Franz Rietzler derweil von den Folgen der Schneemassen in diesem Winter. Wegen des heftigen Schneefalls hatte die Schlucht für drei Wochen – vom 6. bis zum 25. Januar – geschlossen. Der Schnee lag bis zu vier Meter hoch. Also haben er und bis zu sieben weitere Männer von morgens bis abends gearbeitet, um die Wege begehbar zu machen. Sie schnitten Schnee mit der Handsäge und räumten ihn zur Seite, schweißten neue Geländer an und streuten die Wege. Insgesamt verbraucht die Genossenschaft zwei Tonnen Streusalz und zehn Tonnen Splitt pro Winter. „Wenn man den ganzen Tag schaufelt, dann weiß man abends, was man getan hat“, sagt Rietzler.
 


Damit die Sicherheit der Besucher gewährleistet ist, kontrolliert Rietzler oder einer der Mitarbeiter morgens die Klamm. Das ist besonders bei unbeständigem Wetter nötig, etwa bei einem deutlichen Temperaturanstieg. „Wenn es wärmer wird, färben sich die Eiszapfen grau. Das bedeutet, dass sie zu tauen beginnen und plötzlich auf den Weg fallen könnten“, sagt der Klammchef. Dann muss das Gelände geschlossen bleiben. Auch bei der Fackelwanderung gibt es spezielle Sicherheitsvorkehrungen. In der Schlucht verteilt stehen Posten, die mit Funkgeräten und Taschenlampen ausgestattet sind. Zusätzlich ist ein Mitarbeiter der Bergwacht vor Ort.

Wenn das Feuer erlischt

Nach den Eisvorhängen nähern sich die Besucher dem oberen Ausgang der Schlucht. Tagsüber geht es von dort weiter zur Alpe Dornach, zur Söllereckbahn, zur Walserschanz oder zum Gasthaus Waldhaus und von dort nach Rietzlern im Kleinwalsertal. Bei der Fackelwanderung bittet ein Mitarbeiter die Gäste darum, von dieser Stelle aus den Rückweg anzutreten. So können die Wanderer noch einmal die Eisvorhänge und Eiszapfen im Schein der Flammen sehen. Nach rund anderthalb Stunden ist das Informationszentrum erreicht und damit das Ende der Tour. Die Besucher werfen ihre fast abgebrannten Fackeln in ein bereitgestelltes Wasserbecken, ehe sie zum Parkplatz gehen oder auf den Bus nach Oberstdorf warten. Wenn der letzte Besucher seine Fackel ins Becken geworfen hat, versinkt die Breitachklamm wieder in tiefer Dunkelheit. Nur die Sterne leuchten noch.

Bei einer Fackelwanderung mitmachen

Fackelwanderungen durch die Breitachklamm finden nur im Winter immer dienstags und freitags um 19 Uhr statt, in den bayerischen Ferienzeiten zusätzlich um 18 Uhr. Der Preis beträgt 8 Euro, Kinder zahlen 4 Euro. Aufgrund der unsicheren Wetterlage im Winter kann die Breitachklamm kurzfristig geschlossen werden. Ob eine Fackelwanderung stattfindet, erfahren Besucher auf der Webseite oder unter der Telefonnummer 08322/4887. Neben den öffentlichen Fackelwanderungen gibt es auf Anfrage exklusive Touren für Gruppen.

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