Ankerprodukt: Wo liegen die Stärken und Schwächen der Volks- und Raiffeisenbanken im Zahlungsverkehr? Welche Trends gibt es? Ein Bankvorstand und ein unabhängiger Experte schätzen die Lage ein.
Frau Lux, VR Payment hat Ende Februar auf der Messe EuroShop in Düsseldorf Bezahllösungen für den Einzelhandel vorgestellt. Welche Themen und Trends rund um den Zahlungsverkehr stehen bei Ihnen aktuell besonders im Fokus?
Michaela Lux leitet den Bereich Banking Sales bei VR Payment.
Michaela Lux: Der Zahlungsverkehr im Handel verändert sich aktuell auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Im Kern geht es weniger um einzelne Zahlverfahren oder Touchpoints, sondern um die Frage, wie gut Händler ihr Geschäft steuern können. Stichwort Omnikanalfähigkeit: Das bedeutet nicht nur, dass Konsumenten auf verschiedenen Wegen bestellen und bezahlen können, sondern vor allem, dass Zahlungs-, Kunden- und Prozessinformationen beim Händler zusammenlaufen. Payment sendet Echtzeit-Signale aus dem Geschäft – und wenn diese Daten sauber verfügbar sind, lassen sie sich für operative Transparenz und bessere Entscheidungen nutzen. Verstärkt wird diese Entwicklung durch eine neue Geschwindigkeit, die wir mit Echtzeitverarbeitung und KI-gestützten Auswertungen im Zahlungsverkehr erleben, sowie dem Aufbau moderner, souveräner Zahlungsinfrastrukturen in Europa. Neue Verfahren wie Wero sind deshalb so relevant, weil sie sich in eine daten- und prozessorientierte Sicht einfügen. Insgesamt sehen wir Payment immer stärker als strategischen Hebel für den Handel und damit auch als ein zentrales Thema im Firmenkundengeschäft der Volks- und Raiffeisenbanken.
Sie haben das Stichwort Omnikanalfähigkeit bereits angesprochen: Kundinnen und Kunden nutzen verstärkt verschiedene Vertriebskanäle stationär und online, bevor sie eine Kaufentscheidung treffen. Wie muss sich der Einzelhandel hier aufstellen, um konkurrenzfähig zu bleiben, und welche Lösungen bietet VR Payment dazu an?
Lux: Sie haben recht, Kundinnen und Kunden unterscheiden heute nicht mehr zwischen Kanälen. Sie erwarten ein durchgängiges Erlebnis. Händler müssen ihre Prozesse dafür über alle Verkaufskanäle hinweg beherrschen. Es braucht Durchgängigkeit im Hintergrund: Umsätze müssen vergleichbar sein, Rückabwicklungen einfach funktionieren und Informationen schnell verfügbar sein, und zwar kanalübergreifend. VR Payment hat 2025 genau dafür eine Omnikanal-Zahlungslösung auf den Markt gebracht. Transaktionen aus dem stationären oder mobilen Geschäft, dem E-Commerce oder Self-Service-Formaten werden darin zusammengeführt, sodass Händler einen konsistenten Blick auf ihr Geschäft erhalten und operative Komplexität reduziert wird. Das schafft die Grundlage, um flexibel zu wachsen, ohne dass Prozesse mit jeder Erweiterung unübersichtlicher werden.
„Wenn es gelingt, Wero nahtlos in Check-out, Abrechnung und Reporting einzubetten, kann daraus ein relevanter Baustein moderner Zahlungsarchitekturen werden.“
Mit dem Bezahlsystem Wero will die Europäische Zahlungsinitiative EPI für mehr Souveränität im europäischen Zahlungsverkehr sorgen. Inzwischen steht Wero auch im E-Commerce zur Verfügung, eine Version für die Ladenkasse soll folgen. Welche Erwartungen haben Sie an Wero?
Lux: Unsere Erwartungen an Wero sind bewusst pragmatisch. Entscheidend ist nicht, dass ein neues Zahlverfahren existiert, sondern wie gut es sich in den Handelsalltag einfügt. Für Händler zählt, ob ein Verfahren einfach integrierbar ist, stabil funktioniert und von Kundinnen und Kunden akzeptiert wird, online wie stationär. Wero hat aus unserer Sicht genau dort sein Potenzial: als europäische Alternative, die Wahlfreiheit schafft und sich in bestehende Zahlungsprozesse einordnet, statt zusätzliche Komplexität zu erzeugen. Wenn es gelingt, Wero nahtlos in Check-out, Abrechnung und Reporting einzubetten, kann daraus ein relevanter Baustein moderner Zahlungsarchitekturen werden. Daran messen wir den Erfolg – nicht an Ankündigungen, sondern an der Nutzung im Alltag.
Moderner Zahlungsverkehr erfordert durchgängige Prozesse über alle Kanäle hinweg: Umsätze müssen vergleichbar sein, Rückabwicklungen einfach funktionieren und Informationen schnell verfügbar sein.
Wie wollen Sie dazu beitragen, Wero in die operative Realität zu bringen? Was können andere Partner der genossenschaftlichen Finanzgruppe, insbesondere die VR-Banken, dafür tun?
Lux: Unser Ansatz ist klar: Wir integrieren Wero so, dass es keinen Sonderfall im Zahlungsprozess darstellt. Händler sollen es genauso einfach einsetzen können wie andere Zahlverfahren. Deshalb haben wir Wero von Anfang an in unsere Omnikanal Zahlungslösung integriert und machen es darüber verfügbar – als regulären Bestandteil der Zahlungsarchitektur mit der üblichen Anbindung an Check-out, Abrechnung, Reporting und Serviceprozesse. Für die VR-Banken liegt hier eine große Chance. Sie kennen ihre Firmenkunden sehr genau und können frühzeitig informieren, beraten und gemeinsam mit uns die Einführung begleiten. Wenn technologische Integration und persönliche Nähe zusammenkommen, wird aus einem neuen Zahlverfahren ein nutzbares Angebot im Tagesgeschäft.
„Wer Echtzeit-Zahlungen zuverlässig beherrscht, stärkt seine Position im Wettbewerb um anspruchsvolle Geschäftskunden.“
Echtzeit-Zahlungen haben sich mittlerweile im Zahlungsverkehr etabliert, nicht nur bei Wero. Ein Antreiber war auch die bereits in Kraft getretene Verordnung über Echtzeitüberweisungen (IPR). Was ergibt sich daraus für das Leistungsangebot von VR Payment und den VR-Banken? Wie können die Kreditgenossenschaften diese Entwicklung für sich nutzen?
Lux: Mit der Verordnung über Echtzeitüberweisungen wird Geschwindigkeit im Zahlungsverkehr zum Standard und nicht mehr zum Zusatznutzen. Zahlungen müssen künftig rund um die Uhr in Sekunden verarbeitet werden. Das verändert Prozesse im Hintergrund erheblich, etwa bei Prüfung, Autorisierung und Betrugsprävention. Für VR Payment heißt das, unsere Systeme weiter konsequent echtzeitfähig auszurichten, technisch wie auch organisatorisch. Den VR-Banken wird es damit möglich, ihren Firmenkunden moderne Zahlungsservices anzubieten, die Schnelligkeit und Sicherheit verbinden. Denn wer Echtzeit zuverlässig beherrscht, stärkt seine Position im Wettbewerb um anspruchsvolle Geschäftskunden. Gerade weil diese davon profitieren, dass Liquidität schneller zur Verfügung steht und unmittelbarer gesteuert werden kann.
Mittlerweile gibt es Apps, die Smartphones oder Tablets mit NFC-Schnittstelle in ein Zahlungsterminal verwandeln, ohne dass dafür ein eigenes Kartenlesegerät notwendig ist, sogenannte softPOS. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Werden Kartenlesegeräte irgendwann zum Auslaufmodell?
Lux: Der softwarebasierte POS ist eine konsequente Weiterentwicklung der Zahlungsakzeptanz. Die Möglichkeit, Smartphones oder Tablets als Bezahlterminal zu nutzen, schafft vor allem eines: Flexibilität. Für mobile Einsätze, kleinere Betriebe oder temporäre Verkaufsflächen ist das attraktiv, weil keine zusätzliche Hardware erforderlich ist. Ein vollständiger Ersatz klassischer Terminals ist das aus unserer Sicht jedoch nicht. In vielen Handelsumgebungen – etwa mit hohem Transaktionsvolumen oder komplexen Kassensystemen – bleiben dedizierte Geräte sinnvoll. Entscheidend ist nicht die Technologie an sich, sondern dass Händler situativ entscheiden können, welches Setup zu ihrem Geschäftsmodell passt. softPOS erweitert also das Spektrum, es ersetzt nicht bestehende Lösungen.
VR Payment bietet Händlern unterschiedliche Wege, Zahlungsakzeptanz flexibel umzusetzen – je nach Geschäftsmodell. Mit der Lösung VR PayMe zum Beispiel wird das Smartphone zum Kartenterminal.
Wie ist VR Payment beim Thema softPOS und Payment-Integration aufgestellt?
Lux: Wir bieten Händlern unterschiedliche Wege, Zahlungsakzeptanz flexibel umzusetzen – je nach Geschäftsmodell. Mit VR PayMe softPOS wird beispielsweise ein Android-Smartphone direkt zum Kartenterminal. Für iOS-Systeme ermöglichen wir mit VR PayMe mPOS die Annahme von Kartenzahlungen in Kombination mit einem kompakten mobilen Terminal. Darüber hinaus können Bezahlfunktionen auch softwareseitig in bestehende Kassen-, Bestell- oder Logistiksysteme integriert werden. Entscheidend ist: Händler müssen sich nicht für ein starres Modell entscheiden, sondern können die Zahlungsannahme passend zu ihrem Bedarf gestalten. Für die VR-Banken eröffnet das die Möglichkeit, ihren Firmenkunden wettbewerbsfähige, flexible Zahlungsangebote zu machen, die mit reinen App-Anbietern mithalten können – verbunden mit persönlicher Beratung und regionaler Nähe.
Die Europäische Union verfolgt mehrere regulatorische Initiativen, die auch den Zahlungsverkehr betreffen, etwa die neue Zahlungsdiensterichtlinie PSD3 und die Zahlungsdiensteverordnung PSR. Inwiefern wird sich der Zahlungsverkehr dadurch verändern und was heißt das für VR Payment und die VR-Banken?
Lux: Die aktuellen regulatorischen Initiativen wie PSD3 oder die Zahlungsdiensteverordnung verfolgen ein klares Ziel: mehr Transparenz, Sicherheit und Wettbewerb im Zahlungsverkehr. Für Marktteilnehmer bedeutet das erst einmal höhere Anforderungen an Prozesse, Dokumentation und Kundenschutz. Wir sehen Regulierung dabei nicht als Belastung, sondern als Rahmen, der Vertrauen schafft und Innovation ermöglicht. Entscheidend ist, neue Vorgaben frühzeitig in tragfähige Lösungen zu übersetzen, damit Händler sich nicht mit Komplexität befassen müssen. Hier können auch die VR-Banken ihre Rolle als vertraute Ansprechpartner ausspielen, indem sie Zahlungsverkehr nicht nur anbieten, sondern aktiv erklären und begleiten.
Zahlungsverkehr erfordert Lösungen, die Komplexität reduzieren. Hier können die VR-Banken ihre Rolle als vertraute Ansprechpartner ausspielen, indem sie Zahlungsverkehr nicht nur anbieten, sondern aktiv erklären und begleiten.
Künstliche Intelligenz ist auch in der Finanzbranche ein wichtiger Faktor geworden. Welche Einsatzmöglichkeiten sehen Sie im Zahlungsverkehr?
Lux: Künstliche Intelligenz spielt im Zahlungsverkehr vor allem dort eine Rolle, wo Entscheidungen in Sekundenbruchteilen getroffen werden müssen, etwa bei Autorisierungen, Betrugsprävention oder der Analyse von Transaktionsmustern. KI hilft dabei, Risiken frühzeitig zu erkennen und gleichzeitig reibungslose Abläufe für Kundinnen und Kunden sicherzustellen. Wichtig ist uns, dass KI nicht als Selbstzweck eingesetzt wird. Sie muss transparent, nachvollziehbar und regulatorisch sauber eingebettet sein. Genau darin liegt die Aufgabe: Effizienz und Sicherheit zu erhöhen, ohne die Kontrolle aus der Hand zu geben. Für Händler wie für Banken entsteht so ein spürbarer Mehrwert im operativen Alltag.
„Ich sehe großes Potenzial darin, Zahlungsverkehr noch stärker als integralen Bestandteil des Firmenkundengeschäfts zu denken.“
Wo sehen Sie noch Potenzial, das Geschäftsfeld Zahlungsverkehr gemeinsam mit den VR-Banken auszubauen, und was können die Banken dafür tun?
Lux: Ich sehe großes Potenzial darin, Zahlungsverkehr noch stärker als integralen Bestandteil des Firmenkundengeschäfts zu denken. Payment ist heute weit mehr als Transaktionsabwicklung. Es berührt Prozesse wie Liquiditätssteuerung, Buchhaltung, E-Commerce, Kundenbindung oder Digitalisierung im Handel. Gemeinsam mit den VR-Banken können wir diese Themen frühzeitig in Beratungsgespräche einbringen und Zahlungsverkehr als strategisches Element positionieren. Entscheidend ist, aktiv auf Firmenkunden zuzugehen, Entwicklungen einzuordnen und moderne Lösungen anzubieten, bevor Wettbewerber es tun. Wenn wir technologische Kompetenz mit regionaler Nähe verbinden, entsteht daraus ein starkes Angebot – für Handel, Dienstleister und die gesamte genossenschaftliche Finanzgruppe.
Frau Lux, herzlichen Dank für das Gespräch!