Zusammenhalt: Kommunen und Genossenschaften können gemeinsam bürgerschaftliches Engagement, soziale Infrastruktur und die Lebensqualität in einer Gemeinde stärken.
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Herr Bürgermeister, welchen Mehrwert bieten Genossenschaften für Kommunen und ihre Bürger?
Olaf Heinrich: Genossenschaften ermöglichen unmittelbare Teilhabe der Bevölkerung an der Entwicklung ihres Lebensumfelds. Sie sind ein niederschwelliges, demokratisches Mittel, um mit dem eigenen Geld Heimat zu gestalten.
Sie sind auch Aufsichtsratsvorsitzender der Lang Bräu eG und der Saunaoase Freyung eG. Was haben diese beiden Genossenschaften für die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger bisher bewirkt?
Dr. Olaf Heinrich ist seit 2008 Erster Bürgermeister der Stadt Freyung und seit 2013 Präsident des Bezirkstags Niederbayern. Außerdem ist er Aufsichtsratsvorsitzender der Lang Bräu Freyung eG und der Saunaoase Freyung eG. Foto: Stadt Freyung
Heinrich: Durch die Gründung der Lang Bräu Freyung eG ist es gelungen, eine traditionsreiche Brauerei zu retten, die kurz vor dem Verkauf an einen überregionalen Investor stand. Den Mitgliedern der Genossenschaft war von Anfang an wichtig: Der historische Braustandort im Herzen der Stadt soll weiterhin Produktionsstätte bleiben. Wir wollen die Arbeitsplätze sichern, die Wirtschaftskraft erhalten und das identitätsstiftende Produkt Bier weiterhin in unserer Stadt brauen. Die Brauereigenossenschaft ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Seit ihrer Gründung wurden rund 10 Millionen Euro investiert. Heute ist die Lang Bräu Freyung eG eine der modernsten Brauereien ihrer Größe im Freistaat Bayern. Die Saunaoase Freyung eG hat ein Gebäude, das über Jahrzehnte leer stand, mit neuem Leben gefüllt. Aus einer ehemaligen Umkleide am Freibad entstand eine attraktive Saunalandschaft. Damit ist das Angebot der Genossenschaft die einzige Saunalandschaft im gesamten Landkreis Freyung-Grafenau – und dies in genossenschaftlicher Hand. Hier haben die Mitglieder eine wichtige Ergänzung des Freizeitangebots mit ihrem Geld und ihrem Engagement geschaffen.
Ein Prost auf eine erfolgreiche Genossenschaftsbrauerei (v. li.): Rudi Bauer, Anton Pertler und Bettina Schmutzer, Vorstände der Lang Bräu Freyung eG, Martin Schöffel, Staatssekretär im Bayerischen Finanz- und Heimatministerium sowie gelernter Brauer und Mälzer, Freyungs Erster Bürgermeister Olaf Heinrich und Sebastian Gruber, Landrat des Landkreises Freyung-Grafenau. Foto: Lang Bräu Freyung eG
Was hat Sie persönlich dazu bewogen, neben Ihren zahlreichen anderen Ämtern auch den Vorsitz des Aufsichtsrats bei der Lang Bräu eG und der Saunaoase Freyung eG zu übernehmen?
Heinrich: Als die Lang Bräu Freyung zum Verkauf stand, war für mich klar: Die Genossenschaft ist der ideale Rahmen, um aus einer identitätsstiftenden Brauerei eine Bürgerbewegung zu machen. Von Anfang an habe ich mich dafür persönlich engagiert. Die Stadt Freyung selbst ist mit einer Summe von damals 250.000 Euro eingestiegen und Mitglied geworden. Um mitgestalten zu können und den Erhalt der Brauerei mit abzusichern, war ich von Anfang an und bis heute Aufsichtsratsvorsitzender. Und dies zu 100 Prozent ehrenamtlich, ohne Aufwandsentschädigung oder Haustrunk, aber mit großer Freude. Nach den guten Erfahrungen der Lang Bräu Freyung eG habe ich im Kreise der Gründungsmitglieder der Saunaoase von Anfang an meine Bereitschaft erklärt, auch in dieser Genossenschaft als Aufsichtsratsvorsitzender mitzuwirken. Die enge Vernetzung zwischen Kommune und Genossenschaft zahlt sich auch hier in vielen Einzelfragen aus.
Aus einer alten Freibadumkleide wurde dank der Saunaoase Freyung eG eine moderne Saunalandschaft. Mit ihrem Engagement ergänzen die Mitglieder der Genossenschaft das Freizeitangebot der Region um ein wichtiges Element. Foto: Saunaoase eG
Was war ausschlaggebend dafür, die Lang Bräu und die Saunaoase in der Rechtsform eG weiterzuführen beziehungsweise zu gründen?
Heinrich: Bei beiden Vorhaben war klar, dass sie nur erfolgreich sein werden, wenn möglichst viele Akteure mitwirken und als Multiplikatoren auftreten. Dies ist bei der Lang Bräu Freyung eG sehr gut gelungen. Neben den über 250 Mitgliedern der Genossenschaft gibt es auch noch einen Verein, die „Lang Bräu Freunde“ mit mehr als 1.900 Mitgliedern. All diese Personen werben für die Brauerei, ihre Produkte, für Regionalität und lokale Wirtschaftskreisläufe. Als der Gedanke einer neuen Saunalandschaft in Freyung aufkam, war klar: Ein Einzelunternehmer wird dies nicht schultern. Vielmehr brauchten wir hierfür möglichst viele Beteiligte, ehrenamtliches Engagement und Unterstützung aus der breiten Bevölkerung. Ganz nach dem Motto „Was einer allein nicht schafft, schaffen viele“ hat sich hier ebenfalls eine Genossenschaft aufgedrängt.
„Es ist ein starkes Signal, wenn sich die Kommune selbst mit Anteilen in die Genossenschaft einbringt. Dies schafft Vertrauen, stärkt die wirtschaftliche Basis und hilft bei der Gewinnung weiterer Mitglieder.“
Inwiefern ergänzen sich Kommunen und Genossenschaften in ihren Fähigkeiten, wo können beide durch Kooperation Synergieeffekte schaffen?
Heinrich: Beide Genossenschaften beleben den Standort und sind ein wichtiger Teil der Kommunalentwicklung. Daher muss die Kommune ein großes Interesse daran haben, die Gründung und die Entwicklung der Genossenschaften zu unterstützen. Oftmals sind die Beiträge, die unsere Stadt geleistet hat, gar nicht monetär. Vielmehr geht es darum, Menschen anzusprechen, die ebenfalls für die Idee der Genossenschaft begeistert werden können. Oder Kontakte zu Fachleuten herzustellen, die mit ihrer beruflichen Expertise der Genossenschaft weiterhelfen. Oftmals ehrenamtlich und in der Freizeit. Selbstverständlich ist es auch ein starkes Signal, wenn sich die Kommune selbst mit Anteilen in die Genossenschaft einbringt. Dies schafft Vertrauen, stärkt die wirtschaftliche Basis und hilft bei der Gewinnung weiterer Mitglieder.
„Für Kommunen ist die Gründung von Genossenschaften – gerade in Zeiten knapper Kassen – ein spannendes Mittel für die kommunale Entwicklung.“
Wann bietet sich die Gründung einer Genossenschaft beziehungsweise die Zusammenarbeit von Kommunen mit Genossenschaften an?
Heinrich: Die Gründung einer Genossenschaft ist vor allem dann sinnhaft, wenn das hergestellte Produkt oder das Angebot, das neu geschaffen werden soll, breitere Bevölkerungsschichten zu begeistern vermag. Eine Genossenschaft ist erfolgreich, wenn sich viele Menschen für sie engagieren und das gemeinsame Unternehmen zu „ihrem“ Unternehmen machen. Für Kommunen ist die Gründung von Genossenschaften – gerade in Zeiten knapper Kassen – ein spannendes Mittel für die kommunale Entwicklung. Die Unterstützung bestehender Genossenschaften durch die Gemeinde drängt sich auf, wenn diese einen Beitrag zum Erhalt von Bausubstanz oder zur Verbreiterung des Angebots vor Ort leisten oder in anderer Form die Lebensqualität in der Region sichern.
Moderner Braukessel der Lang Bräu Freyung eG: Eine Genossenschaft ist erfolgreich, wenn sich viele Menschen für sie engagieren und das gemeinsame Unternehmen zu „ihrem“ Unternehmen machen, sagt Freyungs Bürgermeister Olaf Heinrich. Foto: Lang Bräu Freyung eG
Welche Vorteile hat die Rechtsform eG aus Sicht einer Kommune im Vergleich zu anderen Unternehmensformen?
Heinrich: Der große Vorteil einer Genossenschaft ist die unmittelbare Beteiligungsmöglichkeit der Mitglieder, die sehr demokratische Form, die eine Dominanz Einzelner in dieser Rechtsform ausschließt, und die große Tradition des genossenschaftlichen Gedankens, der bis heute höchst aktuell ist und Vertrauen schafft. Dazu kommt: Wenn eine Genossenschaft erfolgreich ist, entsteht viel weniger Neid, als wenn ein Einzelunternehmer Erfolg hat. „Wir erwirtschaften uns unsere eigene Dividende“, indem man die Sauna, das genossenschaftlich betriebene Wirtshaus besucht oder die Genossenschaftsbrauerei als Bierlieferant nutzt. Diese Möglichkeit sorgt für Zusammenhalt und ist die Basis für betriebswirtschaftlichen Erfolg.
„Auch eine Genossenschaft ist am Ende ein Unternehmen, das wirtschaftlich erfolgreich sein muss.“
Worauf ist aus Sicht einer Kommune zu achten, damit die Gründung einer Genossenschaft zum Erfolg wird?
Heinrich: Auch eine Genossenschaft, die mit viel Idealismus gegründet wurde und ehrenamtlich geführt wird, ist am Ende ein Unternehmen, das wirtschaftlich erfolgreich sein muss. Daher würde ich immer empfehlen, mit heißem Herzen und Begeisterung zu arbeiten, aber mit kühlem Kopf zu rechnen. Denn so schnell, wie sich eine gute Idee in der Region verbreiten kann – genauso schnell kann sich auch ein Misserfolg herumsprechen und den genossenschaftlichen Gedanken beschädigen.
Herr Bürgermeister, vielen Dank für das Interview!