IT-Sicherheit: Deutschland hat die NIS-2-Richtlinie für mehr Cybersicherheit umgesetzt. Auch Genossenschaften können betroffen sein. Was sollten diese dazu wissen?
Thomas Oedinger gehört zu den erfahrensten IT-lern der Metropolregion Nürnberg. 1999 – mitten im ersten großen Umbruch der IT-Branche – als das Internet die Welt vernetzte und alles Analoge ins Wanken brachte, gründeten er und seine Kollegen zusammen mit anderen Freelancern aus der Region den Software Ring. Ziel war ein Netzwerk, in dem sich Selbstständige gegenseitig unterstützen können. Daraus wurde eine Genossenschaft, in der mittlerweile viele IT-Mittelständler Mitglied sind, erzählt der Vorstand des Software Rings: „Das Ganze hat sich recht schnell zu einem Firmenverbund weiterentwickelt. Der Grundgedanke war, dass wir zusammen stärker sind als allein. Gemeinsam können wir uns an Geschäfte mit größeren Kunden herantrauen, auch wenn jeder Einzelne das als kleines Unternehmen nicht geschafft hätte.“
Die Genossenschaft als „Safe Space“
Die Genossenschaft sei dabei kein „verlängerter Vertriebsarm“, sondern eher eine Art Schutzraum oder „Safe Space“. Kleine Unternehmen mit wenigen Angestellten haben durch den Software Ring die Unterstützung einer großen Organisation von mittlerweile 700 Mitarbeitern hinter sich und können sich bei Bedarf rechtliche oder sonstige Unterstützung von der Genossenschaft holen. Denn die schnelllebige IT-Branche kann gnadenlos sein. Es gibt zwar hohe Gehälter, aber auch viel Druck, lange Arbeitszeiten und ein Machtgefälle, in dem große Konzerne kleinere Unternehmen und Einzelpersonen ausnutzen können.
In der Genossenschaft können solche Dinge angesprochen werden, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. „Alle Beteiligten begegnen sich auf Augenhöhe und jeder kann alles sagen. Was im Software Ring unter den Unternehmern, Geschäftsführern und Vorständen besprochen wird, bleibt auch im Software Ring. In diesem informellen Schutzraum können wir uns vertrauensvoll austauschen“, erklärt Thomas Oedinger.
Vorteil für den Technologiestandort Nürnberg
Das Netzwerk der Software Ring eG bietet zudem die Möglichkeit, sich mit anderen Mitgliedern über Ideen, Projekte und Kunden auszutauschen und sich gegenseitig zu helfen. Zum Beispiel haben Mitglieder in der Vergangenheit schon Auszubildende und Mitarbeitende von anderen Mitgliedern übernommen, als es diesen wirtschaftlich nicht so gut ging.
Stefano Giacin, Head of Sales bei der Software Ring eG sowie beim Mitgliedsunternehmen BKR Software Consulting & Technology, sieht in dem genossenschaftlichen Zusammenhalt einen großen Vorteil für den Technologiestandort Nürnberg: Da die Mitarbeitenden mit ihren Familien durch das genossenschaftliche Netzwerk immer einen Job finden, könnten sie in der Region bleiben und müssten nicht in andere IT-Regionen wie München, Sachsen oder Berlin abwandern. Das mache die Metropolregion Nürnberg stärker: „In solchen Momenten ist so eine Genossenschaft wie unsere genau das, was man braucht. Unsere Mitglieder merken das und suchen unser Netzwerk jetzt noch viel mehr. Gemeinsam können wir mehr Hände und Köpfe zusammenstecken, um Events zu planen, Projekte umzusetzen und unsere Möglichkeiten viel besser nutzen“, sagt Giacin.
Vorstand Thomas Oedinger (re.) und Head of Sales Stefano Giacin von der Nürnberger IT-Genossenschaft Software Ring eG.
Heimat der Hidden Champions
Die Metropolregion Nürnberg umfasst elf kreisfreie Städte und 23 Landkreise. Sie ist Heimat von mehreren sogenannten Big Playern wie DATEV, Siemens oder Bosch und kann zusätzlich mit vielen Hidden Champions glänzen. Nicht wenige von ihnen sind Mitglied im Software Ring: „Im Prinzip hatten wir im Software Ring nahezu alle namhaften Unternehmen aus der Region schon als Kunden, weil unterschiedliche Mitglieder mit diesen Firmen zusammengearbeitet haben oder immer noch zusammenarbeiten. Die Bundesagentur für Arbeit zum Beispiel ist ein sehr großer Kunde eines Mitglieds, aber auch von der Genossenschaft selbst, weil die Software Ring eG als Subunternehmer des Mitglieds für die Bundesagentur für Arbeit tätig ist“, erklärt Thomas Oedinger. Deshalb sei die Mitgliedschaft bei der Genossenschaft auch geschäftlich interessant, denn über den Software Ring erhalten die Mitglieder Zugänge zu Kunden, die sie normalerweise nicht so ohne Weiteres bekämen.
Akademie für die IT-Nachwuchskräfte
Auch der Nachwuchs ist ein wichtiges Thema beim Software Ring. Gute IT-Fachkräfte werden überall gesucht, deshalb gilt es, Talente frühzeitig an sich zu binden. Zwar ist die Metropolregion Nürnberg bei der Ausbildung von Fachinformatikern grundsätzlich sehr gut aufgestellt. Beispielsweise bietet die Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm in Kooperation mit der Staatlichen Berufsschule Erlangen einen dualen Studiengang Informatik an, der es Studierenden ermöglicht, ein Bachelor-Studium mit der Ausbildung zum Fachinformatiker zu kombinieren. Da die Branche aber seit ein paar Jahren durch den Vormarsch der Künstlichen Intelligenz ihren zweiten großen Umbruch erlebt, hat die Software Ring eG 2021 mit der Software Ring Academy ihre eigene Akademie für die Auszubildenden ihrer Mitglieder entwickelt, in der diese neben dem normalen IT-Studium noch eine Zusatzausbildung aus der Praxis für die Praxis erhalten.
Die Software Ring Academy ist eines von vielen Projekten, das die Mitglieder der Genossenschaft gemeinsam umsetzen. Häufig schließen sich drei bis fünf Mitglieder zu einem „Board of Innovation“ zusammen oder rufen gemeinsam Events ins Leben. Das erhöhe die Sichtbarkeit für die Mitglieder und den Ring insgesamt, sagt Stefano Giacin: „Man kann zusammen besser Events starten, wie den Award of Innovation. Solche Ideen werden im Software Ring gerne aufgenommen und zusammen durchgeführt, weil es alleine als Mittelständler einfach anstrengender und schwieriger ist, so ein großes Event auf die Beine zu stellen.“
Ein Award für IT-Projekte aus der Region
Seit 2024 vergibt die Software Ring eG ihren Award of Innovation an besondere IT-Projekte aus der Region, und zwar nur an Bewerber, die noch keine Mitglieder sind, sagt Giacin: „Es gibt ein Gremium im Software Ring, das die besten fünf Bewerbungen auswählt und an die Jury weiterleitet. Da haben wir sogar noch einen Kooperationspartner dabei.“ Die Jury ist prominent besetzt, wie Giacin betont: Neben dem Präsidenten der IHK Nürnberg für Mittelfranken gehören ihr je ein Professor der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm, die Wirtschaftsreferenten beziehungsweise die Wirtschaftsreferentin der Städte Nürnberg, Fürth und Erlangen sowie mit Thomas Edenhofer der CEO von Baker Tilly Deutschland an. „Baker Tilly gehört zu den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Deutschlands“, berichtet Giacin stolz.
Mit dem Award of Innovation werden innovative Softwareprojekte, IT-Produkte oder IT-unterstützte Prozesse ausgezeichnet. Bewerben können sich alle, die in diesem Bereich entsprechende innovative Projekte vorzuweisen haben. Zu den Bewerbern des jüngsten Awards gehörten laut Giacin Mittelständler, größere IT-Unternehmen mit 200 Mitarbeitenden und Einzelpersonen. Besonders beeindruckt war Giacin von einem Freelancer, der eigentlich Zahnarzt ist, aber eigentlich lieber programmiert und nebenbei ein KI-Modell entwickelt hat. Damit belegte er den dritten Platz.
Bei allen Beteiligten komme der Award of Innovation gut an, berichtet Giacin. „Die Start-ups sind begeistert von der Plattform, auf der sie sich präsentieren können. Sie stellen ihre Projekte vor und bekommen dafür Feedback. Möglicherweise finden sie sogar einen Kooperationspartner.“ Bei der jüngsten Award-Verleihung im November 2025 waren über 100 Gäste aus Politik und Wirtschaft dabei, darunter 60 verschiedene Unternehmen. „Business Angels, Private Equity-Vertreter sowie fast alle Unternehmen, die in der Metropolregion Nürnberg einen Namen haben, sind zu uns gekommen und haben sich die Projekte der Award-Kandidaten angehört. Das Feedback war großartig“, berichtet Giacin. Der Award of Innovation der Software Ring eG ist mit 10.000 Euro dotiert, doch am Ende seien die Kontakte, die Start-ups und Freelancer mit IT-Unternehmen und Mittelständlern knüpften, vielleicht sogar mehr wert.
Verleihung des Awards of Innovation 2025 in Nürnberg: Gewonnen hat das Nürnberger Softwareunternehmen targenio. Die teilnehmenden Start-ups sind begeistert von dem Award, weil er ihnen einen Plattform bietet, um sich zu präsentieren.
IT-Branche trotz Wirtschaftsflaute solide aufgestellt
In Zukunft möchte die Software Ring eG auch den Zweit- und Drittplatzierten des Award of Innovation ein Preisgeld zahlen. Dafür werden aktuell Sponsoren gesucht. Allgemein attestiert Thomas Oedinger, der neben seinem Vorstandsamt bei der Software Ring eG auch Technikvorstand der BKR Software Consulting & Technology AG ist, der deutschen IT-Branche trotz Wirtschaftskrise einen guten Stand: „Der Markt hat sich in den vergangenen Jahren verändert, auch weil bestimmte Kunden wie Automobilzulieferer in Probleme geraten sind. Aber im Großen und Ganzen ist die Situation in der IT-Branche immer noch sehr zufriedenstellend.“ Die Zeiten seien zwar nicht mehr ganz so paradiesisch wie noch vor drei bis fünf Jahren. „Da konnte man sich die Projekte fast aussuchen, beziehungsweise man konnte gar nicht so viele Projekte abarbeiten, wie angefragt worden sind. So ist es nicht mehr, aber wenn wir jammern, dann immer noch auf hohem Niveau.“
IT ist mehr als Künstliche Intelligenz
Mit der immer stärkeren Verbreitung von Künstlicher Intelligenz in allen Bereichen befindet sich die IT-Branche in einem weiteren massiven Umbruch. Thomas Oedinger hält es jedoch für falsch, wenn sich mittelständische IT-Unternehmen allein auf KI fokussieren: „IT ist ein weites Feld und verlangt ganz unterschiedliche Fähigkeiten. Keine Firma wird es je schaffen, die komplette Bandbreite der IT abzudecken, deshalb ist Spezialisierung bis zu einem gewissen Grad wichtig“, sagt Oedinger. Aber sich zu stark zu spezialisieren, sei sicherlich auch nicht der richtige Weg. „Die Geschwindigkeit, mit der sich IT weiterentwickelt und verändert, ist gewaltig. Wenn ich mich als Unternehmen zu stark auf einen Bereich konzentriere, stehe ich früher oder später auf verlorenem Posten, weil neue Entwicklungen an mir vorbeiziehen.“ Zudem seien US-Konzerne wie Google, Amazon, Meta, Microsoft oder OpenAI zu stark, um als mittelständisches Unternehmen mit ihnen mithalten zu können. Oedinger hält einen anderen Weg für sinnvoller: „Wir sollten das, was die Großen der Branche auf den Markt bringen, so gut es geht für unsere Zwecke nutzen und eigene Leistungen darauf aufbauen. So bleiben wir innovativ und kommen in der Summe auf ein starkes Portfolio.“ Die Software Ring eG geht diesen Weg konsequent und erfolgreich – schon seit 1999.