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Wie kommt die Energiewende voran?

Michael Sterner: Die Energiewende ist technologisch weit fortgeschritten. Alle für die Abkehr von fossilen Energieträgern notwendigen Technologien sind bereits vorhanden und wirtschaftlich rentabel. Im Stromsektor liegt der Anteil erneuerbarer Energien in Deutschland bereits bei über 60 Prozent, wobei insbesondere Solarstrom und Speicher stark zulegen. Seit 2023 wurde weltweit fast jeden Tag so viel Photovoltaik-Leistung installiert wie vor 20 Jahren in einem ganzen Jahr.

Trotz dieser Erfolge im Strombereich bleibt die Umsetzung in anderen Sektoren eine große Herausforderung, da das Gesamtsystem sehr träge reagiert und wir keinen zeitlichen CO2-Puffer mehr haben. Es ist ein Herkulesprojekt, das nur gelingen kann, wenn wir die Transformation gesellschaftlich und politisch wirklich umsetzen.

Warum kommt die Energiewende bei Wärme und Transport nicht so gut voran wie erhofft, während es bei Strom besser läuft?

Sterner: Während der Stromsektor als Vorreiter fungiert, hängen die Sektoren Wärme und Transport noch überwiegend an fossilen Quellen; der Verkehrssektor basiert zu 92 Prozent auf Erdöl, und die Wärmeversorgung ist zu über 80 Prozent von Erdöl und Erdgas geprägt. Ein Hauptgrund ist die enorme Trägheit der Infrastruktur: Heizungen werden teils über 30 Jahre genutzt, Gebäude nur alle 20 bis 30 Jahre saniert.

„Es braucht eine einfache Förderung und weniger Angst beim Umstieg auf beispielsweise eine Wärmepumpe.“

Zudem fehlten lange Zeit die richtigen wirtschaftlichen Anreize, da fossile Energieträger wie Gas aus Russland sehr billig waren und bis vor Kurzem sogar noch neue Öl- und Gasheizungen staatlich gefördert wurden. Es braucht eine einfache Förderung und weniger Angst beim Umstieg auf beispielsweise eine Wärmepumpe.

Im Verkehrssektor paust sich die E-Mobilität durch, nicht nur wegen der neuen Förderung, sondern weil endlich die Reichweitenangst überwunden wird durch größere Batterien und mehr Ladeinfrastruktur. Beim Flug- und Schiffsverkehr braucht es Energieträger mit hoher Energiedichte. Dafür eignen sich Biokraftstoffe und E-Fuels.

Wo hakt es beim Netzausbau?

Sterner: Der Netzausbau hakt vor allem an mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz und langwierigen Planungsverfahren. Oft wehren sich Bürgerinitiativen gegen Stromtrassen aufgrund von Sorgen um Landschaftsverschandelung oder Elektrosmog. Von den bereits vor über einem Jahrzehnt als notwendig identifizierten Tausenden Kilometern neuer Leitungen wurden bisher nur ein Bruchteil tatsächlich realisiert.

„Der politisch verschleppte Ausbau ist schädlich für Wirtschaft und Klimaschutz.“

Dieser Verzug führt dazu, dass im Norden erzeugter Windstrom häufig abgeregelt werden muss, während im Süden teure Gaskraftwerke einspringen, was die Volkswirtschaft jährlich Milliarden kostet. Die von Horst Seehofer (CSU) durchgesetzte Erdverkabelung hat das Akzeptanzproblem nur verschoben und die Sache deutlich verzögert sowie verteuert: Die Stromtrassen kosten viermal so viel wie einfache Freileitungen. Die Netze sind der Kern der Strominfrastruktur. Ohne diese können weder Erneuerbare noch Speicher noch Gaskraft oder neue Verbraucher wie Rechenzentren angeschlossen werden. Der politisch verschleppte Ausbau ist schädlich für Wirtschaft und Klimaschutz.

Welche Zukunftstechnologien halten Sie für vielversprechend, um der Energiewende zum Durchbruch zu verhelfen? Welche sind entscheidend?

Sterner: Entscheidend für den Durchbruch sind Systemlösungen zur Sektorenkopplung wie Power-to-Gas und Power-to-Liquid, die überschüssigen erneuerbaren Strom in speicherbare Moleküle wandeln. Diese Technologien ermöglichen es uns, die bereits vorhandene gigantische Gasinfrastruktur als Langzeitspeicher zu nutzen und fluktuierende Energien in die Bereiche Wärme, Industrie und Schwerlastverkehr zu bringen. Ich bin stolz, diese Power-to-X Lösung mitentwickelt zu haben.

Ebenso vielversprechend sind hocheffiziente Wärmepumpen und Batteriespeicher in Verbindung mit intelligenter Steuerung, sogenannte Smart Grids, die den Verbrauch dynamisch an die Erzeugung anpassen. Für die Industrie sind Verfahren wie die Direktreduktion von Stahl mit Wasserstoff essenziell, um bisher unvermeidbare Prozessemissionen zu eliminieren.

„Wasserstoff dient als Schlüssel für die notwendige Langzeitspeicherung und die technische Versorgungssicherheit.“

Welche Rolle kann Wasserstoff für die Energiewende spielen?

Sterner: Wasserstoff ist kein Primärenergieträger, sondern ein entscheidendes Bindeglied, um Sektoren wie die Chemieindustrie, die Stahlherstellung und den Schwerlastverkehr zu defossilisieren. Er dient als Schlüssel für die notwendige Langzeitspeicherung und die technische Versorgungssicherheit, da er über Monate verlustfrei in Salzkavernen gespeichert und bei Bedarf wieder verstromt werden kann. Noch einfacher geht das, wenn man Wasserstoff mit CO2 zu erneuerbarem Gas umwandelt. Dann kann die vollständige Gasinfrastruktur genutzt werden, ohne Milliarden in neue Wasserstoffinfrastruktur zu stecken.

Obwohl die Nutzung von Wasserstoff oft ineffizienter ist als die direkte Elektrifizierung, ist er in Bereichen, in denen keine Batterien eingesetzt werden können – wie im internationalen Schiffs- oder Flugverkehr – in Form von Derivaten wie Ammoniak oder E-Kerosin alternativlos. Wasserstoff ist somit nicht der „Champagner“, sondern der „Haupttreibstoff“ einer klimaneutralen Industrie.

Wie kann die Wärmewende besser ins Laufen gebracht werden? Welche Rolle spielt zum Beispiel Nahwärme?

Sterner: Die Wärmewende kann durch den Dreiklang aus Energieeinsparung durch Gebäudedämmung, dem großflächigen Einsatz von Wärmepumpen und dem Ausbau von Wärmenetzen beschleunigt werden. Nahwärmenetze spielen hierbei eine zentrale Rolle, da sie es ermöglichen, verschiedene erneuerbare Quellen wie Geothermie, Solarthermie oder industrielle Abwärme effizient zu bündeln und ganze Quartiere gemeinschaftlich zu versorgen.

„Kommunale Wärmepläne sind die notwendige strategische Grundlage, um vor Ort die passenden Lösungen umzusetzen.“

Besonders im Bestand sind solche Netze vorteilhaft, da sie den Platzbedarf und Wartungsaufwand für den Einzelnen minimieren und durch große Pufferspeicher eine kostengünstige Flexibilität für das gesamte Stromsystem bieten. Kommunale Wärmepläne sind dabei die notwendige strategische Grundlage, um vor Ort die passenden Lösungen umzusetzen.

Der stärkste Nettostromerzeuger war laut Zahlen des Fraunhofer ISE 2025 die Windkraft, gefolgt von der Photovoltaik, so das ISE. Die Photovoltaik allerdings steigerte ihre Produktion um 21 Prozent und überholte erstmals die Braunkohle. Wie werden sich die einzelnen Energieträger weiter entwickeln?

Sterner: Wind- und Solarenergie werden zum Nukleus der Energieversorgung und bis 2050 zur primär genutzten Energieform global aufsteigen. In einem stabilen erneuerbaren System ergänzen sie sich ideal im Leistungsverhältnis von etwa 60:40, um wetterbedingte Schwankungen bestmöglich auszugleichen. China ist uns da bereits eine große Nasenlänge voraus.

Während die Kohleverstromung in Deutschland aufgrund hoher CO2-Preise und dem beschlossenen Kohleausstieg bis spätestens 2038 aus dem System verschwindet, wird die Bedeutung von grünem Gas wie Wasserstoff und Methan als flexibles Back-up für Dunkelflauten massiv zunehmen. Dazu braucht es Gaskraftwerke und Blockheizkraftwerke. Die Gasspeicher sind bereits in ausreichender Größe vorhanden. Biogas aus Rest- und Abfallstoffen wird hier auch eine Rolle spielen.

„Es erfordert den mutigen politischen Willen, Hemmnisse in der Genehmigung und im Netz- und Speicherausbau konsequent abzubauen.“

Ist das Ausbauziel für erneuerbare Energien im Stromsektor für 2030 noch erreichbar?

Sterner: Technisch ist das Ausbauziel für 2030 leicht erreichbar, da ausreichend Potenziale vorhanden sind. Es ist auch wirtschaftlich, wenn die Batteriespeicher zugebaut werden. Diese brauchen keine Subventionen. Sie stabilisieren die Preise und die Netze.

Es erfordert den mutigen politischen Willen, Hemmnisse in der Genehmigung und im Netz- und Speicherausbau konsequent abzubauen. Dabei hilft uns die Einstufung als Beitrag zur nationalen Sicherheit über das „überragende öffentliche Interesse“. Gelingt uns dieser Kraftakt, sichern wir uns nicht nur die Klimaziele, sondern auch langfristige Energiesouveränität, wirtschaftlichen Wohlstand und in unserer Zeit das Wichtigste: einen Beitrag zum Frieden. Denn bei fast allen Kriegen geht es um Ressourcen und Energie.

Wie weit sind wir Ihrer Meinung nach in Deutschland mit einer Bewusstseinswende Richtung erneuerbare Energien?

Sterner: In Deutschland ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit des Wandels grundsätzlich vorhanden und die Akzeptanz der Energiewende sehr hoch. Dennoch sitzen viele Menschen noch im „geistigen Blackout“ der Angst vor Veränderung oder unterliegen Mythen, die durch interessengeleitete Kampagnen der alten Fossillobby gestreut werden.

Erst der Schock des Ukrainekriegs hat vielen die schmerzhafte Abhängigkeit von fossilen Importen vor Augen geführt und den Wunsch nach „Freiheitsenergien“ verstärkt. Nun kommen 90 Prozent unserer LNG-Importe aus den USA und wir haben uns in die nächste Abhängigkeit begeben. Sind die USA das neue Russland? Eher nicht, aber je mehr wir unsere Versorgung diversifizieren und auf verschiedene Länder beziehungsweise die Eigenversorgung ausrichten, desto besser.

Eine echte Bewusstseinswende erfordert nun vor allem Bildung und die Vermittlung von Lösungen statt reiner Problemdiskussionen, um die Menschen aus der Betroffenheit ins Handeln zu bringen.

Die Energiewende ist gesellschaftlich umsetzbar, sagen Sie. Was müssen Politik, Wirtschaft und die Verbraucherinnen und Verbraucher dafür tun, damit es gelingt?

Sterner: Die Politik muss klare, langfristige Rahmenbedingungen und CO2-Preise setzen, die den Pfad zur Klimaneutralität unumkehrbar machen. Die Wirtschaft ist gefordert, in Systemlösungen und neue Wertschöpfungsketten zu investieren, um Klimaschutz zum Exportschlager zu machen. Die Fossilwirtschaft hat in der Energiekrise genügend Geld erwirtschaftet, um die Energiewende zu stemmen. Vor allem dort braucht es einen Bewusstseins- und Investitionswandel, weil hier wenige viel tun können.

„Entscheidend ist für alle Ebenen das Prinzip der Teilhabe: Nur wenn die Menschen vor Ort finanziell und ideell von den Anlagen profitieren, wird die Energiewende zu einem gemeinsamen, getragenen Projekt.“

Verbraucherinnen und Verbraucher können durch die Energiewende im Eigenheim mit Solarstrom, Speicher, Wärmepumpe, E-Auto und variablen Stromtarif sehr stark zur Energiewende beitragen und finanziell davon profitieren. Darüber hinaus gilt es über die Suffizienz – also bewusste Verhaltensänderungen bei Ernährung, Mobilität und Wohnen – den Energiebedarf signifikant zu senken.

Entscheidend ist für alle Ebenen das Prinzip der Teilhabe: Nur wenn die Menschen vor Ort finanziell und ideell von den Anlagen profitieren, wird die Energiewende zu einem gemeinsam getragenen Projekt.

„Genossenschaften sind ein zentrales Instrument, da sie die Energiewende von unten vorantreiben und die Bürger direkt an der lokalen Wertschöpfung beteiligen.“

Wie können Ihrer Meinung nach Genossenschaften zum Gelingen der Energie- beziehungsweise Wärmewende beitragen?

Sterner: Genossenschaften sind ein zentrales Instrument, da sie die Energiewende „von unten“ vorantreiben und die Bürger direkt an der lokalen Wertschöpfung beteiligen. Durch den gemeinschaftlichen Betrieb von Anlagen wird nicht nur das notwendige Kapital für Wärme- und Stromprojekte mobilisiert, sondern es entsteht auch ein hohes Maß an Vertrauen und Akzeptanz in der Bevölkerung.

Sie ermöglichen es, Energie gemeinschaftlich zu nutzen und Speichersysteme lokal zu optimieren, was die Wirtschaftlichkeit erhöht und die Abhängigkeit von großen Konzernen verringert. Ab dem Sommer wird dafür auch die Rechtsform der „Energiegemeinschaften“ möglich sein – fünf Jahre nach Österreich endlich auch in Deutschland! Hier kann sich dann nicht nur jeder Hausbesitzer hinter dem Stromzähler optimieren, sondern hinter jedem Trafo und jedem Umspannwerk die Menschen, die Kommunen und die Firmen zusammenschließen zur lokalen, klimaneutralen Stromversorgung und -erzeugung.

In Genossenschaften und Invest- oder Energiegemeinschaften wird die Energiewende greifbar und zu einer „runden Sache“ für Klima und Geldbeutel.

Professor Sterner, vielen Dank für das Interview!

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