Stütze der Gesellschaft: Genossenschaften stiften auf viele Weisen gesellschaftlichen Nutzen. „Profil“ hat einige Beispiele zusammengetragen.
Herr Professor Wrede, Sie haben in einer Studie den Zusammenhang zwischen Finanzkennzahlen, insbesondere der Eigenkapitalquote, und der Mitgliederentwicklung von Genossenschaftsbanken in Deutschland während der Finanzkrise untersucht. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Matthias Wrede ist Vorstandsvorsitzender des Forschungsinstituts für Genossenschaftswesen und Inhaber des Lehrstuhls für Sozialpolitik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Matthias Wrede: Während der Finanzkrise zeigte sich eine negative Korrelation zwischen der Eigenkapitalquote des Vorjahres und der Mitgliederwachstumsrate beziehungsweise der Wachstumsrate des Geschäftsvermögens pro Mitglied. Eine niedrige Eigenkapitalquote vor der Finanzkrise hatte einen positiven Effekt sowohl auf das Mitgliederwachstum als auch auf das Wachstum der Vermögenswerte pro Mitglied. Dieser Effekt kann als Ergebnis einer erhöhten Nachfrage nach Mitgliedschaften und Geschäftsvermögen verstanden werden, ausgelöst durch den gestiegenen Finanzierungsbedarf der Banken sowie durch ein möglicherweise verstärkt wahrgenommenes Risiko während der Finanzkrise.
Welche Erkenntnisse können Genossenschaftsbanken aus den Ergebnissen Ihrer Studie für sich ableiten?
Wrede: Das Mitgliedergeschäft kann – zumindest ergänzend – bei erhöhtem Kapitalbedarf Genossenschaftsbanken zusätzlich stabilisieren.
Auf welcher Datenbasis haben Sie die Studie erstellt?
Wrede: Die Basis waren Daten des GVB über Mitglieder und Bilanzen der im GVB organisierten Genossenschaftsbanken für den Zeitraum 2002 bis 2022.
Woher haben Sie die Daten bekommen?
Wrede: Die Daten wurden dem Institut im Rahmen des übergreifenden Forschungsprojekts „Mitgliederförderung bei Genossenschaftsbanken" vom GVB für wissenschaftliche Zwecke unter Einhaltung hoher Standards der Vertraulichkeit der Ursprungsdaten zur Verfügung gestellt.
Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit dem GVB bei der Datenbeschaffung?
Wrede: Die Zusammenarbeit mit dem GVB verlief hervorragend sowohl was die Bereitstellung als auch die Dokumentation und gegebenenfalls Interpretation der Daten betraf.
„Insgesamt wäre es für die Forschung in diesem Bereich wichtig, dass Genossenschaften und deren Verbände die Vorteilhaftigkeit einer Sichtbarkeit in der Forschung noch stärker erkennen.“
Wissenschaftliche Forschung zu Genossenschaften ist wichtig, um deren Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft sichtbar zu machen. Wie ist die nationale und internationale Forschung hier aufgestellt?
Wrede: Für die quantitative wissenschaftliche Forschung zu Genossenschaften ist es wichtig, dass nicht nur Querschnitt-, sondern auch für längere Zeiträume Längsschnittdaten über die Aktivitäten und Merkmale der Genossenschaften der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden und dass die Daten aus dem Genossenschaftswesen mit Daten aus anderen Kontexten verknüpft werden können. Aggregierte Daten von wenigen Merkmalen reichen für eine ernsthafte wissenschaftliche Analyse nicht aus. Befragungen weniger Experten können eine methodisch anspruchsvolle Analyse von Merkmalen und Aktivitäten nicht ersetzen. Insgesamt wäre es für die Forschung in diesem Bereich wichtig, das Genossenschaften und deren Verbände die Vorteilhaftigkeit einer Sichtbarkeit in der Forschung noch stärker erkennen.
Welche Ansätze sehen Sie, um wissenschaftliche Forschung zu Genossenschaften vor allem für junge Forschende attraktiver zu machen und damit deren Sichtbarkeit insgesamt zu erhöhen?
Wrede: An junge Forschende in den Wirtschaftswissenschaften werden hinsichtlich der Originalität und der wissenschaftlichen Qualität der Datenanalyse hohe Anforderungen gestellt, die nur auf der Basis hochwertiger und detaillierter Daten erfüllt werden können. In den Wirtschaftswissenschaften wird großer Wert auf die Identifikation von Ursache-Wirkung-Zusammenhängen gelegt. Neben der Analyse von Sekundärdaten sind daher Feldexperimente eine gute Möglichkeit für junge Forschende, relevante Ergebnisse zu erzielen und wissenschaftliche Reputation zu erlangen.
Woran wird am Institut für Genossenschaftswesen an der FAU Erlangen-Nürnberg aktuell geforscht und was wurde in jüngster Zeit dazu publiziert?
Wrede: Am Institut für Genossenschaftswesen an der FAU Erlangen-Nürnberg sind derzeit Studien in der Bearbeitung, die den Zusammenhang zwischen Altersstruktur der Mitgliedschaft beziehungsweise Governance von Genossenschaften einerseits und Dividenden andererseits behandeln. Kürzlich wurden Arbeiten zur Entwicklung der Vermögenswerte von Genossenschaftsbanken sowie zur Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum durch Wohnungsgenossenschaften von Mitgliedern des Instituts publiziert.
Herr Professor Wrede, vielen Dank für das Gespräch!