Nervenkitzel: Die Molkerei Berchtesgadener Land erfasst die Milch der Tiroler Bauern rund um Kitzbühel mit dem Almtruck bis in 1.600 Meter Höhe. „Profil“ ist mitgefahren.
Ressourcen schonen und natürliche Kreisläufe nutzen – für Martin Rinser und Bartholomäus Mayer sind das elementare Bestandteile einer nachhaltigen Landwirtschaft im Einklang mit der Natur. Die beiden Landwirte aus dem Landkreis Rosenheim liefern die Milch ihrer Kühe an die Molkereigenossenschaft Berchtesgadener Land. Martin Rinser bewirtschaftet mit seiner Familie den Springerhof in der Gemeinde Schechen nach Naturland-Richtlinien. Der Mayerhof von Bartholomäus Mayer und seiner Familie liegt in der Gemeinde Samerberg. Beide Landwirte halten rund 60 Milchkühe im Laufstall mit Aufenthaltsmöglichkeit im Außenbereich. Wenn das Wetter es zulässt, dürfen die Tiere auf die Weide.
Nachhaltigkeit liegt in der Natur der Landwirtschaft: Bartholomäus Mayer mit Ehefrau Elisabeth, Mutter Irmgard, Neffe Sebastian und den beiden Kindern Ludwig und Charlotte auf dem Mayerhof. Foto: Silvia Lehnert, Elite-Magazin
„Nachhaltigkeit liegt in der Natur der Landwirtschaft. Es geht darum, die Ressourcen möglichst gezielt und effizient zu nutzen, ohne Raubbau zu betreiben. Sonst hat die nächste Generation nichts, worauf sie aufbauen kann“, sagt Bartholomäus Mayer. Auf das Thema angesprochen, sind von Martin Rinser fast die gleichen Worte zu hören: „Landwirte haben einen Generationenauftrag. Deshalb ist es verdammt wichtig, nachhaltig zu wirtschaften und die Böden gesund zu erhalten, damit auch die Nachkommen ihr Auskommen haben.“
Strom, Wasser und Wärme direkt vom Hof
Beide haben bereits eine Menge getan, um die natürlich vorhandenen Ressourcen auf ihren Höfen möglichst effizient zu nutzen. „Wir haben bereits vor über 20 Jahren angefangen, alle nach Süden ausgerichteten Dächer mit PV-Anlagen zu bestücken, inzwischen kommen wir auf eine installierte Leistung von 200 Kilowatt“, berichtet Bartholomäus Mayer. Seit 1990 heizt die Familie Mayer mit Hackschnitzeln, die aus dem eigenen Holz stammen. 2008 wurde die Anlage erweitert. Hinzu kommt ein Batteriespeicher, der den Strom der PV-Anlagen zwischenspeichert. Erst kürzlich wurde dessen Leistung von 30 auf 45 Kilowatt aufgestockt.
Zudem nutzt Bartholomäus Mayer eigenes Quellwasser, um die Kühe zu tränken. Zuvor fließt das Wasser durch einen Wärmetauscher. So wird die Milch vorgekühlt, bevor sie in den Milchtank fließt, und das kalte Quellwasser für die Kühe wird auf eine angenehme Trinktemperatur erwärmt. Im Stall und bei den Maschinen setzt der Landwirt auf energiesparende Elektrotechnik. „Kuhbürste, Ventilatoren, Güllepumpe und Mistschieber werden alle elektrisch betrieben, zudem haben wir den Stall auf LED-Beleuchtung umgerüstet. Weil wir zusätzlich den PV-Strom zwischenspeichern können, kommen wir beim Strom auf eine Eigenverbrauchsrate von 70 bis 75 Prozent“, berichtet Mayer.
Kühle Milch, wohltemperiertes Wasser für die Kühe
Martin Rinser setzt auf dem Springerhof ebenfalls auf PV-Strom und Batteriespeicher, um die Energieeffizienz seines Betriebs zu steigern. Auch bei ihm beleuchten LEDs den Stall, das Waschwasser stammt aus einer Zisterne, eigenes Quellwasser kühlt die Milch auf dem Weg vom Melkroboter in den Tank, bevor es angenehm temperiert in die Tränken der Kühe fließt. Weil die Milch durch das Quellwasser schon vorgekühlt in den Tank kommt, braucht es nicht mehr so viel Energie, um sie auf die gewünschte Temperatur von 8 Grad herunterzukühlen. Das spart Strom. Die Wärme für den gesamten Betrieb kommt von einer Hackschnitzelheizung, die auch die Ferienwohnungen der Rinsers auf wohlige Temperaturen heizt.
Martin und Christa Rinser bewirtschaften den Springerhof in Schechen seit 2006. Ihre drei Kinder Sophie, Amelie und Benedikt genießen das Leben in der Großfamilie, vor allem das Miteinander auf dem Bauernhof.
Bis zu 10.000 Euro aus dem Zukunftsbauer-Programm
Die Molkerei Berchtesgadener Land unterstützt Landwirte wie Martin Rinser und Bartholomäus Mayer, ihre Höfe klimafreundlicher und energieeffizienter gestalten, mit dem Programm „Zukunftsbauer“. Seit Herbst 2021 werden sie unbürokratisch mit bis zu 10.000 Euro gefördert, wenn sie ihre Betriebe energetisch optimieren. Kooperationspartner ist die Rewe-Gruppe mit ihrer Discount-Marke Penny. „Das Gemeinschaftsprojekt hat zum Ziel, einen Beitrag zum Klimaschutz und zum Erhalt der familiengeführten Bauernhöfe im Alpenraum zu leisten“, erklärt Molkerei-Geschäftsführer Bernhard Pointner. Abgewickelt wird das Projekt in fünf Schritten von der Erstinformation der Landwirte bis zur Umsetzung. Am Ende erhalten die erfolgreich teilnehmenden Höfe die Zukunftsbauer-Plakette.
Mitgliedsbetriebe der Molkereigenossenschaft Berchtesgadener Land, die erfolgreich am Zukunftsbauer-Programm teilgenommen haben, erhalten zum Abschluss eine Plakette. Foto: Molkerei Berchtesgadener Land
Gewappnet für längere Stromausfälle
Neben der Förderung von Energieeffizienz hat das Projekt noch einen erwünschten Nebeneffekt: Wenn die Betriebe ihren eigenen Strom und ihre eigene Wärme produzieren, können sie Energiekosten reduzieren. Damit werden sie widerstandsfähiger gegen Energiepreisschocks wie etwa zu Beginn des Ukraine-Kriegs. Zudem bleiben sie bei Energieversorgungskrisen handlungsfähig. Mit Strom aus der eigenen PV-Anlage oder dem eigenen Batteriespeicher läuft die Melkmaschine weiter und der Milchtank kann weiter gekühlt werden. Fällt die Kühlung aus, müsste der Landwirt die Milch nach kurzer Zeit wegkippen. Welche Folgen ein langanhaltender, großflächiger Stromausfall haben kann, war Anfang des Jahres in Berlin zu sehen.
Auch die Molkerei Berchtesgadener Land selbst hat dafür gesorgt, dass sie bei einem mehrtägigen Stromausfall den Betrieb zu 80 Prozent aufrechterhalten und die angelieferte Milch weiter verarbeiten kann (siehe Kasten). So ist sie in der Lage, gemeinsam mit den Landwirten die Bevölkerung auch in Krisenzeiten mit einem wichtigen Nahrungsmittel zu versorgen. „Gerade in der aktuell so unsicheren Zeit ist es bedeutend, auf erneuerbare Energien zu setzen beziehungsweise die Einsparung von Energie zu unterstützen. Auch die Energie-Unabhängigkeit ist für jeden einzelnen Bauernhof wichtiger denn je, um weiter steigende Betriebs- und damit auch Milcherzeugungskosten abzufangen. Das Zukunftsbauer-Projekt liegt da absolut am Puls der Zeit“, betont Pointner.
Molkerei und Penny befüllen Fördertopf gemeinsam
In den Zukunftsbauer-Fördertopf zahlen die Molkerei und Penny gemeinsam ein. Der Lebensmittelhändler verzichtet beim Verkauf aller „Berchtesgadener Land“-Milchprodukte in den Penny-Filialen auf einen Teil der Handelsspanne. Die Molkereigenossenschaft verdoppelt den Betrag. 15 Produkte der Molkerei von der Milch bis zum Joghurt sind eigens als „Zukunftsbauer“-Produkte gelabelt. Auf den Etiketten informieren die Molkerei und Penny über das Projekt. So können die Konsumenten mit dem Kauf dieser Produkte die Aktion gezielt unterstützen. „Als Genossenschaft freut es uns besonders, mit einem unserer Handelspartner ein Förderprogramm entwickelt zu haben, bei dem alle zusammen – Handel, Unternehmen, Landwirtschaft und Verbraucher – an einem Strang ziehen. Klimaschutz geht nur gemeinsam“, betont Pointner und ist überzeugt, dass der „Zukunftsbauer“ das richtige Projekt zur richtigen Zeit ist. Gefunden haben sich die beiden Partner über ihren gemeinsamen Leitwert Nachhaltigkeit.
Bereits 2,5 Millionen Euro Prämien ausbezahlt
Beide Partner sind zufrieden mit dem bisherigen Verlauf des gemeinsamen „Zukunftsbauer“-Projekts: An die Landwirte der Molkereigenossenschaft wurde im Rahmen des Programms bis Ende 2025 eine Fördersumme von 2,5 Millionen Euro ausbezahlt. Die mit Wissenschaftlern, Landwirten, Energieberater, Molkerei und Handel besetzte Jury hat seit Start des Projekts in sieben Sitzungen über 700 Maßnahmen geprüft und genehmigt, darunter 191 Stromspeicher, 184 PV-Anlagen, 94 LED-Beleuchtungsanlagen, 44 Frequenzsteuerungen für Vakuumpumpen von Melkanlagen, 39 Vorkühler und 46 Hackschnitzelheizungen. Dafür haben die Landwirte über 16 Millionen Euro auf ihren Höfen investiert.
Das anfangs auf drei Jahre angelegte Projekt wird aufgrund der guten Resonanz weitergeführt. „Dass die Landwirtschaft ihren Beitrag zur Energiekrise leisten will und kann, zeigt die hohe Beteiligung am Projekt. Derzeit stehen 102 Betriebe auf der Warteliste“, betont Pointner. Der Molkerei-Geschäftsführer ist sich sicher: „Das Projekt Zukunftsbauer kam genau zur richtigen Zeit, denn es unterstützt die landwirtschaftlichen Betriebe bei ihrer Transformation hin zu klimafreundlicher Milchproduktion. Es war außerdem ein wichtiges Element in unserer Nachhaltigkeitsstrategie, für die wir 2024 erneut den Deutschen Nachhaltigkeitspreis erhalten haben, diesmal in der Kategorie „Nahrung- und Genussmittel/Milch- und Frischeprodukte“.
Auch die Digitalisierung und Elektrifizierung der Fütterungstechnik wird durch das Programm Zukunftsbauer gefördert. Im Bild ein Futterschiebe-Roboter, der das Futter automatisch wieder zu den Kühen schiebt. Kühe neigen dazu, ihr Futter beim Fressen großflächig zu verteilen, sodass sie es am Ende nicht mehr erreichen können. Foto: Molkerei Berchtesgadener Land
Beratung als zentraler Bestandteil des Förderprogramms
Das Zukunftsbauer-Projekt startet mit einem Workshop zur Energieeffizienz in der Landwirtschaft in der Molkerei Berchtesgadener Land. Auf Praxisfahrten werden Musterhöfe besichtigt. Darauf folgen individuelle Energiechecks bei den teilnehmenden Betrieben, die Energiefresser analysieren und Optimierungsmöglichkeiten aufzeigen. Anschließend werden den Landwirten individuell angepasste Maßnahmen vorgeschlagen, die sowohl Energie sparen, die Effizienz steigern als auch den möglichen Ausbau erneuerbarer Energien beinhalten können. Daraus entsteht dann ein individuelles Hofkonzept, das die Teilnehmer bei der Molkerei Berchtesgadener Land einreichen können. Das Interesse der Landwirte am Zukunftsbauer-Programm zeigt sich auch bei den Workshops: Diese sind laut Pointner immer schnell ausgebucht.
Auf das Maßnahmen-Paket kommt es an
Eine Jury bewertet anschließend die Konzepte nach einem festgelegten Kriterienkatalog. Ausgewählt werden die überzeugendsten Maßnahmenkonzepte, die dann gefördert werden. Dabei ist der richtige Maßnahmen-Mix entscheidend: Es müssen mindestens zwei Maßnahmen umgesetzt werden, die mindestens zwei der fünf Bereiche Energieeinsparung, Energieeffizienz, Energieaufzeichnung, Energieproduktion und Eigenstromnutzung abdecken.
Deutlich bessere Energieeffizienz
Auch Landwirt Martin Rinser erhielt einen Zuschuss aus dem Zukunftsbauer-Programm. Er baute auf das Dach seines Freilaufstalls eine PV-Anlage mit 30 Kilowatt installierter Leistung, kombiniert mit einem Batteriespeicher mit 22 Kilowatt Leistung. „Dadurch ist unser Betrieb wesentlich effizienter geworden, weil wir den gespeicherten PV-Strom rund um die Uhr nutzen können. Das passt gut zum Melkroboter, der ebenfalls 24 Stunden am Tag läuft“, erklärt Rinser. Auf das Jahr gerechnet spart sich Rinser durch diese Investition 12.000 bis 14.000 Kilowattstunden Strom, die er sonst aus dem Netz hätte beziehen müssen.
Martin Rinser im Laufstall des Springerhofs in Schechen.
Das Zukunftsbauer-Programm sei für ihn Ansporn gewesen, die Pläne für die PV-Anlage und den Batteriespeicher auch wirklich umzusetzen, meint Rinser: Als besonders wertvoll empfand der Landwirt die Unterstützung durch den Energieberater. Dieser habe sich den gesamten Betrieb angeschaut, nach Einsparpotenzialen gesucht, ein Gesamtkonzept erstellt und dieses auch noch mit belastbaren Zahlen durchgerechnet. „Der Energieberater war der Schlüssel zum Erfolg. Ohne ihn hätten wir das Konzept wahrscheinlich nicht umgesetzt“, lobt Rinser.
Wertschätzung der Molkerei für die Landwirte
Bartholomäus Mayer erhielt die Zukunftsbauer-Förderung für den Bau einer 100-Kilowatt-Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Laufstalls sowie die Erweiterung des Batteriespeichers von 30 auf 45 Kilowatt. Er hätte das Projekt auch ohne den Zuschuss umgesetzt, sagt Mayer. Das Zukunftsbauer-Projekt empfindet er dennoch als wertvoll. Dort werde nicht nur geredet, sondern die Bauern würden aktiv unterstützt. „Ich sehe das als Wertschätzung der Molkerei für meine Arbeit, das rechne ich ihr hoch an. Zudem gewährt sie den Zuschuss freiwillig, das gibt es bei anderen Molkereien nicht“, betont der Landwirt.
Der Laufstall auf dem Mayerhof in Samerberg von Bartholomäus Mayer. Auf dem Dach hat er eine Photovoltaik-Anlage mit 100 Kilowatt Leistung installiert.
Mayer weiß auch sonst den Einsatz der Molkerei Berchtesgadener Land für Nachhaltigkeit und Energieeffizienz zu schätzen. „Die Molkerei macht es vor und handelt selbst nachhaltig. Das wird gesehen. So bringen wir uns gegenseitig voran. Auch für mich ist es Ansporn, mit der Molkerei mitzuhalten und es ihr bei diesem Thema gleichzutun.“ Denn der Weg zu einer nachhaltigen, autarken Energieversorgung sei noch lange nicht zu Ende. Mayer: „Wir sind ständig dabei, nach weiteren Lösungen zu suchen. Das hört nie auf.“