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Anfang des Jahres veröffentlichte das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE eine Auswertung zur öffentlichen Stromerzeugung 2025 in Deutschland. „Wind und Solar erstmals als Doppelspitze“, titelte das ISE. Demnach stammten im vergangenen Jahr 56 Prozent – also mehr als die Hälfte – des in Deutschland in das öffentliche Netz eingespeisten Stroms aus erneuerbaren Energien. Der stärkste Nettostromerzeuger war dabei die Windkraft, gefolgt von der Photovoltaik, die ihre Produktion um 21 Prozent steigerte und somit erstmals die Braunkohle überholte. Bayern steht sogar noch besser da:  Im Jahr 2024 stammten 75 Prozent – also drei Viertel – des in Bayern erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen.

Gute Nachrichten also für die Energiewende? Franz König sieht keinen Grund für Euphorie. „In der Stromerzeugung ist die Energiewende in Bayern schon sehr weit vorangekommen. Auch in Gesamtdeutschland ist man auf dem richtigen Weg.  Ganz anders sieht es in den Bereichen Verkehr und Gebäudeheizung aus. Hier gibt es enormen Nachholbedarf“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Elektrizitätsgenossenschaft Wolkersdorf und Vorsitzende des Fachausschusses Energiegenossenschaften beim Genossenschaftsverband Bayern (GVB).

Unnötige Bürokratie abbauen

Um die Energiewende weiter voranzutreiben, müsse die Politik an verschiedenen Stellen nachjustieren, meint König. Dazu gehöre die Förderung von Ladeinfrastruktur, gerade im städtischen Bereich, wo nur wenige Nutzer die Möglichkeit haben, ihr E-Auto an der eigenen Wallbox zu laden, bestenfalls sogar mit Solarstrom vom eigenen Dach. „Positiv zu bewerten ist hingegen die wieder eingeführte Förderung beim Kauf von Elektroautos.“ Auch Hindernisse durch unnötige Bürokratie müssten abgebaut werden. „Gerade Förderprogramme der KfW zur Wärmewende bremsen sich durch hohe bürokratische Hürden oft selbst aus“, berichtet König. Als Beispiel nennt er die Förderfähigkeit von Wärmeprojekten: „Hier wurden die Anforderungen verschärft, zum Beispiel wie laut Wärmepumpen sein dürfen. Das schränkt die Auswahl ein.“

Finanzielle Ausstattung der Netzbetreiber verbessern

Auch beim Netzausbau laufe nicht alles rund. „Ein beschleunigter Netzausbau kann nur funktionieren, wenn die finanzielle Ausstattung der Netzbetreiber verbessert wird und bürokratische Hindernisse beim Netzausbau abgebaut werden. Insbesondere bei den Verteilnetzbetreibern besteht hier Handlungsbedarf“, sagt König. Eine zielführende Änderung des Ordnungsrahmens hält der Vorstandsvorsitzende der Elektrizitätsgenossenschaft Wolkersdorf an dieser Stelle für wünschenswert. „Hierzu gehört auch die Möglichkeit der Einbindung von privatem Kapital in die Netzfinanzierung.“

Potenzial für Energiegenossenschaften, die Energiewende voranzutreiben, sieht König vor allem in der Sektorenkopplung. Gemeint ist damit die Verknüpfung verschiedener Sektoren wie Strom, Wärme oder Mobilität, um bereitstehende Energie bestmöglich zu nutzen. So kann zum Beispiel mit dem Strom einer PV-Anlage Prozesswärme für ein Wärmenetz oder eine industrielle Verwendung erzeugt werden (Power to Heat). Auch die Herstellung von Wasserstoff durch Elektrolyse zählt dazu. Für Energiegenossenschaften seien Power-to-Heat-Modelle sehr interessant, insbesondere in Verbindung mit dem Bau und Betrieb von Wärmenetzen. „Auch die dringend notwendige weitere Integration volatiler Energien in das System, insbesondere von Windenergie und Solarenergie, wird zu neuen Geschäftsfeldern für Energiegenossenschaften führen“, sagt König. Vor allem betreffe das die Vernetzung von Stromerzeugungsanlagen, netzdienliche Speicher und intelligente Netze, sogenannte Smart Grids.

Zu wenig Wind im Süden, zu wenig Photovoltaik im Norden

Unzureichend ausgebaute Stromnetze treiben auch Andreas Henze um. „Wenn die erneuerbaren Energien Verantwortung für die Stromversorgung in Deutschland übernehmen sollen, brauchen wir mehr Speicher und ein Stromnetz ohne Engpässe“, sagt der Vorstand der Bürger Energie Genossenschaft Freisinger Land (BEG-FS). Problematisch sei zum Beispiel die ungleiche Verteilung von Windenergie und Photovoltaik in Deutschland. „Wir haben zu wenig Wind im Süden und zu wenig Photovoltaik im Norden, da hakt es beim Ausgleich, zumal es an Stromspeichern fehlt und viele Netzbetreiber nur wenig zulassen, um die Situation zu verbessern“, beklagt sich der Vorstand der BEG-FS.

Viele Energiegenossenschaften täten sich aktuell schwer, neue Windkraftprojekte umzusetzen, hat Henze beobachtet. Die Ausschreibungen für Windenergie an Land seien mehrfach überzeichnet. In diesen Ausschreibungen ermittelt die Bundesnetzagentur die Höhe der finanziellen Förderung von Erneuerbare-Energien-Anlagen. Die Anlagen mit dem geringsten Förderbedarf machen das Rennen. Weil im Norden Deutschlands deutlich mehr Wind weht als im Süden, haben Antragsteller aus dem Norden wirtschaftlich einen Vorteil, weil sie in ihrer Kalkulation mit einem höheren Windertrag rechnen können.

Kosten für Windkraftprojekte in Süddeutschland zu hoch

Henze ärgert das, denn so seien neue Windkraftprojekte im Süden Deutschlands deutlich schwerer umsetzbar, auch wenn ihnen aufgrund des geringeren Windertrags ein kleiner finanzieller Ausgleich gewährt wird. „In Süddeutschland wird es eine Herausforderung, nochmal eine Ausschreibung für eine Windkraftanlage zu gewinnen“, sagt Henze. Niemand nehme ein halbe Million Euro für die Planung und Genehmigung einer Windkraftanlage in die Hand, wenn er nicht sicher sein könne, dass er bei einer Ausschreibung einen Zuschlag erhalte und danach auch bauen dürfe. Eine Lösung könnte laut Henze sein, das Ausschreibungsvolumen zu erhöhen, damit mehr Gebote aus dem Süden zum Zug kommen. Darüber hinaus könnte der Gesetzgeber einen längeren Zeitraum festlegen, bis wann ein Erneuerbare-Energien-Projekt, das einen Zuschlag erhalten hat, fertiggestellt sein muss. Damit hätten die Projekteigner weniger zeitlichen und preislichen Druck bei Verhandlungen und der Auftragsvergabe.

Beim Netzausbau sieht Henze den Gesetzgeber und die Netzbetreiber in der Pflicht. Um für Photovoltaik-Anlagen und Windräder überhaupt noch einen Netzanschluss zu bekommen, lassen sich mittlerweile viele Projektbetreiber darauf ein, kilometerlange Leitungen bis zum nächsten Anschlusspunkt zu verlegen oder sogar gleich ein eigenes Umspannwerk zu errichten, um den Strom aus der Anlage auf der Mittelspannungsebene einspeisen zu können. Das erhöht die Kosten solcher Projekte enorm, teilweise fast bis an die Grenze zur Unwirtschaftlichkeit.

Auch die Bürger Energie Genossenschaft Freisinger Land kam kürzlich nicht umhin, für einen Bürger-Windpark eine 20 Kilometer lange Leitung bis zum nächsten Umspannwerk zu verlegen. Eigentlich ein Unding, findet Henze, denn solche Kabel dürfen für die allgemeine Stromversorgung nicht mitgenutzt werden. „Privatwirtschaftlich lange Leitungen zu verlegen oder eigene Umspannwerke zu bauen, wenn die Allgemeinheit nicht davon profitieren kann, ist unsinnig und vernichtet Kapital. Wir verlegen Kabel doppelt und dreifach, dabei würde in vielen Fällen eine einzige Leitung reichen, um mehrere Windräder oder PV-Anlagen anzuschließen“, sagt Henze. Er fände es deshalb klüger, die Netzbetreiber würden den Ausbau selbst übernehmen und alle könnten die Leitungen mitbenutzen. Es könne sogar sinnvoll sein, wenn die Betreiber der Einspeiseanlagen die Leitung erst einmal selbst verlegen, damit der Ausbau nicht durch Kapazitätsengpässe bei den Netzbetreibern ausgebremst wird.

Geschäftspotenzial Ladesäulen

Geschäftspotenzial für Energiegenossenschaften sieht Henze unter anderem im Aufbau und im Betrieb von Ladesäulen für E-Autos. „Das ist nicht ganz unkompliziert, aber ich kann es jeder Genossenschaft nur empfehlen. Das ist auch für die Kommunen im Geschäftsgebiet sehr interessant.“ Die Bürger Energie Genossenschaft Freisinger Land betreibt selbst ein solches Ladenetz (siehe auch den Beitrag „Ein Bürger-Ladenetz für das Freisinger Land“ in „Profil“-Ausgabe 5/2023). „Um die Elektromobilität voranzubringen, brauchen wir eine flächendeckende Ladeinfrastruktur. Energiegenossenschaften können das übernehmen, es ist wirtschaftlich und die Genossenschaften zeigen über die Ladesäulen Präsenz in der Öffentlichkeit. Uns hat das ein gutes Stück nach vorne gebracht“, berichtet Henze. Die meisten Ladepunkte der BEG-FS sind Wechselstrom-Ladesäulen mit 22 Kilowatt Ladeleistung. Diese seien mit überschaubaren Kosten verbunden und würden gut angenommen. „In größeren Zentren geht der Trend hingegen zu Gleichstrom-Schnellladesäulen, die aber auch deutlich kostenintensiver sind als Wechselstrom-Ladesäulen“, sagt Henze.

Puffer für ein stabiles Stromnetz

Um den erneuerbaren Energien endgültig zum Durchbruch zu verhelfen, appelliert Henze an alle Akteure der Energiewende, Zug um Zug mehr Verantwortung für ein stabiles Stromnetz zu übernehmen. „Wir müssen dafür sorgen, dass wir das ganze Stromnetz dauerhaft mit erneuerbaren Energien stabil fahren können. Dafür müssen wir Puffer aufbauen, damit wir punktgenau zum richtigen Zeitpunkt Energie zur Verfügung stellen können, wenn diese benötigt wird.“ Das könnten neben Batteriespeichern auch Lösungen mit Wasserstoff oder Biomasse sein. Zur Speicherung von Biogas und Wasserstoff könnten vorhandene Gaskavernen nachgerüstet werden. Das sei zugegebenermaßen eine teure, aber auch wertvolle Energie. „Aber wir werden diese Puffer auch nicht allzu oft in Anspruch nehmen müssen, denn in der Regel ergänzen sich Strom aus Wind und Sonne im Tagesverlauf sehr gut“, sagt Henze.

Das bestätigt auch eine Studie der Förderbank KfW. Demnach fielen in den vergangenen drei Jahren im Schnitt nur an jeweils rund 15 Tagen ungünstige Bedingungen für Wind und Sonne zusammen. Das sind nur rund vier Prozent aller Tage im Jahr – und diese waren allesamt in der Zeit zwischen Oktober und Februar. Zugleich liegt der Anteil von Wind- und Solarstrom immer seltener unter einem bestimmten absoluten Schwellenwert: Im Jahr 2025 hatten beide Erzeugungsformen zusammengerechnet nur an 16 Tagen unter 15 Prozent Anteil an der Stromerzeugung, vier Jahre zuvor waren es mit 31 Tagen noch fast doppelt so viele. „Der starke Ausbau von Wind- und Solarenergie stellt kein Klumpenrisiko für Deutschland dar. Beide Energiequellen wirken effektiv zusammen“, lässt sich KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher in der Pressemitteilung zur Studie zitieren.

Negative Strompreise belasten erneuerbare Energien

Sobald die erneuerbaren Energien dauerhaft ein stabiles Stromnetz garantieren können, könnten fossile Kraftwerke endgültig ihren Betrieb einstellen, hofft Henze. Dann falle auch der Grund für negative Strompreise weg. „Diese entstehen, weil fossile Kraftwerke nicht so ohne Weiteres und vor allem nicht schnell abgeschaltet werden können. Das heißt, sie laufen auch dann, wenn eigentlich ausreichend Strom aus erneuerbaren Energien zur Verfügung steht. So entsteht ein Überangebot, das mit negativen Strompreisen kompensiert wird, während Erneuerbare-Energien-Anlagen abgeschaltet werden und in dieser Zeit kein Geld verdienen. Das ist ein großes Problem, das endlich gelöst gehört“, sagt Henze.

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